15. Dezember 2020

Neue Hochhäuser für München?

Perspektivwechsel, New York City, © Rainer Hofmann

Keynote:

Rainer Hofmann
Architekt und Stadtplaner in München
Vorsitzender BDA Kreisverband München-Oberbayern

Hohe Häuser werfen lange Schatten

München wird dichter! Viele Menschen wollen hier wohnen und arbeiten, aber nachdem die Flächen knapp und teuer sind – geht es in die Höhe.

Aber ist der Wunsch nach München zu ziehen oder in München wohnen zu bleiben nicht auch an die Gestaltqualität geknüpft, die unsere Stadt in sich birgt? Und laufen wir nicht Gefahr eben diese Qualität zu verlieren, wenn wir in die Höhe bauen?

Hohe Häuser werfen lange Schatten und sind von weither sichtbar.
Hohe Häuser haben naturgemäß einen sehr großen Wirkungskreis und eine große Nachbarschaft! In die Höhe zu bauen hat zur Konsequenz, dass viele Münchner davon betroffen sind.

Aus stadtplanerischer Sicht spricht erst einmal nichts gegen hohe Häuser an sich, diese gibt es ja bereits in München – nichts Neues also!
Aber neben einer Handvoll sehr feiner Beispiele, finden wir eben auch eine größere Anzahl von hohen Gebäuden, die von so geringer Qualität sind oder so schlecht platziert wurden, dass man unbedingt Anstrengungen unternehmen sollte, neue hohe Häuser besser zu planen und besser zu verorten.

Ich möchte hier aber noch einen weiteren Aspekt in die Diskussion werfen, der mir in der ganzen Debatte um hohe Häuser sehr wichtig erscheint.

Hohe Häuser, die in einen niedrigeren Stadtkern integriert werden, schaffen quasi über Nacht privilegierte Lagen. Wer in einem Hochhaus wohnt, braucht sich über die Wirkung der Gestalt dieses Gebäudes wenig Gedanken zu machen, denn der Nutzer sieht es nicht! Er sieht aber alles um sich herum! Die gewachsene Stadt wird zur Kulisse derer, die über sie hinwegsehen können. Es entsteht gewissermaßen eine Projektion der Stadt auf die „Fensterleinwände“ dieser (wenigen) Bewohner der Hochhäuser. Dies muss man sich bewusst machen, wenn man sondiert, wen und was diese hohen Häuser beinhalten sollen.

Vielleicht sind richtig hohe Häuser im Kern einer Stadt wie München, die u.a. auch davon lebt, dass viele ihrer Quartiere noch wunderbar durchmischt sind, gar nicht das Richtige – nicht, weil das Stadtbild dies nicht verträgt, sondern weil diese Privilegien vielleicht gar nicht verhandelbar bzw. gewünscht sind…

Wenn man schlussendlich für diese hohen Häuser Inhalte und Nutzer findet, die der – auch sozial – durchmischten Stadt nicht entgegenstehen, dann lohnt es sich, die Fortschreibung der Hochhaus-Studie der Landeshauptstadt München aufzuschlagen – dort findet man eine sehr differenzierte Auseinandersetzung mit dem hohen Haus.
Hier wird der Stadt geraten, sich ausreichend Zeit zu nehmen, um abzuwägen. Man könnte daraus lesen, dass es wichtig ist, die Verantwortung für die Stadt und ihre Gestalt nicht abzugeben an die, die am lautesten schreien und das unabhängig davon, ob es die Rufe derer sind, die gegen jegliche Veränderung sind oder derer die sich versprechen, mit ein paar Geschossen mehr ein paar Millionen mehr zu verdienen.
Was dort nicht steht, mir aber mindestens genauso wichtig erscheint: man sollte vor Allem die Rufe derer ignorieren, die meinen, mit dem einen oder anderen hohen Haus Münchens Image aufpolieren zu müssen.

Denn vielleicht ist eine Stadt, die sorgfältig mit ihrem Erbe umgeht viel nachhaltiger als eine, die jeden letzten Schrei erhört!

Möglicherweise ist es aber vor allem weise, sich in diesen besonderen Zeiten Zeit zu nehmen. Zeit, für gute Entscheidungen und Zeit, für unsere Demokratie und ihre wunderbaren Prozesse!

Auszug aus dem aktuellen Entwurf zur Hochhausstudie München Stand: 21.01.2020, Verfasser: 03 Architekten GmbH im Auftrag des Referats für Stadtplanung und Bauordnung der Landeshauptstadt München, Seite 89:

…’Hochhäuser sind ein besonderer Bautyp, mit einer besonderen Bedeutung für das Münchner Stadtbild. Die Realisierung von Hochhäusern geht mit einer hohen Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit einher. Ein mehrstufiger, verpflichtender Planungsprozess ist durchzuführen, um den hohen Anspruch an die städtebauliche Setzung* und die architektonische Qualität von Hochhäusern sicherzustellen sowie die gesellschaftlichen Interessen zu berücksichtigen. ‚…

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Prof. Dr. (Univ. Florenz) Elisabeth Merk

Stadtbaurätin von München

Europäische Städte wie München verfügen über eine eigene Tradition mit Blick auf Hochhäuser.

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Das gilt für München, wenn wir an das BMW Hochhaus denken, an das Hypo Hochhaus oder an das städtische Hochhaus an der Blumenstraße, in dem sich von Beginn an die Münchner Stadtentwicklung befindet; in Mailand könnte man an den Torre Velasca erinnern. All diese Beispiel stehen klar für eine architektonische Botschaft und einen klar definierten Inhalt und damit für einen semantischen Zusammenhang. Dies erscheint mir sehr wichtig bei der Frage, was könnten Hochhäuser in Zukunft für München leisten. Wir wollen keinen Hochhauszoo mit undefiniertem Inhalt, sondern gut gestaltete Architekturen, die es verstehen, Bezug zu ihrer Umgebung aufzunehmen.

München ist eine gestaltete Stadt. Sie bezieht ihren besonderen Reiz und ihre Schönheit aus dem architektonischen Erbe und ihrer Stadtbaugeschichte, die sich in besonderer Dichte in der Altstadt niederschlägt. München besitzt aber keine einheitliche Gestalt. Das Bild der Stadt kann immer nur in Fragmenten wahrgenommen werden. Es gibt also viele Stadtbilder. Auch Hochhäuser gehören zu München als dynamische und offene Stadt.

Gerade der Ausgleich zwischen überlieferten Werten und neuen Impulsen hat München in der Vergangenheit ausgezeichnet. Es gelang München immer wieder, neue Stadtbilder in das München-Bild zu integrieren. Es geht also nicht um eine neue Linie im Umgang mit Hochhäusern, sondern die „Münchner Linie“ muss immer wieder neu ausbalanciert werden. Die Rahmenbedingungen für  Hochhäuser und Stadtentwicklung haben sich seit den letzten Studien von 1995 massiv verändert; daher war eine Fortschreibung notwendig.

In der aktuellen Wachstumsphase der Stadt ist es wichtig zu untersuchen, welche Chancen Hochhäuser beim Wandel der Stadt bieten können:

• als zusätzliches „Plus“ an Dichte bei geringerer Flächeninanspruchnahme am Boden,

• als wichtiges städtebauliches Gestaltungsmittel, das die Lesbarkeit der Stadt erhöht und an der richtigen Stelle durch seine Zeichenhaftigkeit den Stadtraum positiv beeinflussen kann,

• als „Impulsgeber“ in neuen Quartieren, mit dem zusätzliche Nutzungen implementiert werden und neue, visuell anregende Orte entstehen.

München sollte auf diese Optionen nicht verzichten. Für jedes einzelne Projekt sind aber die zu erwartenden Auswirkungen neuer Hochhausbauten sorgfältig abzuwägen.

Der Entwurf der neuen Hochhaus-Studie bildet dafür stärker als die bisherigen Studien einen Leitfaden. Die Methodik der Hochhausstudie basiert auf mehreren Bausteinen:

• Für die Umsetzung von Hochhausprojekten wird ein klar strukturierter Planungsprozess vorgeschlagen, der eine frühzeitige Prüfung der Standorteignung für Hochhäuser verankert.

• Als wesentliches neues Element wird der Planungsprozess mit Qualitätskriterien zur städtebaulichen Setzung, Architektur und Programmierung verknüpft, die die Erwartungshaltung an Hochhausvorhaben verdeutlichen.

• Für die erste Einschätzung von Hochhausprojekten wurde aus gesamtstädtischer und stadtgestalterischer Sichtweise ein „Zonenplan“ entwickelt. Er trifft Aussagen dazu, wo in der Stadt sich bauliche Überhöhungen in unterschiedlichen Höhenkategorien umsetzen ließen. Dazu definiert er verschiedene Höhenniveaus, die sich von der vorhandenen Traufhöhe ableiten bzw. von ihr lösen. 

Dass gesellschaftliche und gestalterische Anliegen bei Hochhäusern gleichermaßen Berücksichtigung finden müssen, betonen die Verfasser der Studie in den vorangestellten Grundpositionen: Hochhäuser zeichnen sich durch ihre besondere Sichtbarkeit und ihre privilegierte Position aus. Daher sind an diese Bauform auch besondere Anforderungen zu stellen, die sich auch in einem „Mehrwert“, den ein Hochhaus für die Stadt und ihre Bewohnerinnen und Bewohner bietet, niederschlagen muss.

Fazit

Die neue Hochhausstudie zeigt eine grundsätzliche Offenheit für Hochhäuser, verdeutlicht  aber auch, dass die Stadt klare Vorgaben für die Handhabung und Beurteilung von Projekten in der Hand haben muss. Hohe Hochhäuser (Stadtzeichen) werden in München weiterhin eine besondere Ausnahme an wenigen Stellen sein. Hochhäuser werden generell einer intensiven Prüfung im Einzelfall unterzogen, für die die Hochhausstudie den Rahmen setzt. Eine herausragender architektonischer Ansatz, ein Mehrwert für die Stadtgesellschaft und eine positive Ergänzung der Stadtsilhouette mit ihren historischen Bezügen bilden dafür die Prüfsteine.

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Prof. Lydia Haack

Architektin und Stadtplanerin in München sowie Professorin für Entwerfen und Konstruieren an der HTWG Konstanz

Hochhäuser jetzt?
Hohe Häuser sind eigentlich eine banale Typologie. Anstelle nutzbare Räume in einer Linie oder in der Fläche anzuordnen werden sie übereinandergestapelt.

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Dennoch sind es die hohen Gebäude, die in der Stadtgesellschaft für Diskussion sorgen, denn sie sind es, die die Silhouette letztendlich beherrschen und damit das Bild, das die Bürger von ihrer eigenen Stadt haben genauso wie das Bild, das sie nach außen vermitteln. Mit Höhenrekorden erheischen aufstrebende Metropolen internationale Aufmerksamkeit, die sie dann meist auch bekommen.

Stockholm kann’s doch auch
In den westlichen Gesellschaften passen schiere Höhenrekorde jedoch nicht mehr in die Wertvorstellungen einer nachhaltigen Stadtentwicklung. Der alle zwei Jahre von der Stadt Frankfurt ausgelobte Internationale Hochhaus-Preis honoriert deshalb nicht die höchsten Gebäude der Welt, sondern die architektonisch innovativsten Lösungen dieser Spezies. Vor wenigen Wochen haben Zwillingstürme mitten in der City von Stockholm die begehrte Trophäe erhalten (Norra Tornen von OMA, Reinier de Graaf).

Stockholm hat vieles gemeinsam mit München. Zum Beispiel die bisherige Skepsis gegenüber hohen Häusern. Es gibt nur wenige Metropolen, die sich bewusst diesem Dogma der Moderne widersetzt haben. In München hat der Bürgerentscheid gegen die Siemens-Hochhäuser in Sendling unter der Wortführung des ehemaligen Oberbürgermeisters Kronawitter die Landeshauptstadt in einen zehnjährigen Dornröschenschlaf zum Thema Hochhäuser versetzt, aus dem es angesichts der akuten Wohnungsnot und städtebaulichen Planungsstaus jetzt umso schmerzhafter erwacht.

Aufgeschreckt oder wachgeküsst?
Investorenprojekte wie jüngst die Vorschläge zur Entwicklung des Stadtquartiers um die Paketposthalle mit zwei 155 m hohen Türmen lassen die Stadtgesellschaft aus diesem Dornröschenschlaf aufschrecken. Es scheint als käme die aktuelle Hochhausstudie, die die Landeshauptstadt beauftragt hat, in allerletzter Minute, um unkontrolliertes Höhenwachstum zu verhindern. Wer von der neuen Hochhausstudie jedoch konkrete Handlungsanweisungen erwartet, wie grundstücksbezogen festgelegte Standorte mit exakt vorgegebener Höhe und Nutzung, wird enttäuscht bzw. erleichtert sein. Die Hochhausstudie ist im Wesentlichen das Einfordern von maximaler Qualität und nicht die Duldung von maximaler Quantität.

Eine Frage von Grund und Boden
Hochhäuser sind eben doch keine banale Typologie, denn sie betreffen nicht nur den Eigentümer, sondern die Nachbarschaft, ja die gesamte Stadt. Der Bauherr erntet den Mehrwert der freien Sicht und hohen Grundstücksnutzung, die Lasten wie Verschattung, erhöhter Verkehr, verbaute Sicht etc. tragen die Nachbarn. Wer sich das Sonderrecht erwirbt, über die Nachbarschaft hinwegzuschauen und von weitem gesehen zu werden, muss seinem Quartier, ja der ganzen Stadt eine Gegenleistung erbringen. Die Typologie der hohen Häuser darf nicht als Flächenmaximierung missbraucht werden. Wer sich das Gestaltungsrecht in der Stadtsilhouette nimmt, muss der Stadt auf der Erdgeschossebene qualitätsvolle Gestaltung zurückgeben. Dieses Gleichgewicht muss bei jedem einzelnen Projekt neu verhandelt werden. Es kann nicht sein, dass der Wert eines Grundstücks um ein Vielfaches steigt, weil an dem Standort plötzlich ein Hochhaus genehmigungsfähig wird, ohne dass der langjährige Eigentümer eine Gegenleistung für die Stadt erbringt. Das können öffentlich zugängliche Freiflächen sein, Nutzungen und Angebote, die das Quartier beleben – im Hochhaus selbst, im Erdgeschoss oder in Zusatzbauten.
Hochhäuser sind aufgrund erhöhter statischer und brandschutztechnischer Anforderungen aufwändiger als die entsprechende Nutzfläche in Flachbauten. Nicht umsonst sind diese Anforderungen in einem eigenen Regelwerk, der Hochhausrichtlinie festgeschrieben. Der erhöhte bauliche Aufwand bedeutet natürlich auch einen erhöhten Einsatz an Primärenergie und materiellen Ressourcen. Vor dem Hintergrund zunehmender Klimaerwärmung muss dieser Mehraufwand und negative CO2-Footprint bei jedem Projekt einzeln abgewogen werden.

Qualität für die Stadt statt nur Quantität für den Eigentümer
Hochhaus ja oder nein? Städtebau und Architektur können nicht allein an messbaren Größen festgemacht werden. Für Qualität gibt es keine Patentlösung. Eine konkrete Lösung wo und wie Hochhäuser in München gebaut werden sollen liefert auch die neue Hochhausstudie nicht. Aber sie stellt einen umfangreichen Kriterienkatalog zu möglichen Standorten, Nutzungen und Einbindungen in die Umgebung zur Verfügung. München gilt in der Hochhausfrage bisher als äußerst konservativ. Dennoch sind gerade in München charismatische Türme entstanden, die die Zukunftsfähigkeit der Landeshauptstadt visualisieren und bis heute Optimismus ausstrahlen. Diesen Zukunftsoptimismus sollten wir den folgen Generationen nicht vorenthalten und Hochhäuser nur dann bauen, wenn sie einen Gewinn nicht nur für den Eigentümer und Nutzer, sondern auch für das Quartier und die gesamte Stadt bedeuten.

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Prof. Sophie Wolfrum

Stadtplanerin und emeritierte Professorin der technischen Universität München

Das Gutachten von 03 Architekten zur Hochhausthematik in München – mittlerweile das dritte, das um diese Frage ringt – beschreibt die Stadt mit ihrer „niedrigen, ruhigen Silhouette, die durch eine einheitliche Traufhöhe geprägt ist“. In dieser Ruhe gibt es Besonderheiten.

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„Vertikale Akzente im überwiegend horizontalen Stadtkörper“ betonen Orte und erzeugen einen Rhythmus im Stadtköper. (Kurzfassung S. 2) Hohe Häuser bis 80 m bilden daher kein grundsätzliches Problem, sondern sind auch in München ein Mittel städtebaulicher Raumbildung. Nicht nur vertikale, sondern auch Sonderformen sonstiger Dimensionen, wie Projekte der Residenzstadt, haben immer wieder den Maßstab des Vorhandenen in München verlassen. Aber es ist notwendig, dass sie äußerst sorgfältig mit der Stadt verwoben sind. Die Residenz selbst z.B. ist auf allen Seiten mit Freiräumen umgeben, die eine eigenständige Qualität haben und die nötigen Anschlüsse an die Textur der Stadt schaffen. Die Kultur der Verräumlichung von Brüchen und Nahtstellen ist generell ein Qualitätsmerkmal Münchens: Isaraue und -Brücken, Maximilian- und Prinzregentenstraße, Theresienwiese, die großen Friedhöfe, Englischer Garten sind Beispiele für Zonen, die Quartiere trennen und zugleich verbinden. Fehlen diese Nahträume werden auch Hochhäuser zu Fremdköpern im Gewebe der Stadt, wie die „Highlight Towers“, die Doppeltürme von Helmut Jahn, die auch noch so unglücklich in der Blickachse der Ludwigstraße stehen.

Hochhäuser (ab 80 m Höhe, im Gutachten von 03 Architekten „Stadtzeichen“ genannt) sollten nur an ausgewählten Orten, dann aber eher im Norden und Osten der Stadt Cluster bilden. Auch Hochhäusern bekommt die Einbindung in eine Gruppe gut, denn nicht jedes wird zum architektonischen Meisterwerk und zeichnet sich mit der notwendigen Qualität als Stadtzeichen aus. Soweit teile ich die Einschätzung der Gutachter.
Das westliche Hochhauscluster an der Hansastraße, kleiner und kompakt, fällt da heraus. Es ist keine Begründung erkennbar, warum es über die Bahn nach Norden ausgedehnt werden sollte. Das Feld der Bahngleise zerschneidet hier die Stadt, die wenigen Brücken machen das nicht wett. Es ist ein Distanzraum und keine Naht. Auch bilden die verschiedenen Felder der neuen Bahnquartiere ein wahlloses Auf-und-Ab hoher Häuser. Da könnte etwas mehr Rhythmus, städtische Dichte und urbane Vielfalt nicht schaden. Aber was an diesem Ort eine solche herausragende Sonderform begründet, die ja nicht einfach eine Fortsetzung des Clusters um den ADAC und die Fraunhofer-Gesellschaft an der Hansastraße wäre, sondern ein singuläres Zeichen im Westen der Stadt, bleibt eine Frage.

Ist die Debatte um das Hochhausprojekt an der Paketposthalle also nur aus der Genese des besonderen Projektes begründet, so dass sich die Investition in die kulturelle Nutzung der Paketposthalle rechnet? Wenn das so wäre, und die Vermutung liegt durchaus nahe, so war es ein kluger Schachzug des Investors mit einer Entwurfsidee von Herzog und de Meuron aufzuschlagen. Diese Architekten haben bisher in München sehr gute Projekte hinterlassen, ihr Renommee ist verdientermaßen hoch. Der Schachzug „Big Name“ wirkt. Aber sind deren Roche-Hochhäuser in Basel der Nachahmung wert? Ich meine nicht, sie gehören nicht zu ihren Meisterwerken. Wie kann sich die Stadt München auf so ein vages Rendering im Himmel verblassender Türme einlassen? Hochhäuser ohne ein qualifiziertes Wettbewerbsverfahren sind indiskutabel.

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Prof. Dr. Matthias Castorph

Architekt und Stadtplaner in München sowie Professor für Stadtbaukunst und Entwerfen an der TU Kaiserslautern

Wie viel Hochhaus verträgt das Münchner Stadtbild? Und wo und wie könnten und sollten Hochhäuser in welcher Form integriert werden? Dazu ist doch schon (fast) alles gesagt.

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Seit knapp einem Jahr gibt es die neueste, fundierte, durchdachte und sehr umfassende Hochhausstudie von 03 Architekten, die fast keinen Aspekt der Münchner Hochhausdebatte im Rück- und Vorausblick auslässt und als Fachgutachten Hintergrund für die notwendig folgenden Untersuchungen und Diskussions- und Planungsschritte der kommenden Hochhausprojekte bilden soll.

Aber sie scheint kaum Wirkung in der allgemeinen Diskussion zu entfalten. Liegt es daran, dass es für eine Teilnahme an der Diskussion als unerheblich erscheint, ob und wie man informiert ist oder sich vielleicht nur wenige sich die Mühe machen, entsprechend tief einzusteigen, sich in die 100 Seiten zu vertiefen und versuchen sie nachzuvollziehen? Oder liegt es an etwas anderem – dass man sich (auch als Fachmann) letztlich nicht vorstellen kann, was es wohl konkret bedeutet, was da abstrakt und im Allgemeinen in der Studie untersucht wird? Denn mit abstrakten zweidimensionalen Karten, Sichtachsenbezügen, Piktogrammen und erläuternden Texten lässt sich nicht das darstellen, um was es in einer Diskussion zur Stadtgestalt eigentlich gehen würde: die räumliche Wirkung der Hochhäuser im realen Kontext. Und auch die von Entwicklern und Denkmalschützern im Diskurs vorgelegten Perspektiven und Fotomontagen helfen am Ende für die fundierte Beurteilung nur wenig, da sich Stadt immer in permanenter Bewegung, von unterschiedlichsten Standpunkten und Betrachtungshöhen erschließt und nicht (oder nur ausnahmsweise) von festgelegten Standorten. Das war der Grund, warum schon die alten Stadtbaukünstler, auf die und deren positiven Impulse für unser heutiges Stadtbild in der Studie immer wieder ausdrücklich hingewiesen wird, Perspektiven und Plangrafiken grundsätzlich sehr reserviert gegenüberstanden. Und dies wäre ein Grund, warum man auch heute skeptisch sein sollte, wenn immer nur mit Hilfe einzelner Bilder oder abstrakter Lagepläne über Herausragendes ästhetisch entschieden werden soll.

Aber wie könnten wir denn konkret entscheiden, ob ein bestimmter planerischer Eingriff tatsächlich bzw. höchstwahrscheinlich eine Bereicherung des Stadtbildes und nicht nur der Beteiligten ist? Hier lohnt der Blick auf Seite 99, den Schluss der Studie: „Neben einem realen Modell wird die Einführung eines digitalen, über das Internet frei zugänglichen 3D-Stadtmodells empfohlen. Zur Vermittlung der Hochhausthematik und als Planungswerkzeug könnte es einen Betrachtungsmodus für bestehende und geplante Hochhäuser in München geben. Durch ein frei zugängliches Modell kann das Bewusstsein über die bestehenden, in der Stadt gegenwärtigen Hochhäuser gefördert, die Rahmenbedingungen für Hochhäuser transparent dargestellt und schlussendlich die planerischen Bewertungsgrundlagen aus dieser Hochhausstudie in interaktiver Art integriert werden.“

Höchste Zeit, dass wir und alle interessierten BürgerInnen zumindest als ersten Schritt diese 3D-Modelle im Internet sehen würden. Denn wie sollen wir inhaltlich debattieren und am Ende mitentscheiden, wenn wir nicht einmal ansatzweise räumlich wahrnehmen können, was uns erwartet. Und der zweite, konsequente Schritt wäre dann die Etablierung eines offenen Ortes in der Stadt für die notwendigen Debatten – ein Architekturzentrum für die BürgerInnen als Informations- und Diskussionsforum für München. Denn dann könnten aus Kenntnis, Erkenntnisse und daraus folgend die ästhetischen Entscheidungen kommen, die eine Stadtgesellschaft gestaltend treffen soll – für oder gegen Hochhäuser an konkreten Orten in München. Und parallel ist die Diskussion nicht nur um ästhetische Aspekte des Stadtbildes zu führen, sondern dabei die Auswirkungen auf die Stadtgesellschaft zu verhandeln: Wer soll und darf die Stadt prägen, welche Inhalte sind für städtebauliche Dominanten gerechtfertigt und warum sollte man es tun oder auch lassen, vor der überschattenden Frage: wem nutzt es?

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Prof. Dr. Ing. Thomas Jocher

Architekt und Stadtplaner, München

Chicago

Drei der wichtigsten Wohnhochhäuser stehen in Chicago. Das „Marina City“ von Architekt Goldberg, 1960 gebaut, das legendäre „Lake Shore Drive Apartments“ von Architekt Mies van der Rohe aus dem Jahr 1950 und der „Lake Point Tower“, 1968 fertiggestellt.

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Alle drei Hochhäuser, inzwischen in die Jahre gekommen, zeigen immer noch beispielhaft die Vor- und Nachteile von Wohnhochhäusern. In Marina City wurden sehr große Balkone geplant. Zur damaligen Entstehungszeit standen nämlich die beiden 180 Meter hohen Zylinder noch ziemlich frei und die Aussicht, auch im Norden, war grandios. Nahezu ein Viertel der Höhe der Maiskolben, deutlich sichtbar, in Augsburg steht übrigens ein kleiner Pendant davon, war der notwendige Parkraum für die amerikanischen Straßenkreuzer. Wegen des naheliegenden Lake Michigan war an eine Unterkellerung hier nicht zu denken. Nur eine knappe Meile entfernt davon stehen die beiden Architekturlegenden von Mies van der Rohe. Auch hier gibt es von beiden nur 80 m hohen Türmen aus eine grandiose Sicht zum nahe gelegenen Lake Michigan. Leider liegt der Lake Michigan Drive dazwischen, eine achtspurige, sehr stark befahrene Schnellstraße. Wer sich hier eines der extrem teuren „Apartments“ in luftiger Höhe und vielleicht dann auch noch einen der raren, noch teureren Stellplätze für die „Vette“ leisten kann, hat in Amerika gewonnen. Kein Wort zur sozialen Frage, zum gemeinschaftlichen Umfeld, kein Wort zur Aufenthaltsqualität um das Hochhaus herum. Stattdessen: Security – verlassen sie sofort die Fläche! Wer schon möchte hier seinen Kaffee trinken? Eines der Gegenargumente neben der flammenden Begeisterung für Hochhäuser kommt von den Personen, die nicht die Chance haben, in einer „gated community“ mit Concierge vermeintlich sicher im Hochhaus zu wohnen. Schwer zu gestalten ist der große, notwendige Raum auf ebener Fläche vor dem Hochhaus, um diese noch ausreichend mit natürlichem Tageslicht zu belichten. Es gibt wenige Situationen, die frei von den ungeliebten Schatten sind und in Bodennähe einen angenehmen Aufenthalt bieten. Wer schon einmal im Winter in Chicago war, kennt die eisige Situation. In Sichtweite der Lake Shore Apartments, nur ein kräftiger Steinwurf entfernt, liegt jenseits der Straße direkt am See auf einer kleinen Landzunge der Lake Point Tower. Zwanzig Jahre später, von Mies` Schüler geplant, war der Tower fast dreimal so hoch und zu seiner Zeit, Ende der 60er Jahre, als 18 – Spänner (!) auch das höchste Wohnhochhaus der Welt. Ab dieser Zeit sprang das Wohnhochhausfieber dann nach Asien über. Dort wurden in Folge mehr als 100 mal so viele Hochhäuser errichtet, sie wuchsen zudem deutlich in die Höhe. Und das Fieber kehrt zurück, nach Amerika und auch nach Europa. Wohnhochhäuser müssen übrigens nicht zwingend punktförmige Stengel sein. Sie sind oft auch schlafende Riesen, unscheinbare scheibenförmige, liegende Gebäude wie im Münchener Olympiadorf oder dem Wohnring Neuperlachs. Eine Anekdote eines jungen Architekturstudenten zum Schluss. Vor vielen Jahren kam nach kurzer Zeit ein begabter Stipendiat von seinem Auslandsaufenthalt aus Japan enttäuscht zurück. Warum? Er sollte im Hochhaus wohnen, im Norden auf einer minimalen Fläche von 6 qm, im 1. OG über der Tiefgarageneinfahrt!

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Mareike Schmidt

MSc Architektur und Stadtplanung, München

Es geht um Einiges in der Debatte um die Hochhäuser am Postpaketareal. Die Verbindlichkeit des Bürgerentscheides, durch welchen die Höchstgrenze für Hochhäuser in der Innenstadt auf die Höhe der Frauenkirche festgelegt wurde, wird in Frage gestellt.

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Der Vorwurf der eigenen Gewinnmaximierung der Investoren durch Erhöhung der baulichen Dichte steht im Raum. Es geht um den Kampf gegen die Gleichförmigkeit von neuen Stadtquartieren und darum, ob in München durch den Neubau von zwei 155 m hohen Hochhäusern ein Stück Weltstadt geschaffen werden könnte. Die Stadt steht vor großen Herausforderungen: Bis spätestens 2050 will sie klimaneutral sein. Der herrschende Mangel an bezahlbarem Wohnraum wird verschärft, wenn voraussichtlich 168.500 Einwohner bis 2037 dazukommen. Es liegt nahe, die selten werdenden innerstädtischen Projekte in der fast vollständig bebauten Stadt möglichst dicht zu planen, um dem Druck auf dem Wohnungsmarkt etwas entgegenzusetzen, und dabei den Denkmalschutz in Frage zu stellen. Die Sorgen, ob München durch schnell hochgezogene Neubauten, an Charakter einbüßt und ob ein Stück Weltstadt hier fehlt, erscheinen dagegen unwichtig. Doch würde München sich auf dem Weg zur Klimaneutralität gegen die uniformen Neubauten entscheiden, gegen das Hochhausverbot in der Innenstadt – sprich für hohes, innerstädtisches Nachverdichten mit individuell geplanten Hochhäusern. Würde München so vielleicht ganz nebenbei vom Riesendorf zur Weltstadt?

Die Geburtsstunde des Hochhauses wird der Chicagoer Schule vor etwa 150 Jahren zugeordnet. Die Zeit, als die „Weltstadt“ erstmals mit dem Hochhaus assoziiert wurde, fällt in dieselbe, in welcher der Kapitalismus in schönster Blüte stand – mit ihm der Glaube an das grenzenlose Wachstum der Wirtschaft und des Wohlstandes — das was gemeinhin als gesellschaftlicher Fortschritt verstanden wird. Die damit einhergehende Ausbeutung der vorhandenen Ressourcen unseres Planeten, die rücksichtslose Umweltverschmutzung — kurz — die Klimakrise ist bekannt. Deren Auswirkungen beschäftigen uns ebenso wie die der Covid-19 Pandemie. (Dass die Ausbreitung von Virusinfektionen im direkten Zusammenhang mit der Zerstörung vom natürlichen Lebensraum der Tierwelt steht, ist mehrfach wissenschaftlich belegt.) In dieser Zeit wurzelt ebenfalls der Begriff des Anthropozäns. Ein Vorschlag, wie wir das heutige Zeitalter benennen könnten, in dem der Mensch den größten, meist zerstörerischen, Einflussfaktor auf die Erde und ihr Klima ausmacht. Man erkannte damals schon die sich anbahnende Katastrophe, in der wir uns nun befinden. Das Hochhaus bietet damals wie heute eine Lösung, um der Flächenknappheit in schnell wachsenden Städte zu begegnen, und symbolisiert seither die prächtige Weltstadt. Das Hochhaus ist aber noch mehr als das – das Sinnbild für technische Innovation.

Wenn wir Probleme unserer Umwelt erkennen, neue Lösungen finden und sie umsetzen, sprechen wir von Innovation. Der Denkmalschutz, die Bürgerbeteiligung und die steigenden Immobilienpreise sind wichtige Themen. Doch die Klimakrise sticht alles. Damit München bis 2050 klimaneutral wird, müssen wir auch im Bauwesen anders handeln, und zwar jetzt. Gut ist: Wir wissen bereits, wie das geht. Wir können die graue Energie eines Gebäudes ermitteln und Maßnahmen ergreifen, um sämtliche Baumaßnahmen zu kompensieren. Wir kennen das Konzept der Kreislaufwirtschaft und das Cradle-to-Cradle-Prinzip. In Gebäuden kann Energie produziert, CO2 gebunden, Wasser und Luft gereinigt und die Artenvielfalt geschützt werden, um nur wenige Aspekte zu nennen. Wohn- und Arbeitsformen, in denen durch gemeinschaftliches Teilen der Ressourcenbedarf gesenkt wird, müssen sowohl politisch gefördert als auch von Architekten aktiv verhandelt werden. Münchens Vision heute muss sein, dass jedes neugebaute Gebäude in diesem Sinne klimapositiv ist. Je mehr desto besser. Es geht um einiges in dieser Debatte – um die Zukunft des Bauens.

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Klaus Friedrich

Architekt BDA und Stadtplaner, München

Des Kaisers Neue…

Was Friedrich Kurrent 1996 anlässlich seiner Abtrittsvorlesung unter der Rubrik „Neue Stadtteile – der Mittlere Ring“ mit den Worten umschrieb: „Ich muss gestehen, mich langweilt diese derzeit zum wiederholten Male aufgeflammte Hochhausdebatte.

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Eine ähnliche Entwicklung gab es schon zum Anfang der 60er Jahre: die sogenannten Dominanten an den Ausfallstraßen. Erinnern Sie sich an das Hertie Hochhaus in Schwabing.“, war eine Polemik. Sie traf nichtsdestotrotz einen Nerv. 

Die im Februar 2020 dem Stadtrat vorgestellte Hochhausstudie kollidiert zeitlich unglücklich mit dem Ausbruch der Pandemie. Die in Folge des Lockdowns verursachte ökonomische Vollbremsung, die öffentlichen Klimaschutzdebatten und nicht zuletzt der Wirecard Skandal sind Belege eines sich seit längerem abzeichnenden gesellschaftlichen Wandels, der auch seine Auswirkungen auf die Formen des Wohnens und Arbeitens haben wird. Wie dicht, wie räumlich kompakt wird es weitergehen, wenn sich das aus der Not geborene Home-Office als neuer Standard neben dem Büro etabliert haben wird?

Hochhaus ist nicht gleich Hochhaus. Diese Unterscheidung trifft die Hochhausstudie, indem sie unter anderem Höhenkategorien einführt. Die beiden an der Paketposthalle in Diskussion stehenden Türme von 155m Höhe — der Kategorie Stadtzeichen — haben jedoch eine Dimension, die das umgebende Quartier wie kleinteiliges Beiwerk aussehen lässt. Ein Umstand, der sich am Holzmodell von Herzog & de Meuron eindrucksvoll studieren lässt. Und sie besitzen aufgrund ihrer Größe das Potenzial, „die totale Kommerzialisierung der Stadt zu entfachen“, wie Matthias Sauerbruch anlässlich der Projektvorstellung im Gestaltungsbeirat bemerkte. Zudem ist ungeklärt, ob Sichtachsen betroffen sind. Hier sollten wir aus Fehlern lernen: der O2-Tower stört den Blick auf das Olympiadach, die Hochhäuser an der Nürnberger Autobahn stören den Blick von der Ludwigstraße. In beiden Fällen haben die Hochhäuser, unabhängig von ihrer Qualität an sich, bedeutende Münchner Architekturensembles beeinträchtigt. Haben wir seitdem neue Instrumente entwickelt, die besser wichtige Sichtachsen berücksichtigen?

Bereits im Jahr der Münchner Olympiade 1972 veröffentlichte der Club of Rome seine „Limits of Growth“ — eine Studie zu den Grenzen des ökonomischen Wachstums. Wir täten gut daran, nach Jahrzehnten des Wegsehens den Blick darauf zu lenken, wie ein gemäßigteres, langsameres und umweltverträglicheres Wachstum aussehen muss. Es böte zudem Gelegenheit, andere drängende Fragen nach sozialer und ethnischer Durchmischung, Stabilisierung der Bodenpreise und Erhaltung von Quartiersmilieus mitzudenken.

Die langzeitlichen Auswirkungen der Pandemie auf das Arbeitsleben und die Mobilität, die Veränderungen einer beschleunigten Digitalisierung und deren Einflüsse auf unsere bisherigen Modelle räumlicher Dichte sind noch nicht konkret.  Ist der Typus des Hochhauses das Instrument, das den zeitgenössischen Erfordernissen des Arbeitens, Wohnens, Lebens am besten entspricht? Wenn die Antwort darauf nicht ein eindeutiges: JA ist, worin besteht die Notwendigkeit, Stadtzeichen in der Kategorie Wolkenkratzer zu entwickeln?  Ist München erst München, wenn es aussieht wie Frankfurt am Main?

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Anna Hanusch

Architektin und Stadträtin Fraktion Bündnis90/DieGrünen/RosaListe, München

Für Kreativität ohne Obergrenze

Architektur prägt unser Umfeld und uns selbst und hat neben allen funktionalen, ökologischen und ökonomischen Aspekten auch immer eine sehr emotionale Seite. Sie kann langweilen, abschrecken oder begeistern.

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Und bei den Hohen Häusern schlagen die Emotionen immer besonders stark aus.

Die in München mit einem Bürgerentscheid 2004 beschlossene pauschale Begrenzung auf max. 100 m für die gesamte Stadtfläche greift grundsätzlich in die Expertise der Stadtplanung und der Architektur ein, nach der sich die Gestalt eines Baus immer aus dem Ort und der Nutzung entwickelt. Ich konnte diese Begrenzungshaltung nie unterstützen und hoffe sehr, dass wir diese lähmende gläserne Decke über der Stadt in einem gemeinsamen Prozess der Politik mit der Stadtgesellschaft endlich durchbrechen.
Eine Stadt ist ein dreidimensionaler Raum. Er wird lebendig durch die Spannungen, die entstehen im Kleinen zwischen Materialen, Farben, Formen. Im Spiel zwischen Dichte und Offenheit, von klaren Strukturen und bunten chaotischen Orten. Und wenn man den Blick weitet, sucht man zur Orientierung die individuellen, markanten Stadtzeichen. Traditionell die Kirchtürme, aber auch manch funktionaler Turm wie ein Schornstein des Heizkraftwerks wird verteidigt und vermisst, da er sich im Bild verankert hat. Frühe Hochhäuser von BMW oder der Hypovereinsbank haben sich zu Wahrzeichen Münchens entwickelt.
Der einzigartige Olympiapark lebt von der Komposition aus der Landschaft mit den Hallendächern. Aber erst im Zusammenspiel mit dem Olympiaturm wird diese Komposition wirklich komplett und sorgt für eine von weitem erkennbare Verankerung im Stadtbild.
Aus der Höhe und Sichtbarkeit ergibt sich ein hoher Anspruch an die Gestaltung und die Wirkung der Häuser, den neuere Beispiele nicht ausreichend erfüllt haben. Trotzdem sollten wir uns von diesem Bautypus nicht komplett verabschieden. Der bessere Weg ist es, mit der Hochhausstudie die Qualitäten und Anforderungen klar zu formulieren und zu sichern.
Wer über den Tellerrand hinausschaut, sieht spannende Hochhaus-Projekte die moderne Wahrzeichen schaffen und dabei die drängenden Themen der Zeit aufgreifen und neu interpretieren. Mit vertikalen Wäldern oder energetisch autarken Türmen. Mit amorphen Wohnhochhäusern und einer Nutzungsmischung, die ein komplettes vertikales Quartier abbildet.
Die Erstellung von Hochhäuser ist mit einem hohem Aufwand an Ressourcen verbunden und per se als Gebäudetypus nicht besonders ökologisch. Aber in der Gesamtbetrachtung von Versieglung, Flächenverbrauch und Mobilität können sie trotzdem ein schlüssiger Beitrag zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung sein. Die passenden Orte sind daher die Knotenpunkte im Verkehrsnetz, und sie sollten auch für besondere Orte oder Nutzungen stehen.

Das „Millionendorf“ ist ja die Summe ganz vieler Dörfer. Es gibt in München viele über Jahrzehnte gewachsene und durch Bauten von hoher Qualität geprägte Viertel mit klarem Wiedererkennungswert. Aber dazwischen sind Räume, die auf neue Interpretationen und auf die ganz spezielle Architektur warten, die auch mal hoch hinaus ragen und deutlich sichtbar sein darf.
Die Paketposthalle ist so ein Ort und mich überzeugt die Idee der Wiedererweckung eines Denkmals als Kulturraum, gepaart mit dem Mut zu Urbanität, Vielfalt und Dichte im Quartier direkt an großen Verkehrsadern ein weit ausstrahlendes Zeichen zu setzen. Aber dieser Ort ist nicht der einzige.
Die Veränderungen der Stadtsilhouette sind zu überprüfen, sollten aber die Entwicklung innerhalb einer so großen Stadt nicht verhindern. München ist kein Museum oder gar fertig gebaut, sondern eine Stadt im Prozess. Es wäre sehr schade, wenn München nur auf das Bewahren und Ergänzen des Bewährten setzt, oder meint, dem Denken in die Höhe eine Obergrenze mitgeben zu müssen. Ich wünsche mir eine Stadt die Offenheit und Neugier zeigt für die spannenden Ideen, die in der Zukunft noch in den Köpfen der kreativen Planer*innen in der Welt entstehen können.

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