9. Juni 2015

Bayerns Gesicht – dem ökonomischen Druck nachgeben?

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Bayernpräludium – Landschaftszerstörung oder eine neue Form urbaner Kulturlandschaft? Landschaftskult und Kulturlandschaft als Challenge regionaler Identität im 21. Jahrhundert, in Bayern, Franken, Schwaben, in der Oberpfalz und anderswo, austauschbar. (Fotograf: Dr. Jörg Heiler, Kempten)

von Dr. Jörg Heiler

Architekt und Stadtplaner, Kempten

Heimat Bayern 2020 (1) – ein Programm des bayerischen Heimatministers – provoziert aktuell eine dringende Diskussion über das räumliche Gesicht (2) Bayerns. Denn die darin diskutierte weitere Lockerung des Anbindegebots an bestehende Siedlungsstrukturen wird Landschaften in Bayern verstärkt herausbilden, die kaum mehr etwas mit den Bildern vorindustrieller Landschaften in unseren Köpfen zu tun haben.

Die Stadtlandschaften, von denen hier die Rede ist, entstanden mit der Industrialisierung und der Auflösung der Grenzen zwischen Stadt und Land. Seit mindestens ein oder zwei Generation sind sie für jeden konkret im Alltag erfahrbar. Dennoch werden die Stadtlandschaften von Öffentlichkeit und Politik entweder ignoriert, vertuscht oder für das technische und ökonomische Funktionieren unserer Gesellschaft gerechtfertigt. In der Fachwelt sind sie spätestens dank Thomas Sieverts‘ Zwischenstadt Thema. Aus dem akademischen Elfenbeinturm kommen sie dennoch kaum in den Alltag – zumindest nicht im Freistaat.

Denn wie kann es sonst sein, dass hierzulande Tourismus und Imagekampagnen immer noch Bilder vermeintlicher Ideallandschaften kompakter Altstädte in naturräumlich geprägten Landschaften vor sich her tragen, allerdings seit Jahrzehnten und tagtäglich von uns verstädterte und technisierte Landschaften weiter real gebaut werden? Und je mehr Trachten bemänteltes Brauchtum beschworen wird, je mehr werden die bayerischen Kulturlandschaften früherer Generationen und Gesellschaften verändert.

Zur Frage, welche Landschaften unsere Zeit produziert, gehört auch die Diskussion, ob unsere mobile, digitale und individualisierte Gesellschaft (3) – eine weitgehend verstädterte Gesellschaft – nicht in Widerspruch zu einem starren Gegensatz zwischen Stadt und Land oder zwischen Zentrum und Peripherie steht?

Diese Widersprüche sollten aufgelöst, zumindest bewusst werden, wenn das Gesicht Bayerns zur Diskussion steht. Spätestens dann, wenn man dieses Gesicht weiter verändern möchte.
Am Anfang steht damit die Anerkennung der Stadtlandschaften als Realität auch in Bayern. Neben der Pflege tradierter Landschaften besteht die Aufgabe, diese Stadtlandschaften weiterzuentwickeln und zu gestalten. Wir sollten uns um unsere Stadtlandschaften als Schichten unseren zukünftigen Kulturlandschaften kümmern. Das bedeutet in erster Linie die Qualifizierung vorhandener Stadtlandschaften. Nicht nur auf einer ‚harten‘ technisch-funktionalen Ebene, sondern auch auf einer ‚weichen‘ kulturell-sinnlichen Ebene. Falls neue Stadtlandschaften erforderlich sein sollten, sind eine breite Diskussion von Entwurfsstrategien und anpassungsfähige Vorstellungen über deren Struktur und Gestalt unausweichlich. Ein ‚Laufenlassen‘ nach dem einfallslosen Motto ‚jede Autobahnausfahrt bekommt ihr Gewerbegebiet‘ bedeutet hier kurzatmigen Aktionismus und wird zum schweren Erbe für kommende Generationen.

Was also machen wir in Zukunft mit den Stadtlandschaften in Bayern? (4)
Wie können Öffentlichkeit und Politik für Stadtlandschaften sensibilisiert werden?
Wie überbrückt man die Kluft zwischen geschätzten Bildern und wirklichen Landschaften?
Welche räumlich-ästhetischen Qualitäten haben diese Lebensräume?
Welche ökonomischen, sozialen und kulturellen Möglichkeiten stecken in ihnen?
Welche Stadtlandschaften hinterlassen wir zukünftigen Generationen?

Denkbare Antworten und Handlungsmöglichkeiten, die hier skizzenhaft in den Ring geworfen werden, setzen auf einer räumlich-architektonischen Ebene an – vor Ort und in der Region.

Öffentlicher Raum und Handlungsraum
Die gegenwärtigen Stadtlandschaften erschweren durch ihre Fragmentierung eine öffentliche Zugänglichkeit. Eine Vielfalt von öffentlichen Räumen mit Aufenthaltsqualität und Zugänglichkeit ist daher eine entscheidende Qualität. Landschaft soll öffentliche ‚Bühnen‘ für Aktivitäten, Begegnung und Kontemplation ermöglichen.

Atmosphäre und sinnliche Erfahrung
Das Wesen einer Landschaft wird besonders von Atmosphären geprägt, die auf alle Sinne wirken, zugleich Gefühl und Geist ansprechen. Atmosphäre trägt zum Charakter einer Landschaft bei, ist Identität stiftend und schafft etwas Eigenes. Die Atmosphäre einer Landschaft ist nicht das Gleiche wie Ihr Bild, sie geht über das Visuelle hinaus. In einer globalisierten, mehr und mehr gleichförmigen Welt wird dies als Alleinstellungsmerkmal ausschlaggebend sein.

Gestalt
Morphologie und Gestalt der Stadtlandschaft wird insbesondere in der Bewegung im Zug, im Auto, auf dem Rad oder beim Fernblick erlebbar. Wichtig sind hierbei die Integration von Objekten wie Windkraftanlagen, die als Landmarken sichtbar sind, und die Gestaltung von Infrastrukturen. Hierzu sowie zur Offenhaltung von Landschaft gehört auch die Diskussion einer neuen Rolle der (Stadt)Landwirtschaft.

Vielfalt und Komplexität
Es ist wenig sinnvoll, gegebene Überlagerungen, Komplexität, Differenzen oder manchmal sogar ‚Brüche‘ auszublenden, sondern als Potential für den Entwurf einer Stadtlandschaft zu nutzen. Potential steckt zudem in der sorgfältigen räumlichen und zeitlichen Überlagerung unterschiedlicher Nutzungen.

Vernetzung und Anschlussfähigkeit
Eine regional gedachte Stadtlandschaft kann die häufig ‚autistischen‘ kommunalen Planungen miteinander vernetzen. In sich funktionierende, nur an die Verkehrsinfrastruktur angedockte Gewerbegebiete oder andere funktionshomogene Systeme können anschlussfähig gemacht werden. Raumwechsel von einem Raum der Stadtlandschaft in einen anderen und Zusammenhänge werden in der Bewegung durch Gliederungen, Weitungen oder Verengungen, Schwellen und andere leiblich erfahrbare Konstellationen spürbar.

Zweifellos gibt es für gestaltete Stadtlandschaften nur wenige Beispiele. Darin liegt eine große Chance für Bayern. Architekten, Landschaftsarchitektinnen und Städtebauer sind gefordert, sich in diese Prozesse interdisziplinär und fachübergreifend einzubringen. Und das heißt, gesellschaftspolitisch zu denken – und zu agieren.

(1) Regierungserklärung des bayerischen Staatsministers der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat Dr. Markus Söder vom 27. November 2014 (2) Zitat aus dem Entwurf des Landesentwicklungsprogramms 2012 der bayerischen Staatsregierung (3) Henri Lefèbvre, Die Revolution der Städte (4) Jörg Heiler, Gelebter Raum Stadtlandschaft. Taktiken für Interventionen an suburbanen Orten
(1) Regierungserklärung des bayerischen Staatsministers der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat Dr. Markus Söder vom 27. November 2014
(2) Zitat aus dem Entwurf des Landesentwicklungsprogramms 2012 der bayerischen Staatsregierung
(3) Henri Lefèbvre, Die Revolution der Städte
(4) Jörg Heiler, Gelebter Raum Stadtlandschaft. Taktiken für Interventionen an suburbanen Orten

4 Gedanken zu „Bayerns Gesicht – dem ökonomischen Druck nachgeben?“

  1. Gibt es kein anderes Instrument, den Zugriff auf frisches Land zu lockern, um den Gemeinden eine (vermeintlich) materiell abgesicherte Zukunft zu bieten?
    Greift dies überhaupt nachhaltig ?

    Ich verbrachte meine Kindheit am Rand des Ruhrgebiets in einer Kleinstadt. Unsere Spielräume lagen zwischen Bauernhof, Kohlehalde, Kiesgrube und ein bisschen Wald.

    Die Konkurrenz der dortigen Kommunen um einzelne Betriebe, insbesondere mit dem Rückgang des Bergbaus, führte und führt zum überwiegend schonungslosen Umgang mit den ohnehin wenigen Landschaftsräumen, die zunächst wegen Ihrer Bodenschätze „gehoben“ wurden. Der ökonomisch Druck hat allzeit und allerorts Vorrang.

    Gebracht hat dies alles den Kommunen wenig, sie wurden systematisch gegeneinander ausgespielt und stehen ökonomisch häufig am Rand.

    Und Urlaub macht man – klar – in Bayern!
    Das sollte auch der Politik zu denken geben!

  2. Lange Rede, kurzer Sinn: Wenn auch alles richtig, hätte man das doch auch kürzer und prägnanter bringen können. Ich stimme allerdings voll zu. Wir brauchen mehr Vielfalt und Komplexität!

  3. Die Mißachtung des ländlichen Raums insbesondere auch ausgewiesener Landschaftsschutzgebiete ist schon heute bedauerlicherweise in Bayern häufig anzutreffen.
    Für im Aussenbereich gelegene, nicht mehr aktiv bewirtschaftete Bauerngehöfte wird flugs eine gemischtgewerbliche Nutzung genehmigt; anschliessend ein Gewerbegebiet geplant. Dem gesetzlichen Anbindungsgebot hat man somit entsprochen.
    Aktuell wird dies im Landkreis Starnberg praktiziert; siehe http://www.rettet-den-schmalzhof.de

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Prof. Dr. Egon Johannes Greipl

Generalkonservator des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege a.D., Stadtrat der Stadt Passau.

Der klassische Heimatbegriff könnte ausgedient haben. Die Pflege der Geschichte, der Landschaft und der Denkmäler sind ins Hintertreffen geraten. Unkritische Technik- und Machbarkeitsgläubigkeit ersetzen im politischen Diskurs die Diskussion von Werten und Zielen.

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In Bayern wurden im Jahr 2012 jeden Tag 17 Hektar in Siedlungs- und Verkehrsfläche umgewandelt. Während Gewerbegebiete und öde Siedlungen den Lebensraum füllen, verschwinden die Denkmäler und Ensembles, die Garanten für das kollektive Gedächtnis. Parallel zur Zersiedelung schreitet der von der Agrar-Industrie verursachte Ruin des Bodens, des Grundwassers und der Lebensräume von Pflanzen und Tieren. Die uferlose Baulandausweisung lässt die Ortskerne sterben. Der öffentliche Raum verkommt; neues Pflaster, hübsche Brunnen und schicke Straßenmöbel bleiben hilflose Versuche, die Vitalität zu retten.

Technokratische Patentrezepte, beispielsweise Gewässerregulierung, Autogerechte Stadt und Flurbereinigung, haben den Lebensräumen immer geschadet. Die Energiewende ist das Patentrezept von heute. Begriffen wie Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung tarnen massive kommerzielle Interessen. Die Schönheit der Schöpfung wird skandalös gegen die Zukunft der Menschheit ausgespielt, und Naturschützer tun beim Verrat der Natur mit, wenn sie den unkontrollierten Ausbau von Windkraftanlagen in Landschaftsschutzgebieten dulden. Die unterdrückten Frage ist: Heißt Energiewende nur, einen ständig steigenden Energiebedarf auf eine andere, vorgeblich regenerative Art zu decken? Oder geht es auch um die Veränderung unserer Lebensweisen und Ansprüche?

Statt die problematische Entwicklung unserer Lebensräume ehrlich zu analysieren und Konsequenzen zu ziehen, verdrängen und kompensieren wir die Verluste: Wo geschlossene Ortsbilder reihenweise verschwinden, bleiben Traditionsinseln stehen, und einzelne Häuser werden zu Museumsobjekten präpariert. Wenige Objekte werden, werbewirksam ausgezeichnet mit internationalen Etiketten, zu Orten des Massentourismus und allmählich zu dessen Opfern.

Das Bild vom liebenswerten Bayern ist auf dem Weg zum doppelten Klischee des alpenschönen Hightech – Landes. In der Wirklichkeit entspricht diesem Klischee nur mehr die Schönheit ausgesuchter Ausschnitte und ausgesuchter Blickwinkel: Postkarten-Idyllen. In der Diskussion um die Gestaltung unseres Lebensraums müssen wir wieder über Werte wie Schönheit und Geschichte reden. Stattdessen beherrscht die Rede vom ewigen Wachstum die Szene. Von dessen Qualität, Steuerung, Gestaltung, sozialer und ökologischer Verträglichkeit hört man wenig. Im Wachstumsrausch werden leider Regeln und Errungenschaften preisgegeben, die in Jahrhunderten erdacht und erkämpft wurden: Stadtplanung, Landschaftsschutz, Naturschutz, Denkmalschutz. Bedenken wir wieder: Regeln erst schaffen Zivilisation. Der Verzicht auf solche Regeln bahnt den Weg zurück in die Dritte Welt.

Ein Gedanke zu „Prof. Dr. Egon Johannes Greipl“

  1. Endlich mal jemand, der die Wahrheit mutig ausspricht. Meine vollste Zustimmung. Mehr davon!

Kommentare sind geschlossen.

Prof. Dr. Stefan Kurath

Architekt und Urbanist, Zürich und Graubünden

„ Also jedenfalls … dann nach den Wohnwägen, da fährst’ auf eine Schredderanlage zu, ja … und daneben ist eine Sondermüllanlage. Da kannst’ aber nicht reinfahren, da musst’ eh rechts vorbei. Da wird’s auch schon a bissl ländlicher.

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Da merkst’ dann schon, dass du von der City wegkommst. … Nur immer weiter … Dann kommt wieder so ein Industriepark.“ Die Wegbeschreibung von Gerhard Polt aus dem Jahre 1984 würde wohl heute nicht anders klingen. Gesichts- und identitätslos war Bayern damals schon. Bayern gibt es nicht! Dies vermutlich der allgemeine Tenor in Architektur und Städtebau als Replik auf Polts Geschichte.

Bayern gibt es nicht – zumindest nicht das Bayern das man gerne hätte, das Bayern mit richtiger Stadt und richtigem Land. Das richtige Bayern existiert in den Köpfen der Architekten und Architektinnen, in ihrer disziplineneigenen Ideengeschichte und Theorie von Stadt und Land. Nur zeichnet sich im Alltag eine seltsame Diskrepanz zwischen Idealvorstellung und Stadtwirklichkeit ab. Der aus Geschichte und Theorie abgeleitete Rezeptblock mit Dichte, Ordnung, Architektur zur Behebung städtebaulicher Probleme und Ausbildung von räumlicher Identität ist offensichtlich wenig raumwirksam.

Mitnichten ist dies eine bayrische Eigenart, als vielmehr Ausdruck einer Jahrzehnte andauernden disziplinären Krise – europaweit. Offenbar referenzieren und rezipieren wir Architekten und Architektinnen mit unseren Rezepten an der Welt vorbei. Theorie und Geschichte in Architektur und Städtebau, wie die mit diesen an den Hochschulen gelehrten Handlungstheorien scheinen im Bezug zum Raum heutzutage vor allem eines: irrelevant. Nicht weil die Inhalte falsch wären, sondern weil die gesellschaftliche Entsprechung offensichtlich fehlen. Auch wenn Architektinnen und Architekten wissen wie Stadt und Land auszusehen haben, kaum jemand will ihren Vorgaben noch Folge leisten.

Offensichtlich hat Architektur und Städtebau den Kontakt zu ihrer Außenwelt verloren. Zu sehr mit sich und der eigenen Geschichte beschäftigt, haben wir uns als Denkkollektiv und Disziplin von den alltäglichen Dingen Schritt für Schritt entfernt.

Es gibt nur einen Ausweg aus diesem Dilemma: Sich mit der städtebaulichen Praxis und der ihrer Disziplin zu beschäftigen! Unser Bayern gibt es nicht – wird es nie geben! Dieser Ausgangspunkt ermöglicht einen neuen Blick – nicht nur auf Bayern, auch auf den Diskurs der Stadtlandschaften. Die Modernen Wissenschaften haben uns gelernt, dass alles zugeteilt, eingeteilt, aufgeteilt, festgestellt, festgehalten, festgeschrieben, verglichen, verallgemeinert werden kann, bis die Stadtwirklichkeit eben Stadt oder Land oder das Dazwischen ist. Diese Reduktion führt dazu, dass das Spezifische, das Lokale, das Einzigartige zugunsten der Kategorienbildung entfernt wird. Die daraus resultierende Distanz zur Stadtwirklichkeit und damit einhergehend die daraus resultierenden Unterscheidungsblindheiten in Theorie und Ideengeschichte sind denn auch bestimmend für die heutige disziplinäre Krise.

Fügen wir unserem Denken wieder Realismus hinzu, indem wir uns mit der disziplinären wie auch der gesellschaftlichen Praxis befassen, zeigen sich die Stadtlandschaften als „kollektives Experiment im gesellschaftlichen Labor“. Vor diesem Hintergrund wird offensichtlich, dass sich die Entstehungsgeschichte eines jeden Ortes sich von derjenigen der anderen unterscheidet. Jeder Ort wird im Rahmen gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse tagtäglich wieder neu zusammengesetzt, verändert. Nur wer sich als Teil davon versteht, eine Beziehung dazu herstellt, wird an dieser Realität mitarbeiten können. Damit wird auch offenkundig, was Identität meint – die biografische Bindung des Selbst zum Raum.

Es ist also an der Zeit nicht mehr länger den Verlust von Zuständen zu beklagen – Zustände die es nie gegeben hat und nie geben wird. Es ist an der Zeit sich dem Alltag wieder hinzuwenden, um zu verstehen wie etwas wirklich ist – mit dem Ziel die Verknüpfungen zwischen disziplinären Inhalten und Stadtwirklichkeit wieder herzustellen. Die Auseinandersetzung mit der Stadtlandschaft als gelebter Raum, sowie das Entwickeln von Taktiken für Interventionen an suburbanen Orten sind dabei ein Weg in die richtige Richtung. Dieses Vorgehen führt nicht nur dazu, dass Menschen ihre Beziehungen zum Raum (wieder) erneuern, es befördert – was viel notwendiger scheint – dass die Architektinnen und Architekten (wieder) proaktiv mit der realen Welt in Kontakt treten.

Prof. Dr. Gerald Beck

Sozialwissenschaftler, München

Die Unterscheidung von Stadt und Land ist längt überholt.

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Die Fachdebatte wird um vermittelnde Begriffe wie „StadtLandschaft“ oder „Zwischenstadt“ geführt und die Konzepte sind wohl auch
geeignet, die durch rapide voran schreitende Zersiedelung entstehenden Gebilde zu beschreiben. Einen anderen Blick auf das Phänomen ermöglicht der in der neueren Techniksoziologie verwendete Begriff der „Infrastruktur“. Der Blick auf Infrastrukturen, zu denen Zwischenstädte selbst genau so zählen wie ihre Anbindung, zeigt, dass Infrastrukturentscheidungen nicht nur funktionell oder ökonomisch zu betrachten sind. Die Entscheidungen über Infrastrukturen sind, wie die Techniksoziologin Susan Leigh-Star gezeigt hat, immer auch politische, moralische und soziale Entscheidungen darüber, wie wir leben werden und welche Gruppen an diesem Leben teilhaben
können.

Infrastrukturen entfalten sich erst in ihrer sozialen Aneignung oder eben in sozialen Zugangsbeschränkungen die durch sie manifestiert werden. So können Straßen nicht nur verbinden, sondern (z.B. bei mangelnder Erschließung durch öffentlichen Nahverkehr) auch in
Form von Distanzen bestimmte Bevölkerungsgruppen ausschließen. Infrastrukturen bleiben uns meist verborgen, sie werden erst dann sichtbar, wenn sie versagen. Zwischenstädte – ob in Form des Einkaufszentrums auf der ehemals grünen Wiese, des Gewerbegebietes an der Autobahnausfahrt oder der Reihenhaussiedlung, die irgendwo am Ortsrand wie ein Raumschiff
andockt – müssen also gesellschaftlich ausgestaltet werden. Die Basis dafür wird auch in der ästhetischen Gestaltung dieser Infrastrukturen gelegt. Wird Funktion nur ökonomisch und
technisch gedacht oder auch sozial (jenseits aller sozialtechnischen Phantasien)? Inwieweit sind Bürgerinnen und Bürger an Planungsprozessen beteiligt? Gibt es Freiräume oder Zwischenräume, die sich Bürgerinnen und Bürger in Form von gelebtem, öffentlichem Raum aneignen können? Wie können diese Prozesse mit partizipativen Verfahren unterstützt werden? Aber auch: Welche Rolle spielen die ökologischen Folgen von ungebremstem Flächenverbrauch?

Letztendlich geht es auch um die Frage nach dem Gesicht Bayerns. Wollen wir ein Gesicht für das Museum und den Katalog (Dorf, See, Kühe, Berge, Dirndl) und eines für den Alltag? Oder finden wir sozial innovative Wege zur Gestaltung von StadtLandschaft: nicht nur in Form von umbautem Raum, sondern in Form von gelebtem Raum?

Prof. Mark Michaeli

Architekt und Städtebauer, München

Zwischen Stadt und Land bleibt das Suburbane schwer einzuordnen.

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Während manchem die Kleinteiligkeit und Durchgründung der Strukturen zur Argumentation einer Nähe zu ländlichen Siedlungsformen dient, verweist der Begriff „suburban“ zweifellos auf die untergeordnete Anhängigkeit des Phänomens zu urban geprägten Lebensstilen, Funktions- und Raumstrukturen. Mag aus individueller Sicht daraus zunächst eine verheißungsvolle Mischung aus Qualitäten beider Extreme entstehen, offenbart spätestens die gebündelte Betrachtung aller dieser Einzelinteressen einen entscheidenden Mängel suburbaner Siedlungsräume: Das Gemeinsame, das der Identifikation dienende, kommt zu kurz. Es wird vermisst in der Abwesenheit von qualitätvollen Räumen der Öffentlichkeit ebenso wie im Entsetzen über die in trivialer Partikularlogik für Siedlungszwecke verwertete Landschaft. Häufig argumentiert bedeutet diese räumliche Entwicklung die Entäußerung jener Qualitäten, welche den Antrieb zum ursprünglichen Siedlungsentscheid gaben. Desillusioniert bleibt nicht selten der Rückzug in nur individuell überblickbare und umzusetzende Projekte, somit ins selbst zu kontrollierende Idyll, die eigene Scholle übrig.

Mit Glück sind von dort bei klarem Wetter die Sehnsuchtsorte des Zugspitzmassivs oder die allgegenwärtigen zwiebelförmigen Kirchtürme, mit denen das Gesicht Bayerns nach außen – durchaus erfolgreich – beworben wird, am Horizont erkennbar. Im Lebensalltag aber sind diese Orte unendlich fern. Das Nahe hingegen wird zunehmend unansehnlich. Die Hinnahme dieses Phänomens in der (gesellschafts-)politischen Diskussion kann nur erstaunen. Wird doch ein nicht zu vernachlässigender Teil politischer Argumentation im Freistaat auch auf der aus Bodenständigkeit und Identifikation mit dem konkreten Lebensumfeld gewonnenen Stärke abgestützt. Während Bayern sowohl im ländlichen Raum als auch in den Städten allerdings bereits über etablierte und ständig weiterentwickelte Werkzeuge und Verfahren der der Verbesserung der Lebensumfelder verfügt, klafft im „Dazwischen“ – nicht Stadt, nicht Land – eine große Lücke. Bedauerlicherweise wird diese auch nicht zu füllen sein, wenn nicht grundlegende Aspekte etablierter Landesentwicklung infrage gestellt werden, wie von Fachleuten vermehrt vehement eingefordert. Die Raumproduktion in den suburbanen oder zwischenstädtischen Bereichen stellt als sich wesentlich komplexer da, als es jede „einfache“ Novellierung eines Systems der zentralen Orte abzubilden vermag, die Prozesse der räumlichen Entwicklung wollen sich hier nicht an die Zuschnitte administrativer Räume halten und setzen als Grenzeffekte zerstörerische Kräfte frei.

Man kann nun kaum behaupten, diese Phänomene seien in Bayern unbekannt. Die mit der räumlichen Entwicklung befassten Verwaltungen sind sich der fachlichen Herausforderung längst bewusst. Allein, im Umgang mit den vor- und zwischenstädtischen Siedlungsformen fehlt offensichtlich jener politische Mut, welchen unsere Nachbarn zum Beispiel in der Schweiz oder Frankreich aufbrachten, als sie erkannten, dass allein die regionale, doch aber lokal verankerte Integration und Diskussion jenen Zuschnitt bieten kann, räumliche Phänomene in Agglomerationen sinnstiftend beeinflussen zu können, indem unproduktive Konkurrenzen aufgelöst, mögliche Synergiepotenziale erschlossen wurden, dadurch Mittel für die Qualifizierung des Raumes ausgelöst werden konnten, welche bis anhin unproduktiv gebunden waren. Dies erklärt einerseits, warum die als freiwillige, dennoch verbindliche und selbstverpflichtende Anreizsysteme konzipierten Programme sich längst als ergänzende Querschnittsinstrumente etablieren konnten. Andererseits konnte ermutigend beobachtet werden, wie groß das Interesse von Spezialisten und Laien aus der Region war und ist, an diesem durchaus anstrengenden, doch konstruktiven Findungs-, Erarbeitungs- und Koordinationsprozess teilzuhaben, in gemeinsam vereinbarten Grundlagen und Zielen der räumlichen Entwicklung Orientierungsmarken zu setzen, um mit Sorgfalt und Umsicht das Gesicht des eigenen Lebensumfeldes attraktiv und nachhaltig weiterzuentwickeln.

Prof. Ingrid Burgstaller

Architektin, Stadtplanerin, München

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Wir fahr’n fahr’n fahr’n, auf der Autobahn
Vor uns liegt ein weites Tal
Die Sonne scheint mit Glitzerstrahl
Die Fahrbahn ist ein graues Band
Weiße Streifen, grüner Rand

(Kraftwerk, Autobahn, 1974)

Diesem hypnotischen (Lebens-)Gefühl geben wir uns heute noch gerne hin. Kaum merken wir, welcher Wandel sich seit den letzten 40 Jahren vollzogen hat. Nicht nur, dass unsere Reisegeschwindigkeit zum Rhythmus nicht mehr passt, auch das „graue Band“ liegt nicht mehr mit „weißem Streifen“ im „grünen Rand“ sondern wurden durch technische Elemente der Sicherheit, Kontrolle und des Lärmschutzes abgelöst und mit Ausgleichsgrün garniert.

Immer ausuferndere Infrastrukturen der globalen Transport- und Kommunikationsflüsse begleiten scheinbar nur der Effizienz des Kapitals folgend den Fahrbahnrand. Die so entstandenen logistischen Landschaften (Kunert, Ngo, Archplus 205, S.11) entziehen sich jeglicher tradierten Gestaltungsvorstellung. Spätestens bei der Ausfahrt in einen sogenannten Autohof wünscht man sich eine gestalterische Logik, bei der die eigene Raumerfahrung Anschluss finden kann. Die lockende Fernwirkung der Rast verheißenden Werbetürme schicken einen vor Ort in ein orientierungsloses ungeplantes stresserzeugendes Nebeneinander von Nutzungen die alle zusammen das Potential zum städtischen hätten. Handels- und Dienstleistungsbauten (Essen, Trinken, Tanken, Reparieren, Lagern, Verteilen), Freizeitflächen (Erholen, Spielen, Gassi gehen) und Wohnnutzungen (Temporär im Motel oder im LKW, Hausmeisterfamilie, Angestellte) werden ohne nachvollziehbare Logik zwischen Stellplätzen, Asphaltwüsten und Straßenspuren verteilt.

Sind die Infrastrukturen längs der durch das Land führenden Straßen so denkfaul in die Landschaft gesetzt, weil sie scheinbar monokausal den Anforderungen der Ökonomie folgen? Sind gesetzlich erforderliche ökologische Ausgleichsmaßnahmen nur deswegen rein quantitativ und finden folglich soziale und gesellschaftliche Bedürfnisse auch kein Gehör?

Die Geschichte des Siedelns und Handelns hat aber gezeigt, dass immer dann Planung einsetzt, wenn die Logik der Strukturen, der Mehrgewinn für Handel und die Notwendigkeit nach Sicherheit erkannt wird, der Wunsch nach Repräsentation aufkommt und die sozialen sowie gesellschaftlichen Anforderungen an Dienstleistungen steigen. Dafür scheint die Zeit noch nicht reif zu sein. Das ist fatal, denn unsere sich im Wandel befindende Kulturlandschaft verlangt jetzt nach den richtigen vorausschauenden Gestaltungsmodellen für eine neue Qualität unserer gestiegenen Mobilität.

Ein Gedanke zu „Prof. Ingrid Burgstaller“

  1. Auch wenn ich ein großer Freund von Kraftwerk bin, sehe ich doch die Geschichte des Siedelns und Handelns – wie von Frau Burgstaller beschrieben – etwas kritischer. Wir brauchen nicht noch mehr Regelungen durch verschiedene Gestaltungsmodelle, sondern tatsächlich (doch) mehr Gestalter, die auch den Mut haben, einmal Neues zu entwickeln, neue Wege einzuschlagen. Sicherlich gehört auch irgendwo immer ein Blick zurück dazu, doch rein nur auf immer neue Regeln zu schielen, ist, denke ich, der falsche Weg, denn es ist doch gerade MEHR Gestaltungsfreiraum, den wir brauchen.

Kommentare sind geschlossen.

Walter Heidl

Präsident des Bayerischen Bauernverbandes, München

Gerade in den ländlichen Räumen prägen landwirtschaftliche Gebäude das Gesicht Bayerns.

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Fachwerkhäuser in Franken, massive Jurahäuser im Altmühltal, Bundwerkstadel im Südosten Bayerns oder die Bauernhäuser mit ihren breiten, blumengeschmückten Balkonen im Oberland sind nur einige Beispiele der vielerorts allgegenwärtigen, bäuerlichen Baukultur. Die Bauernfamilien schaffen so bis heute Heimat.

Dabei war das Bauen auf dem Land lange von den Rohstoffen vor der Haustür und von den klimatischen Bedingungen vor Ort geprägt. Die Tatsache, dass mit den verfügbaren Materialien gebaut werden musste, führte zu einer Gestaltung, die von der Region und der Landschaft geprägt wurde und selbst zum Markenzeichen wurde. So entstand ein selbstverständliches Zusammenspiel zwischen der Kulturlandschaft sowie den Siedlungen und Dörfern, es entstanden regionale Kreisläufe und typische Baustile.

Diese Baukultur auf dem Land hat sich in ihrem Wesen lange erhalten – selbst dann noch, als sich das Antlitz und das Leben in den Städten bereits grundlegend veränderten. Clevere Konstruktionen schützten vor Wind und Wetter, geschlossene Baukörper halfen Energie zu sparen. Grundrisse oder Baustile haben das tradierte Wissen bis in die Gegenwart hinein getragen. Es wäre ein leichtes, viele Erfahrungen für die Zukunft zu nutzen.

Doch die Realität sieht vielerorts anders aus: unterschiedlichste Materialien und Stile werden vermischt. Obwohl in Bayern täglich 18 Hektar fruchtbarer Boden unter Beton und Teer verschwinden, soll das Anbindegebot im Landesentwicklungsplan weiter gelockert werden. Dörfer verlieren ihre lebendige Mitte und stattdessen entstehen neue Gewerbegebiete und Einkaufszentren. Wir brauchen Bau- und Flächennutzungskonzepte! Aber erst langsam setzt ein Umdenken ein. Kommunen arbeiten an gemeinsamen Lösungen, hier und da wird der Innenentwicklung wieder die nötige Aufmerksamkeit geschenkt und es werden brachliegende Flächen genutzt.

Auch Naturmaterialien aus der Region werden wieder beliebter. Das ist von entscheidender Bedeutung, da 50 Prozent aller in Deutschland genutzten Rohstoffe in den Bau und Betrieb von Gebäuden fließen. Holz kann dabei viele andere Produkte ersetzen, die in ihrer Herstellung sehr energieaufwändig sind, wie z.B. Stahl, Beton oder Kunststoffe.

Als nachwachender Rohstoff muss Holz heute als der Baustoff des 21. Jahrhunderts gelten. Auf den nachhaltig bewirtschafteten Flächen der 700.000 bayerischen Waldbauern wachsen jährlich rund 12 Festmeter pro Hektar nach, in Bayern ist das ein Festmeter pro Sekunde. In einer Minute wächst damit so viel Holz nach, dass man ein Einfamilienhaus daraus bauen kann.

Genau dieses vielseitige und umweltschonende Werk- und Baumaterial zeigt auch, dass nachhaltige ländliche Baukultur nicht von gestern ist. Moderne Holzkonstruktionen setzen Akzente und oft auch Qualitätsmaßstäbe für zukunftsweisendes Bauen. So kann aus den Erfahrungen der Vergangenheit ein nachhaltiges und zeitgemäßes Gesicht Bayerns entstehen.

Prof. Dr. Cordula Kropp

Sozialwissenschaftlerin, München

Das Regionalmarketing zeichnet allzu gern ein Gesicht Bayerns im Stile weiß-blauer Heimatromantik: Barocke Kirchen vor Alpenpanorama, Schlösser und Bauernhäuser vor Badeseen, Kunst und Kultur in belebten Innenstädten.

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Jenseits der schönen Bilder wachsen aber Funktionsbauten in die Flächen, bei deren Planung Ortsidentitäten, zukunftsgerechte Nutzungshorizonte und der Umgang mit räumlicher Vielfalt kaum eine Rolle gespielt haben kann. In ihrem Schatten verschwinden nicht nur Raumkategorien und architektonische Gestaltungsziele. Unter der vermeintlichen Homogenisierung nehmen zugleich räumliche Disparitäten zu und Spielräume für andere als instrumentelle Raumbezüge ab. Aus der Perspektive einer funktionalen und ökonomischen Bewertung fällt es schwer, der lebensweltlichen Bedeutung von Raumerfahrungen, der durch sie ermöglichten oder versagten Teilhabe und den langfristigen Entwicklungsbedarfen hinreichend Aufmerksamkeit zu schenken. Werden diese baulichen Hinterlassenschaften in der Zukunft als inspirierende Ausgangspunkte der Welterfahrung erlebt? Oder als planloses Ergebnis einer investorgetriebenen Fortschreibung des Status quo?

Die großen Probleme des Klimawandels, wachsender Ungleichheit und kultureller Konflikte werfen auch für die lokale Raumentwicklung neue Fragen auf. Notwendig erscheint eine bewusste Gestaltung sozial und baulich zukunftsfähiger Räume, die nachhaltig, inklusiv und demokratisch die kosmopolitischen Wirklichkeiten aufnimmt und zu gestalten versucht. Beim Ringen um gute Formen des räumlichen Zusammenlebens – mit dem kulturell Fremden, dem ökologisch Notwendigen und weiteren ausgeblendeten Dritten – geht es nicht um rückwärtsgewandte Konflikte zwischen Park und Parkhaus. Es geht um eine postindustrielle Neuerfindung bisheriger Raumansichten und -zugänge: Wie sehen Räume aus, die den historisch neuen, existenziellen Schicksalsgemeinschaften des kosmopolitischen Zeitalters Rechnung tragen? In welchen baulichen und infrastrukturellen Umwelten entstehen Verantwortlichkeit und Sensibilität für ökologische und soziale Abhängigkeiten und Wechselwirkungen? Welche Infrastrukturen eröffnen mehr Zugänge als sie verschließen?

Die räumliche Erfahrung fehlender Zukunftsperspektiven und sozialer, ökonomischer und ökologischer Ungerechtigkeit erzeugt weltweit Gewalt und Konflikte. Offene und auf Austausch angelegte Räume sind demgegenüber ein Nährboden bürgerlicher Zivilcourage. Alternative Raumansichten beleben den Möglichkeitssinn für konvivialistische Formen des In-der-Welt-Seins. Schon entstehen hier und dort in Baugemeinschaften, Zwischennutzungen, künstlerischen und zivilgesellschaftlichen Raumaneignungen lokale Nester transformativer Raumlabore. Was aber noch weitgehend fehlt, ist eine konzeptionelle Integration ihrer Ideen und Experimente in die Debatte über eine lokal anschlussfähige und global verantwortliche räumliche Entwicklung.

Hubert Juranek

Architekt und Fotograf, München

„Architektur ist Harmonie und Einklang aller Teile, die so erreicht wird, dass nichts weggenommen, zugefügt oder verändert werden könnte, ohne das Ganze zu zerstören“, so Leon Battista Alberti. Bereits Anfang des 15.

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Jahrhunderts beschäftigte sich Alberti mit den zentralen Fragen, die in Anbetracht der aktuellen städtebauliche Diskussion des „bayerischen Gesichts“ keinesfalls an Aktualität verloren haben. Im Gegenteil.

Sehen wir uns das München von heute an. Das Zentrum des Freistaates. Welches Gesicht haben wir vor Augen? Und welches wünschen wir uns zu sehen? Ist es ein potemkinsches Dorf, oder vielmehr die Perfektion der Urbanität? Die Frage ist: Was möchten wir sehen – als Investor, Architekt, oder gar Nutzer – angesichts eines Stadtbildes, das neuerdings von einer inflationären Repetition von links nach rechts, oben wie unten geprägt zu sein scheint. Ist es eine gesichtslose Stadt, die wir erschaffen möchten? Identitätslos in ihrer Makellosigkeit und Gleichförmigkeit? Entdeckungsarm und banal? Und möchten wir uns für dieses Endergebnis verantwortlich zeigen, es leidglich den direkten Protagonisten zur Last zu legen, oder vielmehr auch jedem mündigen Bürger, der nicht aufschreit, der nicht den Wahlzettel hebt und mit seiner Stimme eingreift? Die Bürgerrechte sind Pflicht und Verantwortung. Wer schweigt, stimmt zu.

Architektur überdauert länger als eine Handygeneration, sie wird nicht so schnell gepresst wie ein altes Auto, das unsere Straßen schmückte. Wir sind in der Pflicht mit Architektur Heimat zu erzeugen, die Identität schafft und die durch Entfernung das Ganze zerstören würde. Leben wir für das Ganze, stellen wir die Fragen die uns nach vorne bringen.

Die Fotografien werfen somit Fragen auf, die verschiedene Antworten zu Tage fördern. Es ist der Zwang hinzusehen, es entsteht ein voyeuristisches Gefühl. Die Bilder sind Vorspann, Hauptteil und Nachruf zugleich. Was bleibt, sind Fragen.

Mathias Pfeil

Generalkonservator des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege, München

Der demografische Wandel und das Leerfallen historischer Ortskerne sind ein alle betreffendes Problem. Stadt- und Ortslandschaften verändern sich, die gewohnte, „typisch bayerische“ Siedlungsstruktur ist gefährdet.

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Aber wen kann das wundern? Wenn die Wertschätzung für qualitätvolle Planung fehlt, muss man mit den Folgen leben. Stadt- und ortsräumliche Veränderungen sind ein sich langsam entwickelnder Prozess, der Einzelne bemerkt diese oft erst gar nicht und ist dann erstaunt, wenn sich unser lieb gewonnenes bayerisches Landschaftsbild „plötzlich“ verändert hat.

Aber: Eine klare Trennung zwischen Siedlungs- und Landschaftsräumen kann nur durch ordnende Faktoren erreicht werden. In Bayern ist dies die Landes- und Regionalplanung, auf kommunaler Ebene die Bauleitplanung mit Flächennutzungs- und Bebauungsplänen. Diese hoch geeigneten Instrumentarien zur Sicherung „gesunder“ Orts- und Stadtentwicklung wurden allerdings stark „demokratisiert“ und damit ausgehöhlt. Begonnen hat dies Anfang der 90-iger Jahre mit der Auflösung der staatlichen Ortsplanungsstellen, fortgesetzt wurde es mit der Delegation der Genehmigungen für Flächennutzungs- und Bebauungspläne auf die kommunale Ebene. Das wunderbare Strukturierungsinstrument übergeordneter Planung verlor so deutlich an übergeordnetem Aussagewert.

Nur: Kann man es einem Ortsbürgermeister denn übel nehmen, wenn er – innerhalb seines auf wenige Jahre begrenztem Gestaltungszeitraum bis zur nächsten Wahl – natürlich nur zum Wohle seiner Gemeinde – Neubaugebiete und Gewerbeflächen am Ortsrand ausweist, damit Steuereinnahmen sprießen? Es ist ja nicht seine Aufgabe überregional zu denken. Die jahrelangen Rufe nach mehr Eigenständigkeit wurden erhört, seine Planungshoheit wird nicht mehr von Beamten an Landratsämtern und Regierungen „reglementiert“.

Natürlich fehlt dadurch aber so der übergeordnete Blick. Durch großflächige Wohngebietsausweisungen ist der Druck auf die Ortskerne entwichen – über 3.500 Denkmäler stehen heute leer – und „plötzlich“ erkennt man das jahrelang nicht gesehene Problem. Die Identifikation-Zentren Bayerns, die historischen Ortskerne, haben als Standort für generationen- und nutzungsübergreifendes Wohnen und Gewerbe heute ausgedient, diese wunderbar heterogenen Räume mit ihrer unvergleichlichen Nutzungsmischung sind uninteressant geworden. Wohnen findet in Neubaugebieten und Gewerbe in immer größer gewordenen Super- Hyper- und Erlebnismärkten an Stadt- und Ortsrändern statt. Der Ortskern als wirtschaftliches Zentrum mit hoher Aufenthaltsqualität wurde abgelöst, „reine Funktionen“ haben vielfältige Nutzungsmischung ersetzt, Grenzen zwischen ‚Stadt‘ und ‚Land‘ sind kaum mehr wahrnehmbar.

Kommunale Denkmalkonzepte als Alternative

Das Landesamt für Denkmalpflege als „bewahrende“ Behörde arbeitet schon lange mit der Dorferneuerung und der Städtebauförderung zusammen, wenn es darum geht, Konzepte zur Attraktivitätssteigerung von Innenorten zu entwickeln. „Denkmalpflegerische Erhebungsbögen“ mit denen die kulturhistorischen Grundlagen ermittelt werden, wurden schon viele Hundert Male erstellt, jetzt sollen diese Bestandsaufnahmen um einen Analyseteil und einen Maßnahmenplan ergänzt werden. Aus dem „bewahrenden“ Erhebungsbogen wird so ein „gestaltendes“ Kommunales Denkmalkonzept. Mit dieser – natürlich förderfähigen – „Roadmap – Denkmalpflege“ soll für Kommunen der Anreiz dafür geschaffen werden, auf Basis ihrer historischen Werte eine „denkmalgerechte Zukunft“ zu entwickeln. Dem Leerfallen der Ortskerne soll entgegen getreten und Alternativen für gesichtslose Flächenausweisungen aufgezeigt werden. Ein Erfolg kann dies aber nur dann werden, wenn staatliche Förderstellen mitmachen und – wie es Anfang des Jahrtausends beim Programm „Soziale Stadt“ gewesen ist – politische Entscheidungen dies klarstellen. Unsere über Jahrhunderte gewachsenen „echten“ Siedlungs- Wohn- und Arbeitsräume, die historischen Ortszentren, sollen so wieder zum Ansatz künftiger Entwicklungen werden.

Prof. Dr. Sören Schöbel

Landschaftsarchitekt, Freising, Glonn

Für einen neuen Landschaftsvertrag* – Viele ländliche Räume sind durch Geringschätzung von Landschaft geprägt. Vor allem in den Alltagslandschaften lösen sich Siedlung, Landnutzungen und Infrastrukturen von ihren landschaftlichen Bindungen.

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Im Kleinen zeigt sich dies am Umgang mit dem natürlichen Relief oder historischen Flurstrukturen. Felder, Wege, Siedlungen und selbst Ausgleichsbiotope, werden durch Plan und Planierraupe von landschaftlichen Strukturen ‚befreit’. Im Großen sind es die Pläne der Gewerbegebiete, Fernstraßen- und Stromtrassen oder Windparks, die nicht in die bestehende Landschaft integriert, sondern von ihren Strukturen ‚emanzipiert’ werden.
Diese Rücksichtslosigkeit gegenüber Landschaft ist aber nicht allein ‚ökonomischem Druck’ geschuldet, sondern unserer industriellen Logik der Funktionstrennung. Wenn Landschaft mehr sein soll als funktional optimierter Produktions- und Reproduktionsraum, Lieferant für Teller, Trog, Tank und Tourismus, bedarf es der behutsamen Erneuerung und kritischen Rekonstruktion der Strukturen der Europäischen Kulturlandschaft. Der urbanistischen Theorie zu Europäischen Stadt entlehnt, sind es räumliche Formen, wie permanente Grundrisse und Texturen, die gleichermaßen Qualitäten von Identität und Differenz, Potenz und Resilienz beherbergen oder sogar provozieren.

Lassen sich solche elementaren gesellschaftlichen Qualitäten nur in der Stadt entwickeln? Hat nicht auch die europäische Kulturlandschaft – historisch bewiesen – das Potenzial, wirtschaftliche Kraft, soziale Stabilität, Integration von Zuwanderern, ökologische Vielfalt und räumliche Schönheit auch unter intensiver Nutzung zu gewähren?

Die Zukunft Bayerns liegt also weder in der Restauration noch Konservierung eines ‚Gesichts’, noch in der Preisgabe seiner Formen, sondern in der kritischen Rekonstruktion. Es geht weniger um ein Gebot der Anbindung, als um das Einfügen und Zusammenführen von modernen Landnutzungen, Siedlungen und Infrastrukturen mit der Morphologie der Naturlandschaft, ihrem Relief und ihrer Weite, mit den Texturen der Kulturlandschaft, ihrer historischen Flur, ihren Wege- und Straßennetzen und ihren Solitärbauten. Dies lässt sich innerhalb der bestehenden Planungslogik jedoch nicht gewährleisten. Es bedarf einer neuen Übereinkunft, eines neuen Landschaftsvertrages, zu verhandeln im Geiste des ‚neuen Stadtvertrages’ (Vgl. Hoffmann-Axthelm: Die dritte Stadt, 1993).

Eine solche neue Vereinbarung ist aber kein abstraktes Regelwerk, sondern ein dialogisches Verfahren für konkrete Planungen. Es verhandelt Trasse mit Relief; Landnutzung mit Wegenetz; Baugebiet mit Flur; Gesellschaft und Landschaft als öffentliche Angelegenheit.

* Dieser Text ist ein Abstract des gleichnamigen Artikels in: Franke/ Miosga/ Schöbel: Impulse zur Zukunft des ländlichen Raums in Bayern. Positionen des Wissenschaftlichen Kuratoriums 2014/2015. München, März 2015.

Marion Linke

1. Vorsitzende Bund Deutscher Landschaftsarchitekten Landesverband Bayern, bdla, Stadtplanerin und Landschaftsarchitektin, Freising, Landshut

Die zunehmende Beanspruchung von Fläche verändert das Gesicht Bayerns. Das bayerische Landschaftsbild wird im Allgemeinen und v. a. in der Tourismusbranche mit Alpen, Seen und idyllischen Dörfern gleichgesetzt.

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Insbesondere in denjenigen Landschaften Bayerns, in denen der Fremdenverkehr untergeordnet ist, wird der Druck auf die Ressource Landschaft gerade unter ökonomischen Sachzwängen immer höher. Siedlungserweiterungen und notwendige graue Infrastrukturmaßnahmen, wie beispielsweise Straßen und Leitungstrassen, werden primär nach technischen und funktionalen Gesichtspunkten ausgerichtet.

Aber gerade auch bei der Planung von Infrastrukturen ist die Berücksichtigung der Landschaft, d. h. eine Auseinandersetzung mit der Topographie und den Besonderheiten des Ortes wesentlich. Diese müssen mit baukulturellem Anspruch im umliegenden Raum umgesetzt werden, um auf Dauer Akzeptanz zu finden.

Andererseits gilt es nicht nur aus Gründen der Stadtökologie, des Klimaschutzes und der Erholungsnutzung zusammenhängende Freiräume im Stadtgefüge und prägende Landschaftsstrukturen zu schonen und zu erhalten. Diese werden inzwischen als eigenständige „grüne Infrastruktur“ bezeichnet.

Die Bewertung von Siedlungserweiterungen und Infrastrukturen ist hierbei sehr unterschiedlich. Während Brücken in der Regel als ästhetisch und schön, d. h. positiv beurteilt werden, ist die Bewertung von Straßentrassen, Sendemasten, Ver- und Entsorgungsanlagen sowie Freileitungen überwiegend negativ behaftet.

Bei den Energielandschaften entstehen hier weitere Herausforderungen. Es gilt möglichst im Vorfeld Entwicklungskonzepte maßgeschneidert für die unterschiedlichen Infrastruktur-Typen zu erstellen, so dass die Anordnung im Raum nicht dem Zufall und technischen Zwängen überlassen bleibt. Im Idealfall werden auch graue Infrastrukturen zum Wahrzeichen einer Region, wie Beispiele aus dem Ruhrgebiet und den Niederlanden zeigen. Es gilt für die Zukunft, Möglichkeiten einer kooperativen baukulturellen Praxis zu finden.

Zielsetzung ist es, die Landschaft als Infrastruktur zu entwerfen. Hierfür sind großräumige und strategische Gestaltungsansätze in der grauen Infrastrukturentwicklung bei gleichzeitiger Sicherung und Entwicklung einer „grünen Infrastruktur“ erforderlich. Für das zukünftige Gesicht Bayerns lassen sich Herausforderungen an zwei Punkten festmachen:
– der baukulturellen Integration der grauen Infrastruktur, d. h. der traditionellen Verkehrs-, Hochwasser- oder Energiebauten, in die Kulturlandschaft,
– der Sicherung und Entwicklung von grünen Infrastrukturen, die eine ablesbare und wahrnehmbare Freiraum- bzw. Landschaftsstruktur innerhalb des Siedlungsgefüges bzw. zwischen verschiedenen Siedlungseinheiten herausarbeitet und stärkt.

Stephan Reiß-Schmidt

Stadtdirektor, Landeshauptstadt München

Wir brauchen eine gestaltende Landesplanung!

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Das Landesentwicklungsprogramm verfehlt seinen Gestaltungsauftrag
Die Identität Bayerns und das Lebensgefühl seiner Bürgerinnen und Bürger werden wesentlich von seinen Natur- und Kulturlandschaften sowie von der historisch verankerten Baukultur seiner Dörfer und seiner vielen großen und kleinen Städte geprägt – also von räumlichen Strukturen und Qualitäten. Das bis zur Unkenntlichkeit ausgezehrte derzeit gültige LEP trägt dem Gestaltungsauftrag der Landesplanung und Art. 141 der Bayerischen Verfassung nicht einmal im Ansatz Rechnung!

Gestaltende Raumentwicklung braucht Leit-Bilder!
Gesellschaftlich akzeptierte Leitbilder für die räumliche Entwicklung und das Gesicht Bayerns können nur im Dialog von Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft erarbeitet werden. Die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Szenarien der langfristigen gesellschaftlichen und räumlichen Entwicklung Bayerns muss dafür die Grundlage bilden. Besonders deutlich wird das Defizit des LEP bei der Entwicklung der Verdichtungsräume mit ihren immer stärker wachsenden, zersiedelten suburbanen „Zwischenstädten“. Keine gestaltende Landesentwicklung ohne Baukultur!

Innenentwicklung stärken, Zersiedlung verhindern!
Der Innenentwicklung und Vermeidung von Zersiedlung muss konsequent Vorrang eingeräumt werden. Das unverzichtbare, früher strikte Anbindungsgebot wurde im geltenden LEP leider schon durch eine im Laufe des Verfahrens immer weiter angeschwollene Vielzahl von Ausnahmen aufgeweicht und soll nun durch weitere Ausnahmen für Gewerbe und touristische Nutzungen vollends wirkungslos werden. Ausnahmen dürfen nicht zur Regel werden, sonst verliert Bayern sein Gesicht!
In der Schweiz hat ein Referendum zur Revision des Raumplanungsgesetzes vor zwei Jahren „Fast ein flächendeckendes Ja zu weniger Laisser-faire im Raum“ ergeben – so titelte die Neue Zürcher Zeitung am 4. März 2013. Knapp 63% der Schweizerinnen und Schweizer haben für eine effizientere Nutzung des Bodens und einen besseren Schutz der Landschaft, ja sogar für erweiterte Möglichkeiten einer Rücknahme von Siedlungsflächen (Bauzonen) zugunsten des Freiraums gestimmt. Ein Volksbegehren für einen effizienten Schutz vor Zersiedlung und für mehr Baukultur in Stadt und Land würde wohl auch bei den heimatverbundenen und kulturbewussten Bürgerinnen und Bürgern Bayerns eine breite Mehrheit finden.

Ein Neuanfang für eine gestaltende Landesplanung in Bayern ist überfällig!
Das derzeit geltende LEP ist ein unverständlicher und unwirksamer Torso. Im Interesse der Lebensqualität künftiger Generationen brauchen wir (wieder) eine gestaltende Landesplanung. Mit Hilfe von Wissenschaft, Planungspraxis und Kommunalpolitik sowie mit breiter Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger Bayerns muss endlich ein Neuanfang gewagt werden. Der Bayerische Landtag steht in der Verantwortung, hierzu den politischen Auftrag zu erteilen!
Auch hier hilft noch einmal ein Blick zu unseren Nachbarn in der Schweiz: Bei der Erarbeitung des auch inhaltlich und methodisch vorbildlichen „Raumkonzeptes Schweiz“, eines informellen und kooperativen Rahmens der Raumentwicklung, haben alle staatlichen, kantonalen, kommunalen und fachlichen Ebenen in einem 6 Jahre dauernden, Erarbeitungsprozess in Workshops und Arbeitsgruppen intensiv zusammengearbeitet. Für eine breite öffentliche Konsultation hat man sich von Januar bis August 2011 Zeit genommen. Das Ergebnis ist ein strukturell und gestalterisch überzeugendes, gesellschaftlich breit akzeptiertes Planwerk, das durch zahlreiche politische Initiativen und Förderprogramme in die Realität umgesetzt wird und nicht nur Papier bleibt.

Gerhard Hagen

Fotograf, Bamberg

Bayerns Gesicht, das hat natürlich was mit dem Bild zu tun, welches wir uns von Bayern machen, bzw. welches wir von Bayern sehen. Und da komme ich ins Spiel, ich bin Architekturfotograf und bin für einen kleinen Teil dieser Bilder verantwortlich.

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Wenn ich an Bayern denke, dann ertappe ich mich dabei, wie ich zuallererst an Bilder wie grüne Wiesen und blaue Himmel denke, an kleine Dörfer und an Städte, die auch eher dörflich und beschaulich erscheinen. Weit weg wirken die Metropolen wie Berlin oder das Ruhrgebiet mit der ihnen eigenen Hektik, es geht alles etwas gemütlicher voran.

Auch in der Werbung wird das Bild Bayerns verklärt, es gibt glückliche Kühe auf saftigen Wiesen und idyllische Ortschaften mit historischen Stadtkernen. In Bayern leben offensichtlich Menschen, die glücklich sind, und Zeit haben, gemütlich im Biergarten zu sitzen.

Die Realität sieht aber auch anders aus. Wenn ich unterwegs bin – und ich bin als Fotograf verdammt viel mit dem Auto unterwegs – begegne ich oftmals anderen Bildern. Vorbei die Gemütlichkeit des Biergartens aus der Werbung. Die Autobahn ähnelt eher einer Rennstrecke.

Dann, am Ortseingang, meist direkt nach dem Ortsschild, präsentiert sich fast jeder Ort erst einmal mit der üblichen Ansammlung von Discountern, Baumärkten und Fastfood-Läden. Dazwischen die Neubaugebiete, das ist praktisch, denn der Weg zum Einkaufen ist nicht weit. Dort tobt das Leben, die Parkplätze sind voll, und an den Samstagvormittagen finden ganze Familien ihre Beschäftigung zwischen Autowaschen und Shoppen, zwischen Frisör und Kinderland.

Doch diese Freizeitparks vor den Ortschaften haben natürlich ihren Preis. Je weiter ich ins Zentrum komme, desto weniger Leben finde ich dort. In Kleinstädten und Dörfern nimmt der Leerstand von Häusern und Geschäftslokalen zu, obwohl gleichzeitig um die Ortschaften herum immer mehr Ladenfläche gebaut wird. Gewinnmaximierung nennt man das wohl.

So langsam sollten wir uns schon Gedanken machen, ob wir zuschauen wollen, wie unsre Innenstädte aussterben. Ich würde sehr gerne lebendige Innenstädte fotografieren, in denen auch das alltäglichste Bauvorhaben vernünftig geplant ist. In denen man einkaufen kann, in denen man wohnen und sich begegnen kann.

Daniel Czechowski und Peter Wich

Landschaftsarchitekten, München

Die Großstadt ist nicht mehr modern, sagte Frank Lloyd Wright schon 1923. Recht hatte er, sagen wir heute.

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Der räumliche Ausdruck unserer heutigen (post)modernen und ausdifferenzierten Gesellschaft sind die urbanen Landschaften mit ihren Infrastrukturen, Gewerbe- und Logistikzentren und Einfamilienhausgebieten.

In urbanen Landschaften wird zwar gewohnt, gearbeitet und sich ständig fortbewegt, doch ist dieses Raumbild auch in den Köpfen der Menschen? Vorherrschend ist immer noch das Bild des klaren Stadt-Land-Gegensatzes mit kompakten Städten und idyllischer Kulturlandschaft. Dass sich mittlerweile zumindest Architekten und Planer diesem neuen Raumtyp zuwenden, ist ein wesentlicher Beitrag von Thomas Sieverts, der dazu aufrief, die Zwischenstadt zu akzeptieren und auch forderte, sie zu qualifizieren.

Aber was ist bisher geschehen? Einige lehnen sich in einer postmodernen Nonchalance zurück und fordern eine ‚Amnestie für die gebaute Realität’, da man sowieso nichts ändern kann, oder möchten eher auf der Welle surfen und die anstehenden gesellschaftlichen Bedürfnisse bedienen. Andere wiederum sind vorsichtiger und sehen aus Respekt zur pluralistisch-demokratischen Gesellschaft nur im perspektivischen Inkrementalismus eine Chance, wenigstens die wesentlichen Planungsziele schrittweise durchzusetzen.

Diese Minimalziele spiegeln sich beispielsweise in abstrakten Flächennutzungs- und Grünordnungsplänen wider, in denen weder eine räumliche Gesamtidee, noch spezifische örtliche Situationen eine Rolle zu spielen scheinen. Stattdessen lassen sie den Bauinvestoren freie Hand und fördern die Funktionstrennung und Belanglosigkeiten in den urbanen Landschaften.

Schritte in eine andere Richtung hat die Landeshauptstadt München im Rahmen der Langfristigen Siedlungsentwicklung zum Beispiel mit dem Gutachten zum nordöstlichen Stadtrand getan. Die Landschaft droht ansonsten immer weiter in vermeintlich schöne und hässliche Teile zu zerfallen, in landschaftliche ‚Vorranggebiete’, die geschützt und nahezu heilig gesprochen werden und in ‚vorbelastete’ Gebiete, die immer mehr sogenannte Belastungen, beispielsweise weitere Infrastrukturen aufnehmen müssen.

Hilft es, den Menschen diese Landschaften gegebenenfalls durch Interventionen näher zu bringen, ihre Wahrnehmbarkeit zu erhöhen? Oder kann man in urbanen Landschaften etwas mehr wagen, indem neue Ideen zur Ausformulierung von Siedlungs- oder Infrastrukturrändern oder neue Gebäude- und Freiraumtypen entwickelt werden. Anstatt einer Trennung können die notwendigen Funktionen auch mit den Qualitäten der Landschaft zusammengebracht werden. Dazu lassen sich Impulse aus der Historie und den spezifischen Eigenarten vor Ort mit den aktuellen gesellschaftlichen Prozessen zu neuen Konzepten verbinden.

Vielleicht ist da eine unbekümmerte, aber klare entwerferische Perspektive hilfreich?

Thomas Schmid

Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Bauindustrieverbandes, München

Bayern geht es gut. Es geht aber nicht allen Bayern gleich gut.

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Zwischen den Randregionen sowie Teilen des Ländlichen Raums in Bayern einerseits und den boomenden Metropolregionen Nürnberg und München andererseits klaffen große Lücken bei Einkommen und Arbeitsplätzen sowie bei der Versorgung mit Gesundheitseinrichtungen und Bildungsstätten. Der im Herbst 2013 in die Bayerischen Verfassung aufgenommene Auftrag „gleichwertige Lebensverhältnisse und Arbeitsbedingungen in ganz Bayern, in Stadt und Land“ zu fördern und zu sichern, ist jedenfalls noch nicht erfüllt.

Gleichwertige Lebensverhältnisse und Arbeitsbedingungen in ganz Bayern herzustellen kann nur gelingen, wenn Bayern gut verbunden ist. Wenn die Mobilität in ganz Bayern so gut ausgebaut ist, dass für alle Wohnen und Arbeiten in ihrer Heimat auf dem Land genauso gut möglich ist wie in den Städten. Wenn auch erfolgreiche Unternehmen in den ländlichen Räumen bestens mit den Weltmärkten verbunden sind.

Noch ist das aber eine Vision. Dazu fehlen uns auch in Bayern Verkehrswege. Es fehlt uns eine integrative, systematische Gesamtbetrachtung der Verkehrsträger. Wie überall wurden auch in Bayern die Mobilitätsstrukturen eben jede für sich geplant und gebaut, aber nicht übergreifend in der Gesamtsicht.

Das gilt es zu ändern. Bayern braucht ein Mobilitätskonzept aus einem Guss: Bayern Mobilität 2030, entwickelt von der Bayerischen Bauindustrie mit externen Fachleuten. Seine Hauptmerkmale sind: Eine Gesamtplanung durch unabhängige Fachleute und ein Finanzierungskonzept, das nicht an herkömmlichen Ressortgrenzen endet, sondern alle Finanztöpfe zusammen betrachtet.

Ein hoher Anspruch, gewiss. Aber nur wer über eine Vision verfügt, wer sich anspruchsvolle Ziele setzt, der ist überhaupt in der Lage, in großen Schritten vorwärts zu kommen.

Bayern Mobilität 2030 macht Bayern zum Modell-Land. Zu einer noch lebenswerteren Heimat als Bayern es bereits ist. Mit einem gut ausgebauten öffentlichen Verkehr auch auf dem Land. Für alle leicht und bequem erreichbar und zugänglich. Mit hoher Qualität und Zuverlässigkeit. Gebaut auch mit architektonisch-ästhetischem Anspruch. Und mit modernsten Techniken: Wo es sinnvoll ist, sollte der fließende wie der ruhende Verkehr in den Untergrund verlagert werden. So gewinnen wir in den Zentren oben neuen Lebensraum.

Bayerische Mobilität muss zu einem Markenzeichen werden. Vorbildlich und nachahmenswert für ganz Deutschland. Diesen Anspruch sollten wir haben.

Dr. Bernhard Schäpertöns

Ingenieur, München

Struktur schafft Raum – so lässt sich meine These im Hochbau, der Tragwerksplaner schaffe Strukturen, der Architekt Räume, zusammenziehen. Und als planender Ingenieur weiß ich: Infrastruktur schafft Räume, ja.

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Räume, die als notwendig wahrgenommen werden, auch ja, aber häßlich: nein! Das muss nicht sein, hier kann man neues entwickeln.

Natürlich steht im Ingenieurbau – Brücken, Tunnel, Straßen, Kläranlagen – die Funktion an erster Stelle. Greifen wir das Thema Brücken heraus. Hier kommt es darauf an, dass die gute Gestalt des Bauwerks nicht hinter der –zunächst am Preis messbaren – Wirtschaftlichkeit zurücksteht. Ein gut gestaltetes Bauwerk kostet in der Regel zwar etwas mehr. Dafür tut es später beim im Idealfall jahrhundertelangen Betrachten nachhaltig weiniger weh.

Wer weist jetzt den Weg für eine gute Gestalt einer Brücke? Da kann die eingangs formulierte These helfen. Handelt es sich um (Stadt-)Räume, ist es der stadtplanende (Landschafts-)Architekt, unterstützt vom straßenplanenden Ingenieur. Konzentriert man sich auf die Struktur, ist es der Tragwerke planende Ingenieur. Allerdings ist der Ingenieur hier gut beraten, die Unterstützung des Architekten anzunehmen, soll sein Bauwerk hinterher nicht grob und unbehauen scheinen.

Ein Gedanke zu „Dr. Bernhard Schäpertöns“

  1. Leider zählt der Blick über die Jahrhunderte heute nicht viel. Tatsächlich schafft auch ein Architektenbauwerk auf kurze Zeit einen Mehrwert für die Stadt und das Land.

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