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11. April 2018

Kein schöner Land – scheitern wir wider besseres Wissen an der nachhaltigen Gestaltung unserer Kulturlandschaft als Lebens-, Aufenthalts- und Kulturraum?

Nicht der kleinste gemeinsame Nenner ist gefragt, sondern gemeinsam gefundene Visionen, die es wert sind, sich kooperativ und koordiniert auf den Weg zu machen. Gegen das Auseinanderdriften gebauter Realität und idealisierter Bildlandschaften. Für ein Miteinander in der Verständigung über die Frage der Qualitäten schon entstandener und weiter entstehender Räume in Städten, Dörfern und Kulturlandschaften.
Kein schöner Land? © Pk. Odessa

Michael Leidl, Architekt BDA + Stadtplaner, Vorstandsmitglied BDA Bayern, Referat für Raum- und Flächenplanung, Bad Birnbach

Mit dem aktuellen Volksbegehren ist der Landesentwicklung in Bayern eine ungewohnte Aufmerksamkeit zuteil geworden. Bei genauem Hinsehen spricht aus dem Volksbegehren die Sorge, dass die raschen und im Maßstab immer größer werdenden Veränderungen die Identität und Qualität der Landschaften und Orte Bayerns zerstören.

Es gilt ehrlich zu sein: die Qualität zeitgenössischer Siedlungen und Landschaften ist in der Krise. Wir bleiben städtebaulich, architektonisch, ökologisch, sozial, ästhetisch und oft auch funktional hinter dem Möglichen zurück. Trotzdem sind die von uns geschaffenen Städte, Siedlungen und Landschaften – ob sie nun „hässlich“ sind oder „schön“ Teil unserer Kultur. Sie sind Produkt unseres Handelns, unserer Werte und deren Verhandlung durch unterschiedlichste Akteure.

Wir haben längst jeden Quadratmeter Bayerns einer Nutzung zugeordnet und meist auch überformt. Große Teile dessen, was heute als Bayerische Kulturlandschaft, als heimatstiftende landschaftliche Qualität oder als touristisch attraktive Region wahrgenommen wird, sind seit Jahrhunderten von Menschen gestaltet und geprägt.

Verändert haben sich die Dimension dieser Eingriffe, ihr Maßstab und ihre Geschwindigkeit. Während jahrhundertelang regional und auf der Grundlage tradierten Wissens gehandelt wurde, hat der technische Fortschritt dazu geführt, dass jedes Material, jede Bauweise überall möglich geworden ist und schablonenhaft unter dem Primat der Ökonomie verwendet wird. Die Selbstverständlichkeit einer regionalen Identität in der Art der Landnutzung, der an Topographie und Klima angepassten Bauweise und Maßstäblichkeit von Haus und Stadt existiert nicht mehr.

Gleichzeitig sind diejenigen Projekte, die mit den größten Eingriffen und dem größten Flächenverbrauch verbunden sind, am stärksten mit der Struktur und Handlungsweise unserer Gesellschaft verknüpft: Logistikzentren, Gewerbegebiete, Einfamilienhaussiedlungen und Verkehrsprojekte bedienen Bedürfnisse, unserer Gesellschaft und sind Ergebnis der Summe unserer Entscheidungen als Nutzer, Bürger und Konsument.

Wir wissen um die Grenzen von Ökosystemen, Sozial- und Finanzstrukturen ebenso wie um die Begrenztheit von Fläche und Landschaft. Wir formulieren Ziele, um uns diesen Grenzen langsamer zu nähern, und scheitern als Gesellschaft bei der Umsetzung dieser Ziele wie als Individuen bei der Einhaltung unserer Neujahrsvorsätze.

Die Entwicklung von Lebensräumen und Landschaften ist nicht nur eine Gestaltungsaufgabe, sondern berührt die Frage wie wir als Gesellschaft leben, uns treffen, fortbewegen, versorgen wollen. Wie bei Neujahrsvorsätzen ist die Veränderung nur dann zu schaffen, wenn das Problem erkannt, ein Ziel in Sicht und die Entschlossenheit ausreichend groß ist.

Wir stehen mitten in einem Transformationsprozess, der in der Landschaft und am Rand unserer Städte sichtbar wird. Nur wenn wir diesen Prozess ernst nehmen und bewusst damit umgehen, kann er auch auf der Ebene der Gestaltung unseres künftigen Lebensraumes gelingen.

Wir danken unseren Partnern:
     

Prof. Dr. Maik Hosang

Philosoph, Zukunftsforscher und Sozialökologe, Görlitz

Wer oder was befreit uns von der Selbstzerstörung der Natur in und um uns? – Alle Landschaften der heutigen westlichen Welt sind Kulturlandschaften.

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Selbst Natur- oder Landschaftsschutzgebiete gibt es nur deshalb, weil bestimmte Intentionen und Interessen der modernen Kultur und Gesellschaft sich dafür einsetzten. Doch – wie jeder mehr oder weniger weiß – die überwiegenden Tendenzen moderner Landschaftsentwicklung sind nach wie vor nicht nachhaltig, sondern – wie mein Freund und Lehrer Rudolf Bahro betonte – exterministisch, d.h. zerstörerisch. Ob die trotz hier in der westlichen Welt eigentlich sinkender Bevölkerungszahlen weitergehende Versiegelung von Naturflächen für Industriegebiete, Straßen oder (Einfamilien-)häuser; oder die weitergehende Verdrängung und Auslöschung von Tier- und Pflanzenarten durch landwirtschaftliche „Flurbereinigungen“ oder „Pflanzenschutzmittel“ – jedem zugängliche und durch die Medien ausreichend oft verbreitete Belege dafür gibt es genug.

Angesichts dieser offensichtlichen Zahlen und Tendenzen bekommt jeder sensible und in Herz und Geist mit der Natur verbundene Mensch hin und wieder Depressionen und Zweifel am Sinn seines Lebens und Tuns. Doch das hilft uns nicht weiter. Deshalb braucht es neben mehr Mitgefühl für die Natur auch einen übergreifenden, kulturphilosophischen Blick, um Anhaltspunkte möglichen Handels für eine andere Perspektive zu gewinnen. Die irdische Natur wird nicht untergehen, sie hat in ihren Millionen Jahren bereits andere Katastrophen überstanden. Doch auch der Mensch selbst leidet inzwischen nicht nur physisch – durch zunehmende Allergien etc. –, sondern auch seelisch unter der in modernen Wirtschaften und Gesellschaften strukturell schwierigen Beziehung zur Natur.

Um dies einzuordnen ist zuerst einmal anzuerkennen und zu verstehen, dass die moderne Herrschaft des Menschen über die Natur erst seit wenigen Jahrzehnten so überwiegend „gelungen“ ist und aus bestimmter Perspektive eine Emanzipation des Menschen selbst darstellt. Moderne Wissenschaft und Technik ermöglicht eine relative Befreiung des Menschen von den „Launen der Natur“, von der viele frühere Generationen nur träumen konnten. Oder wenn wir es mit der Maslowschen Bedürfnispyramide erklären wollen: Erst die mehr oder weniger sichere Befriedigung der „Überlebensbedürfnisse“ möglichst aller Menschen macht den Weg frei für eine stärkere Konzentration auf unsere „Wachstumsbedürfnisse“. Und da die Menschheit global gesehen in dieser Hinsicht noch einiges zu tun hat – schätzungsweise erst die Hälfte der Menschheit hat ausreichend gesunde Nahrung, Wohnung etc. –, wirkt dies in Zeiten globaler Kommunikation auch noch unmittelbar auf uns bereits mehr oder weniger übersättigte Wohlstandsbürger zurück: Trotz mehr als ausreichend großer Nahrungsmittelmengen, Wohnungsgrößen, Sicherungssysteme etc. plagen uns Deutsche noch immer große Lebensängste – und bewirken trotz besseren Wissens ein relativ ungebremstes „weiter-so“-Wachstum von Schweinemastanlagen, Einfamilienhäusern, großen PKW´s oder Waffenproduktionen.

Doch was uns im gerade Gesagten physisch und seelisch plagt, lässt sich aus anderer Perspektive auch als relativ neuartige Chance zur Befreiung von Natur- und Selbstzerstörung und zur Entwicklung neuer, ästhetischer Synergien von Natur und Kultur in und um uns betrachten. „Die Eule der Minverva beginnt ihren Flug in der Dämmerung“, so umschrieb Georg Wilhelm Hegel die Tatsache, dass wir Menschen offenbar erst dann in größerer Zahl weiterdenken, wenn die Not bzw. Notwenigkeit dazu bereits mehr oder weniger deutlich ist. Positiv gesehen also haben ca. 50 % der Menschheit heute den Kopf zumindest theoretisch mehr oder weniger frei von Überlebensstress. Und von diesen wiederum neigen inzwischen 10-20 %, die sogenannten „Kulturell Kreativen“ oder „Lohas“ (Lifestyle of Health and Sustainability), dazu, sich tatsächlich für nachhaltige Transformationen der modernen Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur einzusetzen. Und von diesen wiederum haben vielleicht 10-20 % nicht nur Sehnsucht nach einer zukunftsfähigen Welt, sondern auch ausreichend persönlichen Mut, Liebe, Kreativität und Entschlossenheit, um nicht in mehr oder weniger grünen Nischen dahinzuleben – sondern die heutige Situation als einzigartiges Abenteuer der Entwicklung einer vielleicht wundervollen und wunderschönen neuen Welt zu sehen und ihr Leben und Tun als fröhliche und kreative Herausforderung der kokreativen Gestaltung dieser Zukunft zu verstehen.

Wenn wir diese allgemeine Situation auf das Leben und Tun von Architekten oder Landschaftsgestaltern herunterbrechen, so zeigt sich dies wie folgt: Ein Teil davon ist aufgrund innerer Ängste oder scheinbarer äußerer Abhängigkeiten nach wie vor damit beschäftigt, mehr oder weniger trostlose Gewerbegebiete oder Einfamiliensiedlungen auf zuvor grünen Wiesen zu planen. Ein allmählich wachsender Teil jedoch empfindet dies als unsinnig und sieht auch seine unternehmerischen Chancen vielmehr darin, alte und hässliche Industrie- und Wohnbauten in neuartige kreative und ökologische Wirtschafts- und/oder Wohngebiete zu verwandeln. Und je mehr dies in unseren reichen westlichen Welten werden, desto hoffnungsvoller wird die Lage. Denn wer wenn nicht wir dafür ausreichend gebildeten und privilegierten Wohlstandbürger müssen für all die noch weniger privilegierten und daher letztlich noch angstanfälligeren Menschen die Modelle und Vorbilder einer neuen, lebens- und liebenswerten Zukunft entwickeln.

Das Problem oder in philosophischer Hinsicht sogar Lustige dieser heutigen Situation ist also kurz gesagt wie folgt: Noch nie hatten so viele Menschen dieser Erde die Chance dazu, ein nicht nur gesundes, sondern auch sinnerfülltes Leben und Arbeiten zu praktizieren. Doch dieses entsteht nicht automatisch, sondern braucht in jedem individuellen Leben das, was der Philosoph Martin Heidegger einst „Die Entscheidung“ nannte. Oder um mit Paulo Coelho zu sprechen: „Unser Ziel im Leben sollte sein: Lernen zu Lieben. Immer besser zu lieben. Alles wird vergehen am Ende unseres Lebens, unser Körper, unsere Titel, unser Besitz etc. Aber etwas wird in der Weltenseele für immer eine Spur hinterlassen: Meine Liebe.“

Ludwig Hartmann

Fraktionsvorsitzender BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Bayerischen Landtag, Sprecher des Volksbegehrens „Betonflut eindämmen – Damit Bayern Heimat bleibt“, München

Denken, bevor der Bagger rollt – Sattgrüne Wiesen, grasende Kühe, gekrönt von Himmelblau und im Hintergrund schneebedeckte Berge. Läutende Kuhglocken, ein blubbernder Bach – und fertig ist das Klischee der bayerischen Kulturlandschaft. Es gibt diese Landschaften.

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Allerdings zunehmend als Marketing-Produkt, als Teil unserer Erinnerungen oder als idealisierter Sehnsuchtsort. Denn in der Wirklichkeit ist diese Kulturlandschaft auf dem Rückzug: Gewerbegebiete fressen das Grünland, Autobahnen zerschneiden Auen, Logistikhallen drängen die Landschaften zurück. Die Vitalität der Natur und Kulturräume zieht gegen die Brachialität ökonomischer Interessen den Kürzeren. Diese Art des kulturraumfressenden Wachstums pflügt nicht nur die Landschaft um, sondern auch die Siedlungsstrukturen. Das Dorf, die Kleinstadt als typische Form der bayerischen Siedlungsstruktur wird zum Donut-Dorf: fett an den Rändern und in der Mitte ein Loch.

Am Ortsrand kommt die Umgehungsstraße, die Einfamilienhaus-Siedlung, das immergleiche Einkaufszentrum mit Discounter, Getränke-, Drogerie- und Baumarkt. Im Zentrum schließt der Bäcker, der Metzger, der Lebensmittelladen und wird durch die Spielhalle oder den Ein-Euro-Shop ersetzt. Darüber kann man lamentieren. Oder man handelt, wie es in Bayern derzeit viele Organisationen gemeinsam tun, um mit einem Volksbegehren den Flächenverbrauch per Gesetz zu reduzieren. „Betonflut eindämmen – damit Bayern Heimat bleibt“ ist der Titel und der Anspruch. Dabei geht es nicht um Schutz von Idylle, sondern darum, den Lebensraum aller vor der Zerstörung kurzfristiger Einzelinteressen zu verteidigen. Ein behutsamer und intelligenter Umgang mit unserem Boden und unserer Landschaft – das ist unser Ziel. Denken, bevor der Bagger rollt – das ist der Weg.

Reiner Nagel

Architekt und Stadtplaner, Vorstandsvorsitzender Bundesstiftung Baukultur, Potsdam

Die Hälfte unserer Kulturlandschaft wird bis 2030 ihr Erscheinungsbild wandeln. Nach Erkenntnis der TU Dresden sind Energiewende, Infrastrukturen und Siedlungserweiterungen hierfür die Ursachen.

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Beim kaskadenförmigen Abwägungsprozess von der Raumordnung über die Stadtentwicklung und -planung bis zum technischen Ausbau sind das Orts- und Landschaftsbild dabei eher ein zufälliges Residual als ein gewünschtes Zielbild. Geteilte Verantwortungen führen zur Unverantwortlichkeit beim Thema Schönheit der Kulturlandschaft. Selbst bei der vermuteten Zuständigkeit der Landschaftsplanung ist das Landschaftsbild nur ein Kriterium neben dem Naturhaushalt, dem Umweltschutz oder dem Biotop- und Artenschutz.

Wenn aber Kulturlandschaft künftig nicht nur technokratische Spielbühne, sondern gestaltete und emotional berührende Umwelt sein soll, müssen wir einen radikalen Perspektivwechsel vollziehen: Baukultur schaut vom Ergebnis her auf die Kulturlandschaft. Dabei stellt sie mit den Worten der am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos beschlossenen europäischen Erklärung zur Baukultur 2018 fest, „ …dass sich überall in Europa ein allgemeiner Verlust an Qualität der gebauten Umwelt und der offenen Landschaften abzeichnet, was sich in einer Trivialisierung des Bauens, in fehlenden gestalterischen Werten und einem fehlenden Interesse für Nachhaltigkeit, in zunehmend gesichtslosen Agglomerationen und verantwortungslosem Landverbrauch, in einer Vernachlässigung des historischen Bestandes und im Verlust regionaler Identitäten und Traditionen zeigt.“ Dagegen brauchen wir gestalterische Kategorien wie „Einbettung in die Landschaft“, „Orte des ersten Erkennens“ oder „Auswirkungen auf das Stadt- und Landschaftsbild“. Sie dürfen nicht als naiv klingende Abwägungsvokabeln gesehen werden, sondern als Gebot der Stunde. Nur so haben wir eine Chance, das gebaute Chaos, das wir bereits angerichtet haben und das drohende, schrittweise wieder aufzuräumen.

Erwin Huber

Staatsminister a.D., Mitglied im Bayerischen Landtag, München

Wir als CSU-Fraktion wollen die wunderschöne Natur unseres Freistaats bewahren, gleichzeitig dürfen wir unserem Land aber nicht die Möglichkeit nehmen, sich weiterzuentwickeln.

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Aktuell hausieren Grüne und Initiatoren eines Volksbegehrens mit dem Vorschlag einer Obergrenze für den Flächenverbrauch in Bayern von 5 ha/Tag. Die Grünen skizzieren dabei Horrorszenarien wie „Betonfluten“ und „Gewerbegebiete, die Bayern das Gesicht rauben“. Eine pauschale Flächenbegrenzung lässt die unterschiedliche Entwicklung der Länder und Gemeinden völlig außer Acht. Bayern hat seit 1990 nahezu zwei Millionen Einwohner mehr. Wie sollte man eine rechtlich vorgegebene Obergrenze von 1825 ha im Jahr auf 2056 Gemeinden in Bayern verteilen? Rechnerisch entfallen dann auf einen Einwohner 1,4 m², d.h. eine ländliche Gemeinde mit 2500 Einwohnern hätte theoretisch einen Spielraum von 3500 m² im Jahr!

Alle reden von der Entwicklung der ländlichen Räume. Überall wird über zu wenig bezahlbaren Wohnraum geklagt. Bund und Land machen Milliardenprogramme dafür. Sollen die Bürgermeister tatsächlich mittelständische Unternehmen abwandern lassen, weil sie keinen Platz bekommen, um zu wachsen? Und was ist mit neuen Baugebieten? Das würde in ein paar Jahren ein böses Erwachen geben, wenn Arbeitsplätze, Wohnraum und Verkehrsadern fehlen.

Natürlich müssen wir sparsam mit der Landschaft umgehen. Wir dürfen das aber nicht mit Strangulierungsgesetzen machen, sondern mit Ideen und Anreizen. Wir als CSU-Fraktion haben einen Antrag in den Bayerischen Landtag eingebracht, mit dem wir das bereits bestehende „Aktionsprogramm Bündnis zum Flächensparen“ gezielt ergänzen möchten, zum Beispiel durch die Schließung von bestehenden Baulücken, Verbesserung des Flächenmanagements und die Nutzung von brachliegenden Flächen.

Prof. Dr. Sören Schöbel

Technische Universität München, Fakultät für Architektur, Professur für Landschaftsarchitektur regionaler Freiräume LAREG, Freising

Gesellschaftsvertrag zur Landschaft – Die Europäische Kulturlandschaft ist von Zerstörungen geprägt, wie es in der Europäischen Stadt inzwischen undenkbar wäre.

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In Alltagslandschaften werden Landnutzung, Straßen, Siedlungen, Gewerbe nicht behutsam integriert, sondern struktur- und maßstabsprengend, nur eigenen Regeln folgend, ‚totalsaniert‘.

Dies liegt am deutschen Landschaftspflege-Paradigma, das exkludierend zwischen wertvoller Landschaft und „Normallandschaften“ unterscheidet. Nur: im demografischen Wandel und dem der Landnutzungen ist der Fortbestand von Besiedlung strukturschwächerer Regionen an die beiden Faktoren Arbeit und Landschaftsqualität gebunden. Land muss deswegen überall für eine moderne Lebensstile und entsprechende Bedürfnisse entwickelnde Bevölkerung attraktiv sein, wie auch für Zuwanderer. Land muss, wie Stadt, ökologische Stabilität und Vielfalt, soziale Integrationsfähigkeit und kreative Innovationskraft entfalten.

Für die Europäische Stadt wurde seit den 1970er Jahren ein neuer Gesellschaftsvertrag zu ihrer behutsamen Erneuerung und kritischen Rekonstruktion formuliert. Angesichts der Umbrüche in den ländlichen Räumen und im Verständnis einer Gleichwertigkeit von Lebensbedingungen ist ein ähnlicher Vertrag zur Europäischen Kulturlandschaft überfällig.

So wie Parzelle, Block, Hof und Straße in der Europäischen Stadt braucht es auf dem Land ‚permanente’, d.h. über Funktionswandel hinweg wirksame Strukturelemente, die nicht nur als Objekte zu schützen sind, sondern auch als Strukturgeber oder Stimulanzien für heutige und künftige Nutzungen kritisch rekonstruiert oder behutsam erneuert werden können, indem aus ihnen Grundrisse der Landnutzung und der Raumverfügung verhandelt sowie verbindliche Parameter von Maß und Mischung abgeleitet werden. Dies sind: Morphologien der Naturlandschaft, Flurformen, alte Siedlungs- und Betriebsformen, Wegeformen und Gewässerformen. Dabei sind insbesondere solche Strukturen zu aktivieren, die die Kulturlandschaft Mitte des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts prägten, weil sie die bis dato größte Vielfalt hervorgebracht hat. Ein solcher Vertrag würde baurechtlich durch die Mischgebiets-Kategorie Rurales Gebiet umgesetzt, in der so viele und verschiedene Menschen wie möglich von oder mit einer Landnutzung leben können. Eine umkehrende Flurneuordnung schafft ökonomisch tragfähige aber differenzierende Landschaftsstrukturen.

Die Zukunft der Kulturlandschaft ist also eine dialogische und strukturelle, weniger eine Gestaltungsfrage.

Dr. Jörg Heiler

Architekt und Stadtplaner, Kempten

Kulturlandschaft? Schönes Land? Kulturlandschaft ist auch die seit Jahrzehnten gebaute urbanisierte und technisierte Stadtlandschaft. Warum? Weil sie das Produkt unserer mobilen, industrialisierten und vor allem pluralistischen und individualisierten Gesellschaft ist.

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Sie ist Teil unseres Alltags.

Am Anfang einer Diskussion über die Gestaltung unserer Kulturlandschaften steht damit die Anerkennung der Stadtlandschaften. Neben der Pflege tradierter Landschaften besteht die Aufgabe, diese Stadtlandschaften als Lebensraum zu gestalten. Woran scheitern wir aber?

Unsere industrielle Epoche trennt Funktionen, zersplittert Landschaft und löst Stadt und Land auf. Trennung, Homogenisierung und Quantität als Faktoren für den Erfolg einer industriellen Gesellschaft erzeugen jedoch Konflikte. Liegt die Chance in einer neuen, einer urbanen Epoche im Sinne Henri Lefebvres?

Hier wird Quantität durch Qualität abgelöst, das trennende „Entweder Oder“ durch das verbindende „Und“ ersetzt.

Qualität steht hierbei für das „Schöne“. Was sind Qualitäten, die ein „schönes Land“ ausmachen?

Der „differentielle Raum“, der die Gleichzeitigkeit des Ungleichen, das „Und“, an einem Ort ermöglicht, also auch sorgfältige Mischung vermeintlicher Gegensätze ist eine denkbare Qualität. Der „Handlungsraum“ eine andere, die alltägliche Gebrauchswerte, Aktivitäten und Begegnung stimuliert und Landschaft ganz in europäischer Tradition offen hält für Alle. Schließlich der „leibliche Raum“, der die Erfahrung mit allen Sinnen und in der Bewegung von vielfältigen räumlich-architektonischen Phänomenen wie Weite und Enge stärkt, gerade in einer digitalen Welt.

Zweifellos gibt es nur wenige gestaltete Stadtlandschaften. Auch werden dabei andere Räume als die bisher vertrauten entstehen.

Eine große Chance für Bayern.

Prof. Ing. grad. Gert Karner

Beratender Ingenieur VBI, BayIKa-Bau, Öffentl. best. u. vereid. Sachverständiger, München

Almwiesen, Dolomiten, Bergseen, Wälder, Gletscher, Streuobstwiesen, Kornäcker, Weingärten …..

Aufgewachsen in einem südtiroler Bergdorf, gehörte das Lied – und damit auch meine bildlichen Assoziationen – zum festen Repertoire im Familien- und im Freundeskreis.

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Die Veränderung der „Kulturlandschaft“ in meiner ursprünglichen Heimatregion ist mit den Entwicklungen in Bayern durchaus vergleichbar und die jüngste Teilfortschreibung des Landesentwicklungsprogrammes Bayern gibt wenig Anlass zu positiven Erwartungen – insbesondere auch wegen der unseligen Aufweichung des „Anbindegebotes“ für Gewerbeausweisungen.

Die Gestaltung der „Kulturlandschaft“ steht in einem ganz wesentlichen Zusammenhang mit der jeweiligen regionalen demographischen Entwicklung. Diese wiederum ist abhängig von den jeweiligen tatsächlichen oder „gefühlten“ Lebens- und Arbeitsbedingungen.

In der bayerischen Verfassung ist das Gleichwertigkeitspostulat der Lebensverhältnisse festgeschrieben. Eine vom Bayerischen Landtag mit Zustimmung aller Fraktionen eingesetzte Enquete-Kommission hat dazu vor Kurzem einen umfassenden Bericht mit Handlungsempfehlungen – insbesondere zur Stärkung des ländlichen Raumes – vorgelegt (Drucksache 17/19700). Politische Tendenzen – so auch die jüngsten Äußerungen von Ministerpräsident Markus Söder oder von Münchens OB Dieter Reiter – Ballungsräume und „Metropolregionen“ durch zusätzlichen Wohnungsbau „zu stärken“ zeigen, dass wirtschaftliche Partikularinteressen Vorrang vor einer übergeordneten nachhaltigen Landesentwicklung haben.

Die letzte Strophe von „Kein schöner Land..“ lautet:
Jetzt Brüder, eine gute Nacht, der Herr im hohen Himmel wacht, in seiner Güten uns zu behüten ist er bedacht!

Vor Kurzem besuchte ich die Show eines Zauberers in München. Er verabschiedete die Gäste mit den Worten:
„Bleiben Sie realistisch! Glauben Sie an Wunder!“

Josef Göppel

Energiebeauftrager des BMZ für Afrika, Vorsitzender des Deutschen Verbandes für Landschaftspflege (DVL) e.V., Mitglied des Deutschen Bundestages (2002-2017)

Zukünftige bayerische Kulturlandschaft? – Immer mehr Menschen in Bayern empfinden ein Unbehagen bei Fahrten über Land. Ortschaften verfließen ineinander durch monotone Bänder von Gewerbebauten.

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Kolosse von Logistikhallen platzieren sich bevorzugt an Hangkanten, damit ihr Firmenschild schon aus großer Ferne sichtbar ist. Fast noch rücksichtsloser dehnen sich Gewerbeansiedlungen in den Flusstälern neben Kleinstädten und Marktgemeinden aus. Die Kirchtürme verschwinden hinter Hochregallagern. Bayern wird monoton, austauschbar und schäbig. Die immer wieder beschworene kommunale Planungshoheit versagt vielerorts völlig. Nach 32 Jahren in einem Stadtrat schäme ich mich für die Gattung der Kommunalpolitiker. Im Wettbewerb mit den Nachbargemeinden rennt man jeder so genannten Entwicklungschance nach und macht sich gar nicht die Mühe, über die Einpassung in historisch Gewachsenes, über Ortsgestaltung und Ästhetik ernsthaft nachzudenken.

Ein Indiz dafür ist auch die Freigabe der Baustile in Wohngebieten. Alles, was die Baumärkte bieten, kommt dann zur Anwendung, jede Extravaganz kann sich ausleben. Toskana Architektur überschwemmt Bayern. Es ist wie ein Zerfließen aller regionalen Traditionen in der globalisierten Technikwelt. Für ein Land, das sich in seiner Verfassung Kulturstaat nennt, ist das armselig.
Der Begriff „Entwicklung“ bekommt in diesem Zusammenhang etwas Bedrohliches. Notwendig ist dagegen eigentlich nicht viel: Etwas mehr Behutsamkeit, Einfühlungsvermögen in das Gewachsene und Rücksicht auf die natürlichen Gegebenheiten, also konservatives Verhalten im besten Sinn. In einem Land mit einer konservativen Regierung müsste das eine Selbstverständlichkeit sein – oder sind da etwa nur Leute mit Euro Zeichen in den Pupillen am Ruder?

Prof. Dr. Hubert Weiger

Vorsitzender Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Vorsitzender BUND Naturschutz in Bayern (BN), Nürnberg

Die letzten Reste natürlicher Lebensräume und die traditionelle arten- und strukturreiche Kulturlandschaft sind heute zunehmend durch einen ungebremsten Flächenverbrauch bedroht.

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Der Naturschutz kämpft gegen diese Entwicklung unter anderem mit wissenschaftlich belegbaren Argumenten wie „Roten Listen“ und versucht die Einhaltung bestehender Gesetze durchzusetzen. Auf dieser Basis können Naturzerstörungen nun genau bilanziert und berechnet werden. Mit diesen Mitteln und Begriffen werden aber mittlerweile im Rahmen der Eingriffsregelung auch Straßen, Atomkraftwerke oder Flächenverbrauch „nachhaltig“ und·mit komplexen Zahlenspielereien und sogenannten Ausgleichsmaßnahmen schön gerechnet.

So wichtig die wissenschaftliche Basis durch Zahlen und Fakten ist, so wenig lässt sich die Komplexität der Natur insgesamt auf Zahlen, Gesetze oder Sonntagsreden zu ihrem Schutz reduzieren. Dabei droht das Große-Ganze verloren zu gehen. Dies gilt auch für die Schönheit von Landschaft. Während jedoch ein objektiver, nüchterner Naturschutz heute anerkannt ist, ist dies der subjektive emotionale Naturschutz nicht, obwohl die Schönheit von Natur und Landschaft auch Ziel des Bundesnaturschutzgesetzes ist. Daher ist es so wichtig, mit Bildern für die Schönheit der Landschaft zu werben und damit Verständnis für die Schutzbedürftigkeit vieler Landschaften zu wecken. Wir müssen heute mehr denn je mit der Schönheit gegen die Hässlichkeiten kämpfen. Wichtig ist dabei auch der Begriff der „Heimat“, denn dort wo die Bürger direkt betroffen sind, nehmen sie den Verlust von Schönheit oft am deutlichsten war und sind bereit, sich für die Schönheit „ihrer Landschaft“ einzusetzen.

Unsere Kulturlandschaft hat multifunktionale Aufgaben, die auf ganzer Fläche erfüllt werden müssen. Daher ist eine Integration der verschiedenen Aufgaben statt eine räumliche Trennung notwendig. Es darf also keine Entkoppelung von Erholungslandschaft und Produktionslandschaft erfolgen, sondern wir brauchen einen Anbau von Mischkulturen wie Leinöl und Getreide statt reine Maisäcker. Wir brauchen Agroforstsysteme und die Integration von Blühflächen und Hecken in die Agrarlandschaft statt Monokulturen – gerade auch in agrarischen Vorranggebieten.

Claudia Bosse

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Technische Universität München, Fakultät Bau Geo Umwelt, Lehrstuhl für Bodenordnung und Landentwicklung, München

Der Flächenverbrauch – von Nutzen und Grenzen einer Zahl. Unsere Landschaften sind geprägt durch unsere Nutzung. Seit Jahrhunderten bearbeiten, formen und verändern wir sie. So unter Druck wie heute standen sie aber wohl noch nie, quantitativ und qualitativ bedrängt.

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Scheitern wir wider besseres Wissens? Steigende Nutzungsansprüche, dringende Notwendigkeiten. Grund und Boden ist aber nicht vermehrbar, Fläche gibt es nur einmal. Ist dort eine Straße, kann ich kein Getreide anbauen.

„Flächenverbrauch“ ist in aller Munde. Eine Zahl, ein quantitativer Wert, leicht ermittelbar aus vorhandenen Daten der Vermessungsverwaltung. Er sagt etwas über die Zunahme der bebauten Umwelt, über die Umwandlung von Landschaft in Siedlung und ist ein wichtiger Indikator für den Umgang mit der Ressource Boden. „Hier ist jetzt nicht mehr Landwirtschaft-Wald-Moor sondern Haus-Halle-Straße.“ Er sagt nur bedingt etwas über Bodenversiegelung. Etwa 50 % sind tatsächlich versiegelt. Gärten, Grünflächen oder Straßenböschungen fallen auch darunter. Er sagt nichts über Qualitäten, über Wahrnehmung, über das, was an (Bau)Kultur auf dieser Fläche geschieht.

Der Flächenverbrauch ist eine messbare, praktikable Größe. Das macht ihn zu einem wichtigen Indikator für unseren Umgang mit Landschaft. Er entbindet uns nicht von der Debatte um Qualitäten, Werte und Visionen. Gibt uns aber die Möglichkeit von überprüfbarer Verbindlichkeit in die Hand, von einer klaren kontrollierbaren Grenze. Sensibilisierung, Vernetzung und Initiativen sind immens wichtig, vielerorts werden gute Wege beschritten. Aber zu einer Verhaltensänderung in der gesamten gesellschaftlichen Breite braucht es harte Fakten. Dafür liefert der Flächenverbrauch eine belastbare Zahl.