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1. Februar 2016

Soll Architektur heute noch Licht ins Dunkle bringen?

Für eine Architektur der Integration, der Symbiose, der Freiheit, wider Ausgrenzung, Abgrenzung, Abschottung – jetzt erst recht.
Olympiapark München. Anlagen und Bauten für die Olympischen Spiele 1972: Sinnbild für Bauen in der Demokratie, ausgezeichnet mit der Klassik Nike, Architekturpreis des BDA 2013 (Foto Hubert Juranek, München)

von Dr. Jan Esche
Chefredakteur BDAtalk

Die Unsicherheit geht um in Deutschland, die Angst vor Terror tut ihr übriges. Das mulmige Gefühl, das den Trend zum bewachten städtischen Wohnen nun wohl nicht nur für Wohlhabende attraktiver macht. Mit der Folge auch der architektonischen Abkehr des öffentlichen, durchwegten Stadtbodens urbaner, langfristiger nutzungsflexibler Zonen. Bis hin zur Architektur und dem Auftritt selbst. So ist eine Entwicklungslinie erkennbar von den städtebaulichen Experimenten Heinle, Wischer und Partners Olympischem Dorf oder der hohen Kunst des Wohnens Otto Steidles auf der Theresienhöhe nun über Gartenparadiese für reiche Städter eines Parks Linné oder schöner Herzen eines Joli Coeur hin zu wirklich abgeschlossenen „Wohnburgen“ immobilienwirtschaftlicher Prägung. Die Tendenz hin zu separierten, nicht mehr nur hochpreisigen Wohnen hierzulande ist kaum aufzuhalten. Nicht immer bedarf es dazu Zäune, manche Gebäude signalisieren schon durch ihre Architektur, dass hier nicht jeder erwünscht ist.

Urbanismus light, gated communities, Exklusivität haben Hochkonjunktur, der Doorman kümmert sich um alle, abgeschlossene Tore schützen vor Fremden. Eine Abkehr vom Bauen in der Demokratie zu zubetonierten, von der Außenwelt abgekehrten Lebens- und Wohnräumen, mit fatalen Folgen für die Gesellschaft, befürchten Wissenschaftler.

Die Privatisierungsdebatte gibt es seit geraumer Zeit, mit allen Gentrifizierungsaspekten, wohl aber nun nicht verstärkt, und ausgeweitet auch gerade auf Ottonormalverbraucher. Das öffentliche Leben wird weiter bestehen, kein Zweifel. Im urbanen Sinn als der guten, angemessenen, wünschbaren, alles in allem also lebenswerten Stadt. Voller Individualität, zivilgesellschaftlichem Engagement, Identität und Vielfalt. Doch es wird sich auch verlagern. Gewohnheiten werden sich ändern, nicht gleich von einem neuen Biedermeier zu sprechen. Auf der politischen Tagesordnung steht derzeit in erster Linie die Sicherheitsdebatte und die Frage nach Heimat. Diese wird unweigerlich auch die Diskussion um Architektur und Städtebau beeinflussen.
Noch besteht die Hoffnung, dass sich Architekten und Städtebauer für ein rückbesinntes „Bauen in der Demokratie“ engagieren, wie es seinerzeit Günter Behnisch, Hinrich und Inken Baller und viele andere taten. Labor Stadt – hatte der Werkbund Bayern einmal ganz neu und grundsätzlich nach der Zukunft des Wohnens in der Stadt gefragt. Wohnen in der Stadt ist ein unmittelbarer Spiegel des sozialen Miteinanders sowie seiner politischen Grundbedingungen. Grundlegende demographische, ökonomische und strukturelle Umwälzungen, aber auch die Verwerfungen und Veränderungen in den grundsätzlichen städtebaulichen und architektonischen Auffassungen stellen drängende Herausforderungen für Politik, Bauwirtschaft, Architektur und Städtebau dar.

Da Architektur nur diejenigen Kräfte widerspiegeln kann, die bei ihrem Entstehen wirksam waren, muss das Konsequenzen auf die Gestalt unserer Architektur und unserer Städte haben. Und das kann uns alle doch nicht unberührt lassen. – Baukultur ist so aktuell wie nie zuvor.

Ein Gedanke zu „Soll Architektur heute noch Licht ins Dunkle bringen?“

  1. Es ist gut, einmal über den tieferen Sinn der Architektur zu sprechen. Der vorletzte Satz von Dr. Jan Esche „Da Architektur nur diejenigen Kräfte widerspiegeln kann, die bei ihrem Entstehen wirksam waren, muss das Konsequenzen auf die Gestalt unserer Architektur und unserer Städte haben“ gibt eigentlich die richtige Richtung an. Und man hofft von den führenden Architekten etwas zu der Gestalt der neuen Architektur zu erfahren. Man wird da aber kaum fündig. Allein Peter Haimerl nennt da einen konstruktiven Ansatz. Das ist zwar ein guter Ansatz, aber eben nur einer unter vielen Kriterien einer wirklich Heimat bietenden Architektur. Die Texte sind an sich ganz gut, z. B. auch der von Benedict Esche, aber sie sind immer nur mit der Forderung nach einer besseren Architektur ohne Nennung, was besser wäre und ohne kritische Auseinandersetzung mit der gerade üblichen Architektur und dem gängigen Städtebau. Denn das, was der BDA zur Zeit fördert und prämiert, ist grauenhaft. Ist da niemand mutig genug, sich damit auseinanderzusetzen?

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Oliver Elser

Kurator, Frankfurt am Main

Keine Symbolik ist derart überstrapaziert, wie die der tagsüber lichtdurchfluteten, nachts weithin leuchtenden, gläsernen Architektur.

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Natürlich hält die Baugeschichte unzählige Beispiele filigraner Durchsichtigkeit bereit, die als Geste dazu auffordert einzutreten, sich willkommen zu fühlen, teilzuhaben. Vom Mies van der Rohes Barcelona-Pavillon über das Bonner Parlamentsgebäude von Hans Schwippert und die Olympiadächer von Behnisch und Frei Otto bis zur begehbaren Foster-Glaskuppel über dem Reichstagsgebäude. Im Museums- oder Verwaltungsbau lassen sich ähnliche Symbolbauten anführen. Aber wer würde im Umkehrschluss behaupten, massive Betonbauten seien undemokratische Integrationshindernisse? Niemand käme auf die Idee, die Kirchen Gottfried Böhms, die Einfamilienhäuser Heinz Bienefelds oder das Kolumba-Museum Peter Zumthors als Bollwerke einer neuen Feindseligkeit zu bezeichnen.

Wodurch vermag Architektur zu integrieren: Durch eine offene Fassade, oder eine bergende Betonwand? Das kann und soll hier nicht die Frage sein.

Diskussionsstoff hingegen verspricht eine andere Hypothese: Architektur ist offen, human und freundlich, wenn sie unperfekt, chaotisch, nicht entworfen, sondern gewachsen ist. Der aktuelle Pritzker-Preisträger des Jahres 2016, der chilenische Architekt Alejandro Aravena, hat diese ehrenvolle Auszeichnung letztlich für ein einziges Gebäude bekommen, das ein Beispiel dafür bietet, was Architektur zu leisten vermag, wenn der Architekt sich zurücknimmt und die Bewohner machen lässt: Bei den Wohnanlage Elemental Iquique wurden mit extrem geringen Baukosten (7.200 US-Dollar pro Wohnung) halbfertige Reihenhäuser erstellt, deren weiterer Ausbau in den Händen der Bewohner lag. Man stelle sich vor, so etwas in Deutschland zu versuchen. Ein Aufschrei aller professionellen Geschmacksverwalter! Die Bankrotterklärung für unsere Nachhaltigkeit-, Barrierefreiheit- und alle sonstiges Standards!

Aber genau hier, in solchen Do-it-yourself-Projekten liegt noch das Potenzial, unsere ermüdend routinierten Debatten über die symbolische und tatsächliche Wirksamkeit von Architektur mit frischem Schwung zu versorgen. Man merkt es daran, wie regelmäßig alle Diskussionen über die Frage angemessener Flüchtlingsunterkünfte an den Punkt stoßen, ob hier nicht mit mehr Selbstbau großes geleistet werden könnte. Eigeninitiative statt Bevormundung, Aktivität statt endloses Warten: Aber wer hat hier die Konzepte, die ja auch im normalen Wohnungsbau Verwendung finden könnten?

Gerhard Matzig

Journalist und Redakteur, München

Shinohara Kazuo hatte einen Traum. Der Japaner wollte einen „reinen Raum“ erschaffen: ohne Wände. Architektinnen und Architekten sind bisweilen verhaltensauffällig, sobald es um Wände geht.

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Was merkwürdig ist, denn eigentlich fängt doch alle Architektur mit einem Wandwitz an: „Sagt die eine Wand zur anderen Wand: Ich treffe dich dann an der Ecke . . .“ An dieser Stelle beginnt die Architektur: an der Ecke. Eine Wand ist nichts, zwei Wände sind Architektur. Beziehungsweise: Raum. Oben ein Dach, unten ein Boden, dazwischen vier Wände – das ist ein Haus. Die Wand ist das konstituierende Element der Architektur. Und die Architekten arbeiten sich daran ab. Gut so.

Aron Losonczi erfand im Jahr 2001 einen Beton, der nicht wie Beton aussehen sollte, sondern wie Glas. Transluzent. Es scheint so, als ob sich Architekten oft genieren für Wände. Die Mauern müssen dann so tun, als ob sie gar nicht da wären. Shigeru Ban baute ein Haus mit Wänden aus transparentem Kunststoff, „the Naked House“. Wobei das nackte Haus viele Vorbilder hat: zum Beispiel das „Glass House“, das Philip Johnson 1949 in Conneciticut errichtete. Es ist umgeben von vier Glaswänden, die so tun, als ob sie Luft seien.

Im Grunde rennen Architekten schon seit der Gotik gegen die Wand an. Man muss zugeben: Ohne ihren etwas irritierenden Hang, nach Möglichkeit auf die Grundlage ihres Berufes zu verzichten, auf Wände, hätte es auch das größte Kunstwerk aller Zeiten nie gegeben – die gotische Kathedrale. Noch in der Romanik sind Kirchen mauerbewehrte Trutzburgen. Doch dann fangen die Wände an, sich zu entmaterialisieren. Es entstehen utopische Orte der Sehnsucht.

Wände engen ein, machen klein und schließen aus. Sie bergen nicht nur, sie verbergen auch. Und sie bieten nicht nur Schutz gegen Feinde, sie definieren auch den Feind, indem sie die Grenze ziehen zwischen drinnen und draußen, zwischen „wir“ und „die“. Eine Architektur der Entleibung wie der Ent-Laibung: Das ist daher die Baukunst, die wir heute (wieder) brauchen. Das ist eine Architektur der Integration und Versöhnung, ein Bauen an Zuversicht, Offenheit und Demokratie. Wir brauchen, unfassbar, dass ich das schreibe, eine Art Neogotik. Wir sollten Gated Communities, Exklusions-Stadtviertel und Flüchtlingslager, die sich irgendwo in der Stratosphäre der Gesellschaft verbergen, einreißen. Architekten sind heute diejenigen, die das Licht hereinlassen, welches von Schildbürgern und ihren Politikern noch mit Eimern transportiert werden muss, um das dunkeldumme Rathaus zu erhellen, bei dem man die Fenster vergessen hat.

Mauern sind das konstituierende Element der Baukultur; doch ihre Vollendung liegt in der Maueröffnung. Architekten möchte man zurufen: Open this gate, tear down this wall! Baut die Welt, wie sie sein soll – und nicht, wie sie ist.

Prof. Dr. Walter Siebel

Soziologe und Hochschullehrer, Oldenburg

In der Bundesrepublik leben sechzehn Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. In einigen Großstädten sind es bereits vierzig Prozent der Bewohner. Trotzdem gibt es in Deutschland (noch) vergleichsweise wenig Konflikte.

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  Was befähigt moderne Gesellschaften, so gelassen mit so viel Fremdheit umzugehen?

Es sind die Städte, die einen wesentlichen Beitrag dazu leisten. Städte sind Orte, an denen Fremde leben. Auf dem Dorfplatz ist der Fremde auffällig, in den Straßen der Stadt ist es der Bekannte, und trifft man zu viele, beschleicht einen der Verdacht, nicht in einer richtigen Stadt zu leben. Der Fremde ist der prototypische Stadtbewohner. Das liegt nicht nur an der unüberschaubaren Zahl der Bewohner und daß Städte die bevorzugten Ziele von Migranten sind. Moderne Städte erzeugen aus sich heraus eine Fülle von Fremdheiten: das ordentliche Milieu der Kleinbürger und das unordentliche der Künstler, das Milieu der Obdachlosen und das der Lesben und Schwulen etc., alles Milieus von Einheimischen, aber dem korrekten  Bankangestellten dürften die beringten Lippen eines Punks ähnlich befremdlich erscheinen wie einer emanzipierten Frau der Schleier einer Muslima.

Deshalb haben Städte vor aller Zuwanderung zwei Mechanismen entwickelt, die ein halbwegs friedliches Nebeneinander von so vielen Fremdheiten ermöglichen: die urbane Lebensweise und die (freiwillige) Segregation. Georg Simmel hat das Verhalten des gelernten Städters als blasiert und gleichgültig beschrieben. Man hält sich mit urbaner Indifferenz die Unannehmlichkeiten vom Leib, die mit der Nähe des Fremden verbunden sind. Ähnliches leistet Segregation. Indem die Stadt die verschiedenen Milieus in verschiedene Räume der Stadt sortiert, übersetzt sie soziale und kulturelle Distanzen in räumliche Distanzen. Beide Male bleibt Fremdheit erhalten, aber die Möglichkeit von Konflikten wird verringert, indem Fremdheit aus der Wahrnehmung ausgeklammert wird. Urbane Lebensweise und Segregation sind Mechanismen zur Dethematisierung von Fremdheit.

Ähnlich der Markt. Wenn er funktionieren soll, muß er farbenblind sein. Wer über Geld, Qualifikation oder Waren verfügt, der kann in das ökonomische System integriert werden, unabhängig von seiner Hautfarbe oder Religion. Stadt und Markt erlauben ökonomische Integration und das Zusammenleben im Alltag, ohne daß Fremdheit zum Verschwinden gebracht wird. Stadt und Markt sind offene Systeme, die nicht die ganze Person sondern immer nur einen kleinen Ausschnitt in Anspruch nehmen. Anders als vormoderne dörfliche Gemeinschaften werden moderne Stadtgesellschaften nicht nur durch Homogenität integriert sondern auch durch ihre Fähigkeit, Fremdheit zu ertragen. In dem Maße, wie sie dazu fähig sind, sind sie auch produktiv. Ein Markt, der auf Kapital oder Arbeitskräfte verzichtet, weil ihre Träger eine falsche Hautfarbe haben, ist weniger leistungsfähig. Und eine Stadt, in der Fremdheit abgewehrt wird, ist kulturell steril, denn Stadtkultur lebt von der Auseinandersetzung mit Differenz.

Vgl. ausführlich: Walter Siebel: Die Kultur der Stadt. edition suhrkamp, Berlin 2015

Peter Haimerl

Architekt, München

Der große Architekt Louis Kahn ließ einmal seine studentischen Zuhörer staunend zurück, als er den Vortragssaal betrat, kurz ans Rednerpult ging und knapp folgende berühmte Feststellung machte:

„Licht ist“.

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Mit diesem kleinen Hinweis hat er die Wirkmächtigkeit von Licht auf den Punkt gebracht wie kein anderer vor und nach ihm. Mittlerweile leben wir in einer Welt, die von Licht geradezu umspült ist. Der Unterschied zwischen Tag und Nacht scheint kaum mehr spürbar. Helle Tablet- und Handyscreens beleuchten uns mit ihren Informationen. Dabei sind diese neuen „Photonenräume“ stets gleichförmig hell, sie brauchen kein Gegenüber und keine Reflexion.  Ihre Lichtteilchen sind überall und erlauben keine dunklen Ecken.

In diesem Licht baut sich keine Spannung auf. Es gibt keine „Nähe“ und auch keine „Ferne“.

Das Licht, von dem Louis Kahn gesprochen hat, ist das andere „Licht“. Für ihn ist ein Raum ohne Licht kein Raum. Licht ist die Grundlage unserer körperlichen Bezüglichkeit zur Umgebung. Es setzt uns Menschen in Beziehung zum Gegenüber, zur Wand, zur Stadt, zur Natur. Es ist Grundlage der Architektur schlechthin. Der architektonische Raum ist immer vorhanden, aber erst interpretierbar durch die Beleuchtung, die er erfährt.

Enge und Weite von Objekten wird erst spürbar durch ein neutrales Licht. Gebündeltes Licht, schafft Schattenkörper, stark und emotional. Gleichmäßiges Licht ist die Grundlage für Objektivität.

Das Licht unseres Informationszeitalters ist dabei, unser Raumlicht permanent zu überstrahlen. Unsere menschlichen Raumbezüge verschwimmen.

Louis Kahn hat das früh erkannt.

Er hat erkannt, dass sich dadurch auch unser, über Jahrhundert gebildetes Raumgefühl auflöst. Das Ergebnis ist überall sichtbar: in den unendlichen suburbanen Zonen unserer Städte und Dörfer, in unseren Wohnräumen und Arbeitsplätzen. Überall scheint das „Licht der Informationen“ bedeutender zu sein, als das architektonische Licht.

Diese ungeheure „Überblendung“ macht uns blind. Da wir aber dieses neue Licht nicht einfach „abdrehen“ können,  ist es an uns Architekten einen Weg zu finden Licht  für zukünftige, menschliche Räume zu nutzen.

Prof. Andreas Emminger

Architekt und Hochschullehrer, Nürnberg, Regensburg

Parlamentsbauten sind ein Ausdruck der architektonischen und gesellschaftlichen Haltung ihrer Zeit. Doch sind sie ihrer Gegenwart im Vergleich mit vielen ihrer gebauten Zeitgenossen auch immer ein wenig voraus, sie sind eine Art Vorbote dessen, was da kommen kann.

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Es ist einige Jahre her, dass ich eine Publikation des damaligen Bundesministeriums für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau zum Neubau des Plenar- und Präsidialbereiches im Deutschen Bundestag in Bonn las. Die abgedruckte Fotografie des Plenarsaales in Bonn überlagerte sich vor meinem inneren Auge mit den Bildern aus dem heutigen Plenarsaal des ehemaligen Reichstages in Berlin. Drei wesentliche Unterscheidungsmerkmale der beiden Bauten haben mir in genau diesem Moment bildhaft das Unbehagen veranschaulicht, das ich seit vielen Jahren angesichts der Verortung des Deutschen Bundestages im ehemaligen Reichstag mehr oder weniger unbestimmt empfand.

Am augenfälligsten erschien mir die so unterschiedliche Anordnung des Plenums. Während in Bonn die kreisrunde Sitzordnung, wie Günter Behnisch es beschrieb „…das Diskutieren im Plenarsaal evozieren und das Vortragen nicht ohne weiteres nahelegen“1 sollte, greift die Sitzordnung des Berliner Reichstages zwar die demokratischen Prinzipien der französischen Nationalversammlung auf, bei der alle Abgeordneten unabhängig von ihrer persönlichen Funktion im Halbkreis sitzen und ihnen lediglich das Präsidium des Parlamentes gegenüber gestellt ist. Dennoch führt diese Berliner Sitzordnung zum Zentrieren der Blickachsen auf das Rednerpult.

Norman Foster schildert die Entscheidungsgrundlage für diese Anordnung wie folgt: „Für den endgültigen Entwurf entwickelte das Team jedoch eine komprimierte halbrunde Gestalt – eine Anordnung, welche die demokratischen Eigenschaften der klassischen Sitzordnung beibehält, es aber für alle einfacher macht, das gesamte Plenum frontal anzusprechen, die Tradition bewahrend.“2 Eine Diskussionskultur in diesem komprimierten Halbkreis zu entwickeln, erscheint geradezu undenkbar. Denn selbst kurze Redebeiträge der Parlamentarier können sich nicht wie selbstverständlich ins Rund der Versammlung richten, sondern fokussieren grundsätzlich auf das Rednerpult und damit auf ein spezifisches, personalisiertes Gegenüber. Der Bonner Grundsatz des Vorranges parlamentarischer Diskussion über frontales Dozieren, oder in Behnischs Worten: „Man verspricht sich von dieser Art der Anordnung, dass in Zukunft leichter diskutiert werden kann und weniger vorgetragen werden muss.“3, scheint also bereits vor dem Umzug des Bundestages nach Berlin verloren gegangen zu sein.
Eine zweite wesentliche Erkenntnis bezieht sich auf den erheblichen Unterschied im Verhältnis des jeweiligen Plenarsaales zum öffentlichen Raum. Das Bonner Parlament liegt in einer leichten Mulde, der gebauten Fortsetzung der Rheinauenlandschaft, verbunden mit dieser durch eine Übertragung der Angemessenheit, des Maßstabes und der Dichte der umgebenden Landschaft in die Gestaltmerkmale der Plenarsaalarchitektur. Die Trennung des Außen vom Innen ist transparent, trotz erheblicher Sicherheitsanforderungen spiegelt der Schnitt durch den Saal und die Rheinauen den sehr unmittelbaren Bezug zwischen Parlament und Öffentlichkeit wider. Das Selbstverständnis einer noch immer recht jungen Demokratie wird so geprägt von der Versammlung der Parlamentarier, die sehr offen und zugänglich erscheint, inmitten der sie umwogenden Außenwelt. Die Haltung überzeugte offensichtlich, denn es hieß im Auslobungstext des Architektenwettbewerbes zum Umbau des Reichstagsgebäudes in Berlin: „Im Entwurf soll Transparenz zum Ausdruck kommen, die Bürgernähe und Freude an Kommunikation, Diskussion und Offenheit spüren lässt.“ 4 Dieser mutige und von der Bonner Erfahrung des Bundestages geprägte Satz zerschellte anschließend am wilhelminischen Würfel, in dessen Bauantrag vom 30. März 1871 geschrieben steht: „Die Errichtung eines monumentalen Parlamentshauses, würdig, die Erfolge des Jahres 1870 zu verherrlichen, ist ein Bedürfnis der Deutschen Nation.“5

Foster hat wohl versucht, wie vor ihm schon Paul Baumgarten, dem Reichstag eine demokratische, volksnahe Einstellung abzuringen. Doch so, wie der große Schirm über dem Reichstag und der darunterliegende öffentliche Raum unter den sich wandelnden städtebaulichen und politischen Bedingungen nach dem Wettbewerb verloren gingen, so hält der Plenarsaal des Deutschen Bundestages heute Abstand zu jenen, die das Plenum wählen. Die große Glasscheibe zwischen den Säulen kann das noch über den Sockel des Reichstages hinaus erhobene Plenum auch nicht wirklich mit der Öffentlichkeit verbinden, stellt nur noch ausschnittshaft die Bühne der Demokratie öffentlich zur Schau.

Dem folgt sogleich die dritte Erkenntnis, die mich bei der Überlagerung der Bilder einholte: während der Bundesadler in Bonn als geschlossen elliptische, grafisch gefasste Figur auf massiver Wand hinter dem Parlamentspräsidium angebracht war, hängt in Berlin eben jener Adler in einem Stahlseilgeflecht vor gläserner Wand, eingerahmt von zwei ihm sehr nahe rückenden Säulen. Das Wandprinzip der Plenarsäle ist also exakt umgekehrt: die gläserne Außenhaut mit massivem Grund für das Symbol unserer Demokratie verkehrt sich in Berlin zu einem massiven Säulen- und Mauergewand vor dem gläsernem Grund der Symbolfigur.

Günter Behnisch hat in Bonn gezeigt, wie Architektur in aller Bescheidenheit und Zurückhaltung einen lichten Eindruck schaffen kann, weit entfernt von Ausgrenzung, Abgrenzung und Abschottung. Ich bemerke aber auch, dass in einem Land, dessen aktuelle Parlamentsarchitektur sich weit von den Prinzipien der Transparenz und Offenheit der Bonner Republik entfernt hat, der Umgang mit der Freiheit des Einzelnen und dessen gesellschaftlicher Integration in weiten Teilen unserer Bevölkerung immer noch recht undramatisch und vorurteilslos gelebt wird. Architektur nimmt dabei die Rolle der durch das Leben geprägten gebauten und stetig sich wandelnden Umwelt ein, ganz so, wie Bernard Tschumi es in seiner Schrift Architecture and Disjunction sehr treffend in Worte fasste: „Jenes der Architektur eigene Aufeinandertreffen von Raum und Funktion und das unvermeidliche Entweder-oder der beiden Begriffe bedeutet, dass Architektur andauernd instabil ist, ständig am Rande des Wandels. Es ist paradox, dass dreitausend Jahre architektonischer Ideologie versucht haben, das exakte Gegenteil durchzusetzen: dass Architektur Stabilität, Solidität und Grundfestigkeit verkörpert. Ich würde behaupten, dass Architektur in widersprüchlicher Art und Weise benutzt wurde, gegen und trotz ihrer selbst, indem die Gesellschaft versucht hat, sich ihrer zum Zweck des Stabilisierens, des Institutionalisierens und des Etablierens von Dauerhaftigkeit zu bedienen.“ 6

Die Architektur der Parlamentsbauten ist also immer nur so stabil, wie die Gesellschaft, die sie erschafft.

Quellen:

1 Deutscher Bundestag, Bundesministerium für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau (Hrsg.): Deutscher Bundestag Bonn Neubau des Plenar- und Präsidialbereiches; Bonn 1993; S. 15

2 Norman Foster, Chris Abel: The Reichstag Foster + Partners; London 2011; S. 29, Eigenübersetzung

Originalzitat: „For the final design, however, the team developed a compressed semi-circular layout – an arrangement that retains the democratic qualities of the classic seating plan but makes it easier for anyone to address a full gathering from the front, in keeping with tradition.“

3 Behnisch & Partner: Plenarbereich des Deutschen Bundestages in Bonn, Berlin 1992; S. 18

4 Bundesbaudirektion: Realisierungswettbewerb Umbau Reichstagsgebäude zum Deutschen Bundestag; Ausschreibung Band 1, Berlin 1992; S. 64

5 Jürgen Reiche: Das Berliner Reichstagsgebäude. Dokumentation und ikonographische Untersuchung einer politischen Architektur; Berlin 1987; S. 2

6 Bernard Tschumi: Architecture and Disjunction; Cambridge, Massachusetts 1996; S. 19, Eigenübersetzung

Originalzitat: “Architecture’s inherent confrontation of space and use and the inevitable disjunction of the two terms means that architecture is constantly unstable, constantly on the verge of change. It is paradoxical that three thousand years of architectural ideology have tried to assert the very opposite: that architecture is about stability, solidity, foundation. I would claim that architecture was used as ‘à contre-emploi’, against and despite itself, as society tried to employ it as means to stabilize, to institutionalize, to establish permanence.”

Prof. Ruth Berktold

Architektin und Hochschullehrerin, München

Architekten haben immer eine große Verantwortung, aber in solch extremen Umbruchzeiten umso mehr. Wir gestalten die Umwelt, und bestimmen entscheidend mit, wie Menschen leben.

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Wir haben jetzt die Chance, unsere Politiker zu beraten und uns Gehör für andere brisante Architektur- und Städtebauthemen zu verschaffen. Durch die Vielzahl der fehlenden Wohnungen entsteht ein gewisser Zugzwang, strikte Regulierungen aufzuheben und nach günstigeren, schneller baubaren Wohnformen zu suchen. Dies sollte aber nicht unseren Anspruch an Baukultur mindern, sondern im Gegenteil noch stärker für sie einzutreten. Da tut sich die Frage auf: Was ist genau Deutsche Baukultur? Wer und wie definiert die Maßstäbe? Wie Licht in die Architektur bringen?

Um die Zukunft voraussagen zu können, muss man sie Erfinden oder ‚Entwerfen’. „The best way to predict the future is to invent it“, hat schon Alan Kays gesagt.

Die Themen heute sind nicht nur Reagieren und Kleinklein. Das wäre nur ‚Piecemeal’ Flickarbeit. Wir müssen proaktiv denken, und uns gestellte Aufgaben dazu nützen, um über den Tellerrand zu blicken, und unsere Städte und Gemeinden, und die Architektur allgemein, auf Fragen wie New Mobility und Big Data zu hinterfragen und auszuzuwerten. Brauchen wir nur noch 20% aller Autos, und sind wir bereit, auf das wichtigste Statussymbol zu verzichten, brauchen wir weniger Stellplätze, weniger Parkhäuser, haben weniger Stau, weniger CO Ausschüttung und gleichzeitig mehr Platz für Wohnraum.

Wir brauchen schnelle Lösungen für leistbaren flexiblen Wohnraum für Studenten, Flüchtlinge, Lehrlinge, Ältere etc. , aber auch die Infrastruktur dazu. Dies wird mit neuen Konzepten und zunehmender Digitalisierung einhergehen. Smart Housing und das Internet of Things (IOT) und somit neue Gesundheitsapps werden zunehmend wichtiger in einer immer älter werdenden Gesellschaft. Wenn wir jetzt nicht darüber nachdenken, sind wir wieder in einer ähnlichen Zwangssituation und können nicht gezielt und langfristig planen. Nicht nur durch den Zuzug vieler verschiedener Menschen aus anderen Kulturen, sondern auch durch die totale Vernetzung und immer mehr Daten, die über uns alle zur Verfügung stehen, werden Privatsphäre und auch Sicherheitsaspekte immer wichtiger, gewinnt der Faktor Heimat an Gewicht. Darin liegt aber genau die Chance, neue Gebäudetypologien, Raumprogramme, Produkte und Funktionen zu entwickeln. In jeder Veränderung liegt Bedrohung und immer erzeugt sie Angst. Niemand kann voraussagen, was sein wird und gerade deswegen können wir mehr denn je die Chance nützen und proaktiv an der Gestalt der Zukunft mitwirken.

Benedict Esche

Architekt Berlin, München

Wenn man über Licht und Hoffnung in Verbindung mit Bauen spricht, geht es dabei nicht um große Dinge, um neue Museen, Shelter oder Kirchen. Es beginnt ganz klein, fängt ganz einfacher an. Denn: Licht und Hoffnung in Architektur ist überall.

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Denke ich zurück, denke ich an mein erstes Baumhaus. Das Lächeln, das Strahlen in dem Gesicht meines Bruders, das Freuen und Lachen meiner Freunde, als wir das Baumhaus letztendlich mit Leben füllten. Fünfzehn Jahre später denke ich an ein altes Bauernhaus, in dem wir Menschen eine Heimat schufen. Ganz einfach, kein Gold, kein Marmor, kein Glitzern, kein Prunken, keine Staffage. Ein Zuhause. Nun, in der Architektur tagtäglich damit konfrontiert zu sein, Wohnraum, Lebensraum, Heimat zu schaffen, ist es das, was strahlt.

Doch wie können wir dies noch viel mehr Menschen ermöglichen? Längst heisst es, landauf landab, wir brauchen mehr Wohnraum, so mancher spricht von einem Grundrecht auf Wohnen, doch die Bereitschaft dazu, wo bleibt sie, neue Wege in Architektur und Städtebau zu gehen? Nicht zu sprechen von den Baukosten und Normen, sie steigen stetig an. Es gilt, uneigennützig, motiviert und voller Leidenschaft an diese grundlegenden Fragen unserer Zeit heranzugehen.

Heimat ist immer dort, wo man sich versteht, wo man der sein kann, der man sein will. Wo man Gleichgesinnte findet, sich am richtigen Platz findet. Das kann überall auf der Welt sein. In Berlin, in der bayerischen Provinz in den Alpen oder auch am Rio del Plata. Denn Heimat ist kein Ort. Sie ist ein Grundbedürfnis. Es ist ein Gefühl im Zeitalter von Wertewandel, Wirtschaftskrise und Globalisierung, Gerade jetzt entdecken wir, wie wichtig es ist, sich irgendwo zu Hause zu fühlen. „Heimat – A German Dream“ heisst ein englisches Buch, in denen die Autorinnen Elizabeth Boa und Rachel Palfreyman versuchen, ihren Landsleuten das deutsche Wort mit den Begriffen „homeland“ und „roots“ nahezubringen. Heimat, als Ort der Verwurzelung, hatte Peter Sandmeyer es einmal so treffend im Stern umrissen. Dabei ist der Ort für jeden ein anderer: das geduckte Dorf in der Eiffel, der Fischer-Hafen an der Nordsee, die Mietskaserne mit vier Hinterhöfen in Kreuzberg, die dunklen Tannen des Schwarzwalds, Bayerns Alpenpräludium, oder die rußgeschwärzte Zechensiedlung im Ruhrgebiet. Es sind die Geschichten von kleinen Häusern und großen Häusern, von Orten, wo Wurzeln haften.

Aber Heimat ist noch viel mehr. Die Erinnerung gehört dazu, die in das unterbewusste Gedächtnis eingebrannte Mischung aus Hören,  Riechen und Schmecken. Der Duft von Buletten und Sauerkraut auf dem Küchentisch, das laute Lachen der Krähen in den Bäumen, der weite Himmel, die Luft, die nach salziger See riecht, nach Autoabgasen oder der Morgennebel über herbstlichen Wiesen. Der Dialekt aus der Kindheit, die Lieblingsmusik der Eltern und der Duft des Morgenkaffees. Solange Heimat da ist, spürt man sie kaum. Wie gute Luft, die man atmet und für stets selbstverständlich hält. Erst wenn beides fehlt, erkennt man ihren Wert. Dann schmerzt die Lunge vom Kneipenqualm und die Seele von Heimatverlust.

„Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen“, schrieb Theodor Fontane. In der Fremde hat ihn jeder schon erlebt, diesen plötzliche warme Gefühl, wenn auf der Autobahn nach Mailand aus dem Radio eine Bachkantate dringt oder jemand nachts im Fernsehen Rilke zitiert. Deswegen ist Heimat ja umso schöner, je weiter weg sie ist. Aus der Ferne sieht man keine fahle Haut, keine Falten. Ferne verklärt und macht sehnsüchtig. Manchen so sehr, dass er ohne Heimat nicht mehr leben will. Er sei „erschöpft durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns“ und resigniert, „nachdem die Welt meiner eigenen Sprache für mich untergegangen ist und meine geistige Heimat Europa sich selbst vernichtet“, schrieb der Emigrant Stefan Zweig, bevor er sich 1942 in Brasilien das Leben nahm.

„Die wahre Heimat ist eigentlich die Sprache“, so Friedrich von Humboldt.  Sie bestimmt die Sehnsucht danach, und die Entfernung vom Heimischen geht immer durch die Sprache am schnellsten. „Wenn ich daheim bin, versteht mich jeder sofort“, sagt der weltläufige Politiker Wolfgang Schäuble und bekennt, dass ihm diese „Geborgenheit in der Mentalität“ wichtig sei. So wie Hermann Hesses Peter Camenzind, der nach langer Weltwanderung zurückkehrt in die Berge und das Dorf seiner Kindheit: „Hier fällt es niemand ein, einen Sonderling in mir zu sehen.“

Architektur ist weit mehr als die Synthese von Funktion, Konstruktion und Deutung, Sie ist weit mehr als die Auslotung von Grenzlinien, Technologie, Ökonomie und Gestalt. Es gilt, die Umwelt aus der pragmatischen Realität in die metaphysische Welt der Ideen zu transformieren, die Alltagswelt zu sensibilisieren und aus einer reinen Trivialität herauszuheben. Es geht darum, neue Qualitäten zu entwickeln – nicht nur bezahlbaren Wohnraum en masse. Mit einfachsten und gewöhnlichsten Wänden, Decken, Öffnungen Raumeindrücke und Bilder zu schaffen, die begeistern. Es ist ein Arbeiten mit dem Wesentlichen, das es jedem ermöglichen kann, Licht in der Architektur zu spüren.