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29. Februar 2016

Flucht nach vorne – eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe?

Gemeinsam die Bandbreite an Möglichkeiten ausloten, die Herausforderungen, Voraussetzungen und Chancen beleuchten und über die Rolle der Architekten und Planer in diesem Prozess sprechen.
Das Willkommenszentrum „Bellevue di Monaco“, ein Zuhause für Dutzende junge Flüchtlinge. (Motiv: Bellevue di Monaco eG Gemeinnützige Sozialgenossenschaft, www.bellevuedimonaco.de)

Karlheinz Beer, Architekt BDA und Stadtplaner, BDA Landesvorsitzender, München/Weiden

Bayerns Bevölkerung wächst. Seit 1840 hat sich die Einwohnerzahl Bayerns mehr als verdreifacht – auf heute mehr als 12,7 Millionen Menschen. In München stieg die Einwohnerzahl in den letzten 15 Jahren um über 250.000 Menschen. Die Tendenz: weiterhin steigend

Warum? Freistaat und Landeshauptstadt gelten als lebenswert, mit Raum und herausragenden Möglichkeiten für lebenssichernde Erwerbsarbeit, aktive Erholung und persönliche Entfaltung. Bayern und seine Kommunen überzeugen durch landschaftliche Schönheit, die Vielzahl bedeutsamer historischer Stadträume und Gebäude und einem hohen baukulturellen Niveau. Doch neben Prachtbauten führten früher auch Bauaufgaben für schlechter Gestellte zu herausragenden Beispielen von Baukultur. Noch heute bewohnten Sozialsiedlungen wie etwa der Fuggerei in Augsburg ist eigen: Sie sind gut geplant, funktional und nach wie vor aktuell.

Angesichts tagtäglicher Flüchtlingsströme und anhaltender (Binnen-)Migration stellt sich uns heute eine besondere Herausforderung für die Baukultur und damit Aufgabe der Architektenschaft: Die menschenwürdige und bezahlbare Unterbringung sozial schwacher sowie vor Krieg und Terror geflohener Menschen.

Die Verteilung der Ankommenden in schrumpfende Regionen mit Leerstand kann ein Baustein zur Unterbringung sein – ein entsprechendes Arbeitsplatzangebot vorausgesetzt, das wesentliche Voraussetzung für Integration ist. Doch wird diese Maßnahme allein nicht ausreichen. Kommunen, Investoren und Planer müssen gemeinsam Grundstücke in integrierbaren Lagen identifizieren, um auch den dringend benötigten Bedarf an Neubauten für alle Wohnungssuchenden zu generieren.

Wir Architekten sehen uns der Gesellschaft verpflichtet und stehen für Qualität. Wir stellen zudem die Frage nach Identität angesichts rasanter gesellschaftlicher Veränderungen. Deshalb übernehmen wir Verantwortung: in der Rolle des Koordinators, Kommunikators und Konfliktmanagers initiieren wir den breiten Dialog, um frühzeitig alle Akteure eines Bauvorhabens an einen Tisch zu bringen.

Denn Bauen für Bedürftige und Flüchtlinge ist ein emotional besetztes Thema, das zu Unsicherheiten führen kann. Es bedeutet auch, Ängsten zu begegnen, die einen moderierten Prozess benötigen. Es bedeutet, mehr als bloße Behausungen, gemessen in Quadratmetern, zu errichten. Es verlangt, die neuen Bauaufgaben städtebaulich zu integrieren, sie an wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Qualitätskriterien auszurichten, um dauerhaften, synergiestiftenden Wohnraum zu schaffen.

Vergessen wir nicht: Was heute gebaut wird, wird für Jahrzehnte bewohnt. Deshalb ist es von Anfang an geboten, die Weiterentwicklung unserer Städte und Gemeinden sorgsam zu planen. Nur so lässt sich vermeiden, Fehler der Vergangenheit zu wiederholen, die Gettho-Bildung begünstigen und zu Ausgrenzung statt Integration führen. Vermeintlich ersparte Kosten von heute werden zu erhöhten wirtschaftlichen Schäden von Morgen. Dies gilt es jetzt mit Weitsicht zu verhindern.

Treten wir die Flucht nach vorne an! Denken wir gemeinsam nach und handeln wir.

 

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Friedrich Geiger

Ministerialdirigent Oberste Baubehörde im Bayerischen Staatsministerium des Innern, für Bau und Verkehr, München

Bei der Unterbringung von Asylbewerbern und Schaffung von Wohnraum für anerkannte Flüchtlinge sind Freistaat und Staatsbauverwaltung in vielfältiger Weise gefordert.

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Zum Aufgabenspektrum gehören eine große Bandbreite von staatlichen Bauprojekten von Erstaufnahmeeinrichtungen bis zu Gemeinschaftsunterkünften aber ebenso eine Verstärkung der Anstrengungen im Bereich des Wohnungsbaus für alle – Flüchtlinge wie Einheimische.

Der Wohnungspakt Bayern umfasst – flankiert von anderen Maßnahmen – drei Säulen. In der ersten Säule plant und baut der Staat selbst in einem staatlichen Sofortprogramm Wohnraum für anerkannte Flüchtlinge für eine begrenzte Standzeit mit einfachem Bau- und Wohnstandard. Mit der zweiten Säule unterstützt der Freistaat die Gemeinden dabei, selbst Wohnraum für Flüchtlinge und andere einkommensschwache Personen zu schaffen. In der dritten Säule, der staatlichen Wohnraumförderung, werden die Fördermittel deutlich erhöht und die Konditionen verbessert.

Gemeinsam mit allen beteiligten Partnern, seien es Kommunen, Wohnungswirtschaft, Private, Kirchen oder der Bund, stellt sich der Freistaat der Herausforderung. Als Planer und Bauherr ist er gefordert, nicht nur schnell und günstig „Behausungen“ zu schaffen, sondern dabei auch die Belange von Baukultur und Raumordnung zu berücksichtigen.

Prof. Dr.(I) Elisabeth Merk

Stadtbaurätin, München

Stärken nutzen – Impulse setzen. In München ist die Verfügbarkeit bezahlbaren Wohnraums seit Jahren eines der beherrschenden Themen. Die Ankunft tausender Flüchtlinge stellt eine zusätzliche gewaltige Herausforderung dar.

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Nachdem 2015 die erfolgreiche Bereitstellung von Erst- und Folgeaufnahmeeinrichtungen im Vordergrund stand, sind nunmehr verstärkt neue mittel- und längerfristig angelegte Konzepte zur Wohnraumversorgung von wohnungslosen Münchnerinnen und Münchnern und damit auch von anerkannten Flüchtlingen gefragt, um ein „Wohnen für Alle“ zu ermöglichen. Dabei geht es um die Identifizierung geeigneter Flächen, aber auch um beschleunigte Planungs- und Bauphasen, um Fördermodelle und die Kooperation zwischen Verwaltung, Politik und Privaten sowie nicht zuletzt um die Wahrung der bislang erfolgreichen „Münchner Mischung“ in den Stadtvierteln. 

Die Landeshauptstadt setzt hier mit zusätzlichen Anstrengungen Impulse für schnelle und wirksame Maßnahmen zur Schaffung von neuem Wohnraum. Schon bis Ende 2016 wird es erforderlich sein, über die bisherigen Anstrengungen hinaus zusätzlichen Wohnraum zu errichten. Eine Schlüsselrolle kommt dabei den städtischen Wohnungsbaugesellschaften zu. Diese können, insbesondere auf Flächen mit bereits bestehendem Baurecht, in kurzer Zeit und in modularer Bauweise zusätzliche Wohnungen bauen. Ziel ist eine dauerhafte städtebauliche und sozialräumliche Integration in die Planungsgebiete, wobei auch über Wohnungsgrößen und Belegungsdichten nachgedacht werden muss. Parallel hierzu sind geeignete Modelle für private Grundstückseigentümer und Bauträger zu entwickeln und umzusetzen. Für die Verfahrensbeschleunigung spielt auch der Umgang mit den z.T. neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen und den Münchner Regularien der SoBoN eine wichtige Rolle.

Peter Cachola Schmal

Direktor, Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt/M.

Oliver Elser

Kurator, Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt/M.

Was wird im Moment tatsächlich für Flüchtlinge und Migranten gebaut? Mit dieser Frage hat das Deutsche Architekturmuseum (DAM) im November 2015 einen Call for Projects ausgerufen, an dem sich rund 40 Architekten beteiligt haben. Die Ergebnisse sind so unterschiedlich wie aufschlussreich.

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Trotz des Variantenreichtums zeichnen sich einige klare Tendenzen aber schon jetzt ab.

Mehr als zwei Drittel der Projekte planen im kleineren (bis 200 Personen) und mittelgroßen (200–500) Maßstab. Zudem finden sich insbesondere die Themen Sozialverträglichkeit, Privatsphäre und besonderes Augenmerk auf Raumqualität, sowie Beschäftigungsmöglichkeiten immer wieder und zeugen von einer vertieften Beschäftigung mit dem Großthema Integration.

Nachhaltigkeit ist der zweite große Stichpunkt, der immer stärker bearbeitet wird. So spiegelt sich ein Hauptthema der allgemeinen Architekturdebatte auch in diesem speziellen Umfeld wider. Bei mehr als der Hälfte der Einreichungen wird auf Holzbausysteme zurückgegriffen. Viele Pläne zur dauerhaften Nachnutzung sollen im nächsten Schritt garantieren, dass das Gebaute auch später sinnvoll für andere Bewohnergruppen verwendet werden kann.

Alle Projekte sind in der Online Datenbank www.makingheimat.de versammelt und stellen dort eine Ressource für alle Interessierten vom Bürger über den Architekten bis zum Bürgermeister zur Verfügung. Es ist der größte frei zugängliche Überblick darüber, wo Flüchtlinge und Migranten heute untergebracht werden.

DAM-Team Making Heimat:
Peter Cachola Schmal, Oliver Elser, Anna Scheuermann, Felix Torkar, Tiziana Agus

Prof. Sophie Wolfrum

Raumplanerin und Hochschullehrerin, München

Die Integration – besser Inklusion – von Flüchtlingen in die Gesellschaft betrifft zwei Handlungsfelder. Das erste fragt nach den verschiedenen Modi der Unterbringung, des Wohnens, solange der Asylantrag bearbeitet wird.

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Das zweite eröffnet die lange Perspektive bei positivem Bescheid, mit welchem Status auch immer dieser versehen ist. Ab dem Zeitpunkt spreche ich von Migranten, auch wenn das Bleiberecht temporär ist. Dann besteht Freizügigkeit der Wahl des Wohnortes und man erwartet, dass die Menschen eigenständig Wohnraum auf dem Wohnungsmarkt finden. Hier überschneidet sich die Wohnungssuche für Migranten mit der jener Menschen in unserer Gesellschaft, die vom freien Markt nicht angemessen bedient werden. In wirtschaftlich erfolgreichen Regionen und Städten – denn wo sonst sollten Migranten leben wollen – sind das viele: Krankenschwestern, Kindergärtnerinnen, Sekretärinnen, Müllmänner, Gärtner, Schauspieler, Studierende, Alleinerziehende, Rentnerinnen, … .

Die Wohnungsfrage ist wieder akut und zugleich im öffentlichen Bewusstsein angekommen. Aber die jüngsten Programme von Bund und Ländern sind nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Es braucht tatsächlich einen Paradigmenwechsel auf zwei Ebenen. Erstens muss es für den Markt wieder interessant werden, preiswerte Wohnungen zu bauen. Das erfordert ein konzertiertes Programm von staatlicher und kommunaler Förderung. Gegenwärtig ist es für private Investoren noch lukrativer, temporäre Einrichtungen für Flüchtlinge zu bauen als einfache Wohnungen für Hartz-IV-Empfänger. Zweitens müssen sich die wachsenden Städte zu ihrem Wachstum bekennen und wieder Stadt bauen: urbane, dichte, poröse, heterogene, gemischte, inkludierende Städte.

Alexander Hagner

Wien

Je unterschiedlichere Formen von Wohnmöglichkeiten in einer Stadt zur Verfügung stehen, je größer ist die Chance, dass möglichst viele ein Zuhause finden – und genaugenommen ist das auch der Sinn von Stadt.

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Baugesetze, Normen, Regeln und Richtlinien verfolgen naturgemäß ein völlig anderes Ziel. Die große Frage lautet daher heute angesichts immer mehr Menschen ohne Aussicht auf Wohnung: Wie bringen wir das zusammen?

Gar nicht! Die Degeneration der Regelwerke zum Bauen in Mitteleuropa ist bereits viel zu weit fortgeschritten. Am deutlichsten wird das beim Studium von Wohnsituationen gerade der Menschen, die sich keine Gebäude mehr leisten können. Ihre Plätze unter Brücken, in Kanälen, auf abgelegenen Restflächen der Stadt führen uns pur vor Augen, worum es tatsächlich geht. Wenn Geld keine Rolle mehr spielt (weil nicht vorhanden) offenbart sich, was existentiell notwendig ist – also das, was die Bauordnungen vorgeben zu schützen.

Was, wenn wir die gegebene Unterschiedlichkeit von Stadtbewohnenden als Ausgangspunkt nehmen? Wenn wir davon ausgehend die Wohnangebote auf allen Ebenen differenzieren (ganz so, wie im Luxuswohnen auch) bis hin zur Möglichkeit der Errichtung einer Hütte mit einscheibenverglastem Fenster, einer 70 cm breiten Eingangstür und einer Raumhöhe von 2,20 m und das Ganze als Wohngebäude.

Trotz oder gerade wegen der fortgeschrittenen Baugesetzgebung nahmen alle den illegalen Dauerüberlebenszustand weniger Menschen in Kauf – wegschauen ging irgendwie. Jetzt drohen es viele zu werden. Wir müssen die Chance daraus ergreifen, legale Angebote für ALLE zumindest möglich zu machen!

Prof. Jörg Friedrich

Architekt und Hochschullehrer, Hamburg

Mehr Flüchtlinge, bitte oder: Das Recht auf eine menschenwürdige Architektur. – Es gibt in der europäischen Architekturgeschichte nicht nur die Repräsentationsarchitektur.

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Einfachste Architekturen sichern das Wohnen und Überleben für Millionen von Menschen in der europäischen Stadt seit Jahrhunderten. Immer auf das notwendigste beschränkt, entfalten diese Bauten im städtischen Zusammenhang dennoch eine architektonische Würde. In dieser Hinsicht könnte bereits seit dem Mittelalter die wachsende europäische Stadt als Vorform einer „Refugees Arrival City“ interpretiert werden. Über die beinahe modern anmutende Kargheit hinaus ist sie in ihrer materialen Intelligenz immer ortsbezogen, in ihrer urbanistischen Kreativität zukunftsoffen. Seit Jahrhunderten manifestiert sich in allen architektonischen Konzepten und Erscheinungsbildern über das kollektive Erscheinungsbild der Stadt die Wertschätzung für ihre Bewohner.

Architekturkonzepte sorgen oft für die menschenwürdige Unterbringung und Integration neuer Bevölkerungsschichten: Architektur ist geforderter Teil dieses Stadtprogramms. Viele dieser einfachsten Architekturen werden später Denkmäler oder Weltkulturerbe (so zum Beispiel die Fuggersiedlung in Augsburg, das französische Quartier in Potsdam. Selbst die Ghettos von Rom und Venedig, die anfangs weniger der Integration sondern vielmehr der Exklusion und Separation der Juden dienten, sind im Laufe der Jahrhunderte zu bunt gemischten, hochverdichteten, qualitätsvollen innerstädtischen Stadtquartieren gewachsen).

Die Architekturen der Flüchtlingsunterkünfte von 2016 bis 2050 könnten sich von dieser Geschichte inspirieren lassen. Wieso heutzutage die Architektur für Flüchtlinge nur Schrott aus Blech sein muss, die Umwelt verschandeln und keine Zukunft haben soll, ist unverständlich. Architektur für Flüchtlinge zu entwerfen, heißt Umsetzungsmodelle zu entwickeln für eine menschenwürdige Unterbringung von Hunderttausenden von Menschen und für die Entwicklung einer neuen Stadtkultur. Architektonisch und städtebaulich bietet das Flüchtlingsproblem die Chance, über neue Architekturansätze ein Konzept für ein neues Zukunftsbild für die Stadt zu entwickeln.

Architekturkonzepte sind erforderlich, weil nur mit ihnen neue Lösungsmodelle entworfen werden können für die Stadt der Zukunft. Kreativität und Architekturkenntnisse werden endlich wieder benötigt, um in einem neuen, gesellschaftlich bedeutsamen Verantwortungsbereich Stadt und Wohnung inhaltlich neu zu definieren für die Zukunft, statt wie in den letzten Jahrzehnten viel zu oft geschehen, Architektur bis auf die Fassadenbeschönigung zu reduzieren.

Neue Modelle müssen her: Der Markt für Blechcontainer ist in Deutschland für 2016 ohnehin restlos leergefegt. Absurd: Neue Container sind pro Quadratmeter Bruttogeschossfläche in Deutschland bereits oft teurer als Eigentumswohnungen in guten Stadtlagen. Dennoch wird viel Geld in diese unsinnigen Containeranlagen zur temporären Unterbringung von Fremden gepumpt, um diese angeblich schneller schützen zu können. Das muss nicht sein.

Tabubruch – Reflektion der Vergangenheit und die Frage des Massenwohnungsbaues. Architekten müssen sich in Zukunft mit der Frage auseinandersetzen, wie sich der politische Wunsch nach schnellster Realisierung von billigstem Wohnraum für Hundertausende von Flüchtlingen in kürzester Zeit qualitätsvoll und vor allem urbanistisch sinnvoll in vorhandenen Stadtgefügen umsetzen lässt. Ist dieser vorauseilende Architektengehorsam in der baulichen Umsetzungsgeschwindigkeit überhaupt sinnvoll für die urbanistische Entwicklung unserer Stadtgesellschaften? Auch diese Frage müssen wir beantworten. Architekten müssen sich wieder auseinandersetzen mit dem Thema des Massenwohnungsbaues, um der Politik nicht das gescheiterte Lösungsmodell „Banlieue“ mit all ihren grausamen Fehlern aus der Vergangenheit anzubieten, sondern sie haben die Chance, neue, bessere Modelle im Massenwohnungsbau zu erfinden für die Planung der Stadt der Zukunft.

Reiner Nagel

Architekt und Städteplaner, Vorstandsvorsitzender Bundesstiftung Baukultur, Potsdam

Angesichts der hohen Anzahl von Flüchtlingen sind zunächst qualifizierte Provisorien erforderlich, die durch den intelligenten Einsatz serieller Bauweisen errichtet werden können.

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Bereits hierbei können durch geschickte Anordnung und Kreativität Qualitäten geschaffen werden, die über diejenigen eines Containerdorfs hinaus gehen. Die Akzeptanz für Zwischenlösungen lässt sich zudem durch einen erkennbaren Gestaltungswillen verbessern.
Damit sich diese Provisorien aber nicht verfestigen, muss parallel und zügig dauerhafter Wohnungsbau entstehen, der unabhängig von einer Nutzergruppe vielerorts benötigt wird. Dabei ist nicht die gute Gestaltung und Ausführung zeitintensiv, eher schon die politischen Vorläufe und die Genehmigungen. Gerade weil neue Wohngebäude unsere gebaute Umwelt für lange Zeit prägen werden, darf es keine Abstriche an baukulturellen Qualitäten geben. Es muss Wohnraum entstehen, der in lebenswerte und gemischte Strukturen eingebunden ist oder solche neu schafft. Statt künftiger Problemviertel brauchen wir Quartiere, die gesellschaftliche Integration fördern, die Arbeitsmöglichkeiten bieten und Begegnungen im öffentlichen Raum begünstigen. Was wir nicht brauchen, sind Schlichtbauten und -siedlungen für dreißig bis vierzig Jahre.
Die krisenhafte Situation bietet also auch Chancen, alternative Planungsprozesse, neue Wohntypologien oder Konstruktionsweisen zu erproben, für die sonst kein Innovationsdruck besteht. Konventionen müssen hinterfragt werden – aber unsere Gestaltungsansprüche zu senken, halte ich für falsch.

Dr. Bernd Hunger

Referent für Stadtentwicklung und Wohnungsbau, GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e. V. , Berlin

Die Wohnungsunternehmen haben in den letzten Monaten enorme Leistungen erbracht, wenn es um Unterkunft für Flüchtlinge geht. Nicht die Erst-Unterkunft, sondern der Eintritt in den normalen Wohnungsmarkt steht dabei im Mittelpunkt.

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Zum einen wurden Wohnungen im Bestand zur Verfügung gestellt und Leerstände revitalisiert, zum anderen Lösungen für den kostengünstigen und schnellen, aber gleichwohl qualitätsvollen Wohnungsbau entwickelt. Serieller und modularer Wohnungsbau steht vor einer Hochkonjunktur.

Dabei wird das Konzept verfolgt, den Wohnungsbau für Flüchtlinge nicht als spezifisches Marktsegment mit der Gefahr der Stigmatisierung und Ausgrenzung zu kreieren, sondern hochwertig und umbaufähig so zu bauen, dass die Unterbringung für die Eingewanderten nur ein Zwischenstadium zu nachgefragten Wohnformen für Ältere, Studierende und Familien ist. Gefragt ist Bauen zu tragbaren Kosten, aber kein Billigbau, der zum schwer vermietbaren Wohnraum der Zukunft würde.

Das schnelle Bauen von Wohnungen ist technisch lösbar. Deutlich komplizierter ist aus Sicht der Wohnungswirtschaft die Integration der Zugewanderten. Erforderlich ist eine sensible Standortwahl für den in der ersten Phase für die Flüchtlinge errichteten Wohnungsbau, um soziale Brennpunkte zu vermeiden. Zweitens ist eine Belegungspraxis im Bestand erforderlich, die vorhandene Nachbarschaften nicht überfordert. führt. Beide Themen sind besonders zu beachten in den großen Wohnsiedlungen der 1950er bis 1980er Jahre. Für eine gelingende Integration ist es wichtig, dass die aufnehmende Gesellschaft vor allem in jenen Stadtteilen, die seit Jahren die größten Integrationsleistungen erbringen, die Zuwanderer nicht als Konkurrenz auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt, sondern als neue Nachbarn und Kollegen erleben kann.

Erforderlich ist ein finanziell und personell der Dimension der neuen Herausforderungen entsprechendes Sonderprogramm „Integration“, um in Korrespondenz zum Bauen die Aufnahme der Flüchtlinge in den Nachbarschaften zu unterstützen.

Dr. Lore Mühlbauer

Architektin, München

Wie können sich Architekten und Planer zielorientiert bei Bau und Betrieb von Unterkünften bei der Versorgung von fremden Menschen einbringen? Durch den permanenten und regional schwer zu kalkulierenden Zuwanderungsdruck bleibt für die Akteure kaum Zeit für strategische Ansätze.

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Daher ist bei Neubauten, Umnutzungen und Sanierungen Spontaneität, Innovation aber auch Idealismus und Einsatzbereitschaft gefragt. Letztere hat aber physische Grenzen. Konzepte zur Zusammenarbeit von Politik, Behörden, Bürgern und Flüchtlingen müssen unterstützt und konstruktiv begleitet werden. Fremde sollen eine Bereicherung für die europäische Stadtentwicklung im 21. Jahrhundert werden.

Bei Wanderungsbewegungen haben sich bis heute diejenigen Gruppen durchgesetzt, die fähig zur konstruktiven Assimilierung waren. Gastfreundschaft ist im Orient, dem Ausgangspunkt der aktuellen Fluchtbewegung ein hohes Gut, das aber im Umkehrschluss eine hohe Erwartungshaltung erzeugen kann. Wie sieht also die Architektur in den Herkunftsländern der Flüchtlinge aus und kann man funktionale oder konstruktive Ansätze adaptieren? Bei der konkreten Projektarbeit helfen konkrete bauliche Beispiele und städtebauliche Typologien. Erprobte Details lassen sich durch Fachwissen und Erfahrungen aus den Herkunftsländern verbessern. An den Schnittstellen in der neuen Heimat können positive Synergieeffekte für beide Seiten – Flüchtlinge und Aufnehmende –und eine gelungene Willkommensarchitektur entstehen.

Insbesondere in Ballungsräumen ist bezahlbarer Wohnraum knapp, eine Situation, die sich durch die aktuelle Flüchtlingswelle zuspitzt. Häufig werden schnelle, temporäre Baustrukturen für die Erstaufnahme und Folgeunterbringungen errichtet, die einem ersten Ansturm gut gerecht werden, aber teuer und funktional unbefriedigend sind. Dauerhafte Wohnungen statt Flüchtlings- und Containerlager sollten trotz eines begrenzten Immobilien- und Grundstücksmarktes, eines komplexen Bau- und Vergaberechts, langen Planungs- und Genehmigungsprozesse das Ziel sein. Die konsequente Errichtung von neuem, Qualität vollen Wohnraum, die Tauglichkeit vorhandener Bausubstanz und die Aufnahmequalitäten im ländlichen Raum sind dafür Ansätze. Architekten können dafür Entwicklungsräume vorschlagen und eine Architektur des Ankommens schaffen.

Amelie Deuflhard

Theaterproduzentin und Theaterintendantin, Hamburg

100 Prozent Nutzung – 100 Prozent Kunst, die ecoFAVELA Lampedusa Nord auf Kampnagel, Aktionsraum und Treffpunkt für Flüchtlinge: Die Zahl der Geflüchteten in Europa und Deutschland steigt und die Behörden sind in Bezug auf Unterbringung überfordert.

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Jetzt sind Architekt*innen und Künstler*innen gefragt, zukunftsfähige Modelle für neuen Wohnraum für die Zuwanderer zu entwickeln.

Das Kunstprojekt ecoFAVELA von Baltic Raw war ein solches Modellprojekt: Es stellte 6 Flüchtlingen für 6 Monate ein Winterquartier auf Kampnagel bereit und sollte vor allem einen Diskurs über Flüchtlingsunterbringungen produzieren. Bei der Bauaufsicht wurde das Projekt als eine 24 Stunden andauernde Performance beantragt. Das Gebäude ist der Prototyp eines von der öffentlichen Infrastruktur unabhängigen ökologischen Hauses und wird zur Nachahmung empfohlen. Die ecoFAVELA funktionierte relativ autonom von Kampnagel und erprobte künstlerisch-experimentell eine neuartige Form der Unterbringung: kleinteilig, friedlich, vernetzt, aktiv, integrativ, offen, kommunikativ und damit fundamental unterschiedlich von üblichen Flüchtlingsunterkünften, die eher auf Komplettversorgung bei gleichzeitiger räumlicher Abschottung und Desintegration setzen.

Die ecoFAVELA war eine soziale Plastik im Beuys‘schen Sinn: ein Ort „maximaler Toleranz“, ein Ort für den Prozess der „permanenten Konferenz“. Sie war ein prozessualer Aktions-, Diskurs- und Wohnraum. Ein sozialer Raum, der Verbindungen zu Kampnagel-MitarbeiterInnen und KünstlerInnen, Nachbarschaften, dem Kampnagel-Publikum und den BürgerInnen der Stadt schaffte und ganz nebenbei noch für erhebliches Aufsehen und viele Debatten sorgte. Das Projekt ecoFAVELA Lampedusa Nord zeigt, dass es an der Zeit ist, für neue Konzepte übergreifender Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Behörden, Architekten, Künstlern, Aktivisten, Wirtschaftsorganisationen, Stiftungen, Kirchen und sozialen Einrichtungen.

Julia Hinderink

Architektin und Kuratorin, München

Die Projekte, die anfänglich für „Flucht nach Vorne“ ausgesucht wurden, sind Leuchtturmprojekte. Kleinmaßstäblich, vorbildlich integrativ, mit großem Aufwand und geringem Budget geplant.

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Durch die große Flüchtlingswelle waren auch wir in der Planung unserer Veranstaltung gezwungen, in anderen Maßstäben zu denken. Projekte, die für 16 bis 25 Menschen ein Zuhause bedeuten, schienen unwichtig in Anbetracht der Masse an Flüchtlingen und ein Tropfen auf den heißen Stein zu sein. Gleichzeitig gibt es noch keine gebauten Beispiele, die in vergleichbarer Qualität diesem Maßstab gerecht werden. Wir werden am 10. und 11. März mit Kurzvorträgen, mit Projektvorstellungen, an öffentlichen Werkstattischen und in Podiumsdiskussionen die Bandbreite der Möglichkeiten ausloten, die Herausforderungen, Voraussetzungen und Chancen beleuchten und über die Rolle der Architekten und Planer in diesem Prozess sprechen. Politiker, Migrationsforscher, Soziologen und Aktivisten werden in die Diskussion mit einbezogen, da das interdisziplinäre Zusammenwirken notwendig ist, um dieser gesamtgesellschaftlichen Aufgabe gerecht werden zu können.

Dennoch bleiben die Leuchtturmprojekte wichtig. Denn ihnen liegt die Cortesia – die Herzenshöflichkeit – zu Grunde, die es brauchen wird, um neue Kulturkreise in unsere Gemeinschaft zu integrieren. Es wird darum gehen, von den Projekten zu lernen, die lokal in der Nachbarschaft verankert wurden, die mit kultureller und kommunikativer Sorgfalt und einem architektonischen Anspruch geplant wurden und die zukünftige Bewohner auch in die Planung involviert haben. Die Skalierbarkeit solcher Ansätze wird die große Herausforderung darstellen.

http://www.bda-bayern.de/aktuelles/veranstaltungen/artikel/2016/01/15/flucht-nach-vorne-werkstatt-mit-der-bundesstiftung-baukultur.html