6. Juni 2016

Leuchtturmprojekt Konzertsaal – jetzt nicht kleckern, sondern klotzen?

St. Petersburg, Los Angeles, Hamburg, Paris, um nicht den internationalen Anschluss zu verpassen, muss die Musikstadt München jetzt einen Konzertsaal bauen.
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks beim Fototermin, © Bayerischer Rundfunk
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks beim Fototermin, © Bayerischer Rundfunk

Seit Jahren wird in München ergebnislos über einen neuen Konzertsaal für die zwei Spitzenorchester der Landeshauptstadt diskutiert. Etliche Modelle, Varianten und Standorte waren bereits im Gespräch.

Die einen meinen, dass der neue Konzertsaal eine absolute Bereicherung für München darstellen würde, oder wie es auch der Konzertsaal München e.V. umreisst: er zieht große Künstler nach München, ist ein Gewinn für das Publikum, führt Kinder und Jugendliche aus allen Schichten an klassische Musik heran, findet breite Unterstützung in der Bevölkerung, ist eine Attraktion für München, ist ein wichtiger Standortfaktor, bietet den Musikern professionelle Arbeitsbedingungen und garantiert den Orchestern Entwicklungschancen.

Die anderen befürchten, dass unter Ausschluss städtebaulicher, ökologischer, denkmalschützerischer und funktioneller Anforderungen so kostenbewusst und schnell wie möglich gebaut wird, München einen „Konzertsaal zweiter Klasse“ bekommt. Die anderen wiederum fordern, dass für die Realisierung nicht nur architektonische Gesichtspunkte maßgebend sind, sondern für die Gestaltung des Konzertsaals im Inneren eine hervorragende Raumakustik für Orchester und Zuhörer zur Bedingung gemacht werden muss. Dabei sprechen Statistiken schon vom einem Aussterben der Konzertbesucher. Konzerträume müssen als  Möglichkeitsräume angelegt werden formulieren Konzertveranstalter.

Dr. Jan Esche
Chefredakteur BDAtalk

6 Gedanken zu „Leuchtturmprojekt Konzertsaal – jetzt nicht kleckern, sondern klotzen?“

  1. Wenn schon der Finanzgarten angeblich nicht möglich war, so stände es München sehr gut an, nach jahrzehntelangem städtebaulichem Stillstand (z.B. Arnulfpark), München wieder in die erste Reihe von Stadtgestaltung zu bringen. Nach dem Olympiagelände und dem Hypo-Hochhaus ist München leider verödet. Bitte habt Mut!!!

  2. Richtig, aber wem ist denn eigentlich Mut zu wünschen? „Wer zahlt, schafft an“, heißt es so schön. Der Bayerische Rundfunk und seine Ensembles steuern wohl eher wenig bei; man sitzt möglicherweise am Ende, trotz prominenter Fürsprecher, am Katzentisch. Inwieweit sich der Intendant des BR im Vorfeld der Debatte politische Freunde gemacht hat, wäre zudem zu hinterfragen. Um die Stadt München geht es hier vorrangig auch nicht, sie hat bekanntermaßen andere Kultur-Baustellen zu betreuen und zu finanzieren. Es bleibt dann der Freistaat als Generalunternehmer. Im Sinne „gleichwertiger Lebensbedingungen“ in ganz Bayern hat er die Befindlichkeiten der Wähler in den Regionen und den Konsens im Auge zu behalten. In allen Bezirken gibt es auf diesem Gebiet offene Baustellen (Augsburg, Coburg…) oder nur geringfügige Etats (Niederbayern). Je mehr der neue Konzertsaal in München als weiterer Leuchtturm der Landeshauptstadt, protegiert von namhaften Münchner Künstlern, in Szene gesetzt wird, desto fundamentaler werden die Einlassungen aus den Regionen kommen. Prominente Kulturprojekte eignen sich in besonderer Weise dazu, durch Anti-Stimmungsmache billig Wählerstimmen zu gewinnen. Das brandaktuelle Umfragetief der etablierten Parteien könnte die Einzel- Entscheider in der Konfrontation mit den neuen Populisten möglicherweise in Zugzwang bringen. Der Landtags-Wahlkampf beginnt spätestens nach der Bundestagswahl 2017, bis dahin sind allerhöchstens die Ergebnisse des Architektenwettbewerbs für den neuen Konzertsaal zu diskutieren. Es ist höchste Eisenbahn, die Außendarstellung für das unbedingt zu errichtende „Konzerthaus Bayern“ zu überdenken und vielleicht auch einmal realistische Angaben über die Fertigstelllung eines derartigen Projekts zu kolportieren.

  3. Es soll ja doch nicht anonym diskutiert, sondern der Konzertsaal vorangebracht werden. Deswegen bitte nicht nur Statements zum Selbstverständnis von Städten oder Institutionen, sondern konkrete (und realistische) Maßnahmen zur Umsetzung. Mir ist die Beteiligung an der Debatte in diesem hochrangigen Forum zu wenig. Obiger Beitrag ist also von mir. Thomas E. Bauer, Konzerthaus Bayerischer Wald

  4. Nach vielen (- viel zu vielen -) Jahren Diskussion ist es endlich so weit; die Lösung muss dann aber auch die wirklich ideale sein!
    Freu‘ mich jedenfalls schon auf die Eröffnung – vielleicht mit ein bisschen „Tannhäuser“: FREUDIG BEGRÜSSEN WIR DIE EDLE HALLE!
    Mariss Jansons hat bei 70 Jahre BR-Chor schon gezeigt, wie gut das passen würde.
    Herzliche Grüße aus Wien nach München,
    Sonja Schreiner

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test 11

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Christian Gerhaher

Sänger, München

München bekommt einen weiteren Konzertsaal – da könnte man sich doch freuen. Nach dem ganzen Bürger-bewegten Aufwand blieb die Euphorie jedoch unerwartet klein.

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Vielleicht, weil der zukünftige Standort dem interessierten Publikum fremd ist, sicherlich aber auch wegen der undurchsichtigen Art und Weise, wie das Urteil des beauftragten Städtebaubüros zustande kam und wie es durch das zuständige Staatsministerium kommuniziert wurde, nämlich eigentlich gar nicht. Um nun aber doch noch zu einem erfolgreichen Ergebnis zu kommen, sollte man jetzt die etwas intransparente Art der Entscheidungsfindung aufgeben.

Ein erster Schritt ist da schon die Einberufung eines heterogenen Fachbeirates, um möglichst viele professionelle Ansichten zu bündeln. Andererseits aber ist ein zielgerichtetes Engagement des Landes nicht nur hinsichtlich der Planung des Saales, sondern speziell auch die zukünftige Konzerthausleitung betreffend einzufordern – und das spätestens jetzt: Nicht umsonst werden Projekte wie die Elbphilharmonie oder das New Yorker Culture Shed schon vor dem ersten Spatenstich von Gründungsintendanten betreut. Die spezielle Münchner Situation ließ diesen Aspekt bisher gar nicht recht aktuell werden, ist man doch schon an die Intendanzlosigkeit der hiesigen Säle gewohnt: Die Philharmonie im Gasteig wird von einer GmbH verwaltet und der Herkulessaal wird von der Schösserverwaltung schlicht vermietet. Es mangelt beiden Institutionen qua definitione dadurch am künstlerischen Gesamtkonzept.

Was nun in München aber neben einem erstklassigen Saal Not tut, ist nicht nur der Bau, sondern die Funktion eines Konzerthauses, wie sie eigentlich der Normalfall ist: In Wien, Amsterdam, Paris, Berlin, Dortmund, Köln, New York, Essen, London etc. gibt es das, und zwar unter der Leitung künstlerisch planender Stäbe. So etwas kennt man hier nur von Theatern – wenn man da aber den Intendanten und das dazugehörige künstlerische Personal abschaffen würde, ginge es sehr schnell nur noch um Kommerz, dann gäbe es immer weniger „schwierige“ Stücke zu sehen, keine Programmierung der klassischen oder zeitgenössischen Moderne, keine risikofreudige Regie mehr. Dann fände jede einzelne Aufführung unter den Argus-Augen der dann unvermeidlichen Sponsoren-Übermacht statt, die darstellenden Künste würden ihrer Freiheit beraubt. Dass es so etwas gibt, sieht man beispielsweise in Italien: Die Berlusconisierung ist in einen desaströsen kulturellen Kahlschlag ausgeartet (das kann niemand wollen). Man kann das in anderer Weise aber auch in Großbritannien und in den USA leider gut beobachten. Das heißt nicht, dass es dort keine hohe Aufführungsqualität gibt, ganz im Gegenteil, aber die Avantgarde kann sich dort keine „Reinfälle“ leisten, alles muss zusätzlich zu unbestreitbarer handwerklicher Exzellenz vor allem – gefallen.

Bei uns bedienen dieses Segment vergleichbar die freien Veranstalter. Die muss es natürlich geben, aber sie dürfen sich in einem System, in welchem die öffentliche Investition (nicht Subvention!) in die Künste noch eine derartig ausgeprägte und fruchtbringende Basis hat, nicht so ungehindert im öffentlichen Raum ausbreiten können, dass die dramaturgisch tiefgreifende und langfristig wirksame Arbeit öffentlicher Veranstalter quasi aus dem unvermuteten Hinterhalt gemeuchelt wird.

Man könnte auch sagen: Das entscheidend zu Vermeidende ist „Edutainment“: education in die Schulen, wo sie hingehört, und entertainment auch an seinen Platz, aber die „ernsten“ Künste müssen sich weiterhin frei entfalten können, ohne den Zwang der Anbiederung – die Künste können, nebenbei gesagt, natürlich überleben (wenn ein Kulturmanager Gegenteiliges sagt, so hat er seine Aufgabe verfehlt), aber sie können es nur, wenn sie nicht einem vermeintlichen Geschmack hinterher rennen, sondern ihre Inhalte frei entwickeln. Diese Freiheit aber kann nur eine Intendanz gewähren – für eine so bedeutende Musikstadt wie München ist diese überfällig. Man mag dies Dirigismus nennen – und ja, so ist es – aber ein Dirigismus, der Freiheit gewährleistet, eine Freiheit, von der im übrigen nicht nur wir, sondern sicherlich auch die oben genannten, zum größten Teil auf Sponsoring der Künste verweisenden Volkswirtschaften zehren.

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Christian Krügel

Ressortleiter Süddeutsche Zeitung, München

15 Jahre lang hat es gedauert, bis mit dem Werksviertel am Ostbahnhof endlich ein geeigneter, stadtplanerisch extrem spannender Standort für einen neuen Konzertsaal gefunden wurde. Doch so langwierig die Debatte auch war: Sie hat dennoch nicht beantwortet, was diese neue Philharmonie sein soll.

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Ein akustisch und technisch perfekter Konzertsaal –  das versteht sich von selbst. Eine Heimstatt für die Orchester des Bayerischen Rundfunks – die ist längst überfällig. Aber ist das alles? Das wird nicht reichen, die Bürger von dem Projekt dauerhaft zu überzeugen. Entstehen muss ein Musikhaus für alle, ein musikalischer Treffpunkt mit sozialen, pädagogischen, integrativen Angeboten für Bürger jeder Herkunft und Schicht. Ein Raum, in dem man gemeinsam Musik erleben und Spaß haben kann. Das muss auch die Anforderung an die Architektur für dieses Haus sein und ist wichtiger, als ein architektonisch-wertvolles, aber vielleicht seelenloses Leuchtturmprojekt zu schaffen.

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Dr. Ludwig Spaenle

Bayerischer Staatsminister für Bildung und Kunst, Wissenschaft und Kunst, München

„Klangqualität als Maßstab für Bayerns Leuchtturmprojekt Konzertsaal“ – Ganz neue musikalische Perspektiven will die Bayerische Staatsregierung mit dem geplanten zusätzlichen Konzertsaal eröffnen.

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München ist eine Musik-, Kunst- und Kulturstadt mit großer internationaler Ausstrahlung. Drei der renommiertesten Klangkörper Deutschlands sind hier beheimatet, führende Orchester aus aller Welt sind regelmäßig in München zu Gast. Der neue Konzertsaal wird die Rolle Münchens als Kulturstadt und die Rolle Bayerns als Kulturstaat weiter stärken. Dazu muss der Bau höchsten musikalischen Anforderungen gerecht werden.

Die mehrere Jahre anhaltenden Debatten über die Notwendigkeit eines weiteren Konzertsaals in der Landeshauptstadt sind beendet. Die Grundentscheidungen dafür sind nun gefallen und die künftigen Nutzer, allen voran das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, aber auch viele Musikliebhaber aus München, Bayern und darüber hinaus, freuen sich auf das Vorhaben. Eine ausgezeichnete Klangqualität wird der Maßstab für Bayerns Leuchtturmprojekt Konzertsaal sein.

Die Bayerische Staatsregierung und die Regierungsfraktion im Bayerischen Landtag haben wichtige Weichen gestellt: Der Freistaat wird zeitnah und zentrumsnah – im Werksviertel, einem urbanen und dynamischen Kreativquartier mit sehr guter Erreichbarkeit – einen großen symphonischen Konzertsaal errichten, der dem  Anspruch der Kulturhauptstadt München gerecht werden wird. Das Werksviertel bietet die einmalige Chance, klassische und moderne Musik sowie Kunst zu einem Kreativviertel mitten in Münchenzu vereinigen.

Noch bis zum Jahr 2018 sollen die Weichen für den neuen Konzertsaal am Standort Werksviertel unumkehrbar gestellt werden. Das ist durchaus ambitioniert. Dabei spielt auch der Bebauungsplan eine maßgebliche Rolle: Nach Einschätzung der LandeshauptstadtMünchen soll dieser zeitnah beschlossen werden. Das ist wichtig, damit schon sehr bald die Musiker im neuen Konzerthaus ihre künftigen Wirkungsstätten in der Nähe des Ostbahnhofs beziehen können.

Derzeit wird in Zusammenarbeit mit allen Beteiligten das Raum- und Funktionsprogramm weiter ausgearbeitet und konkretisiert. Ob der neue Konzertsaal sich schließlich stärker am Schuhkarton-Format wie im Musikvereinssaal in Wien und im KKL in Luzern oder am Weinberg-Format wie in der Philharmonie in Berlin oder der in Hamburg orientiert, bleibt den weiteren Gestaltungsideen und Planungen der Architekten vorbehalten.

In München laufen die Vorarbeiten für die Errichtung des Konzertsaals als staatliche Baumaßnahme auf Erbbaurecht auf Hochtouren. Die Verhandlungen zwischen dem Eigentümer des Anwesens und dem Freistaat Bayern sind vorangeschritten.

Die interministerielle Lenkungsgruppe hat mit dem angesehenen Akustiker Yasuhisa Toyota und dem Chefdirigenten des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks Mariss Jansons die musikalischen Anforderungen an den Saal mit Blick auf die essentiell notwendige Spitzenakustik diskutiert. Ein erweiterter Fachbeirat wurde eingerichtet. Diesem gehören Vertreter der unterschiedlichen Nutzergruppen und Fachexperten ebenso an wie herausragende Künstlerpersönlichkeiten wie Chefdirigent Mariss Jansons, Violinistin Anne-Sophie Mutter, Schlagzeuger Martin Grubinger und Bariton Christian Gerhaher.

Bereits im Spätsommer soll auf der Grundlage des Raum- und Funktionsprogramms ein EU-weiter Architektenwettbewerb ausgelobt werden. Ich bin gespannt, welche Visionen die beteiligten Architekten für eine kreative Gestaltung des neuen Gebäudes entwickeln werden. Mitte 2017 soll nach der Entscheidung im Wettbewerbsverfahren die konkrete Bauplanung beginnen. Parallel zum Architektenwettbewerb werden Überlegungen zum Betrieb des Konzertsaals vorangetrieben – ein Beratungsauftrag wurde hier vergeben.

Die Aufgabe bleibt spannend. Es geht dabei nicht nur um eine ästhetische Gestaltung des Gebäudes, die entsprechende Größe und Form des neuen Saals. Es geht ganz zentral um die erforderlichen Vorgaben für eine exzellente Akustik. Es geht aber darüber hinaus um Musikvermittlung im umfassenden Sinne und die Öffnung des neuen Konzerthauses in die Gesellschaft. Für München und Bayern und über Bayern hinaus wird der Konzertsaal eine enorme Bereicherung des künstlerischen Lebens ermöglichen. Auf diese freue ich mich.

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Peter Haimerl

Architekt, München

Der neue Münchner Konzertsaal wird ein Leuchtturmprojekt. Das versteht sich von selbst: beste Architektur, beste Akustik, beste Musiker, beste Dirigenten.

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Aber verfolgen die Ausführenden auch das beste Konzept? Werden die Münchner im internationalen Wettlauf um die besten Dirigenten und Musiker mithalten können?

Wer beabsichtigt einen Konzertsaal zu bauen, sieht sich vor ähnlichen Herausforderungen, wie jemand, der eine Kirche baut. Während der Kirchenbauer eine Hülle für einen liturgischen Versammlungsraum entwickelt, stellt das Konzerthaus die Behausung für ein Musikereignis dar. Beide zeitlich begrenzten Erlebnisräume sollen die Sinne schärfen und in einen Zustand gesteigerter Empfindungsbereitschaft versetzen. Schon aus diesem Grund heraus kann ein Konzertsaal, der durch hochrangige Musiker bespielt wird, nicht einfach ein profaner Nutzbau sein und erfordert höchste architektonische Qualität.

Ein zweiter Aspekt, den historische Kirchenbauten und moderne Konzerthäuser gemein haben sollten und die sie, interessanterweise beide verloren haben, ist der Aspekt der ständigen aktuellen Einbindung in die jeweilige gerade entstehende Kultur, vor allem der jungen Generation.

Leuchttürme dienen der Positionsbestimmung, Leuchttürme warnen vor Untiefen, sie orientieren. Wenn ein neues Konzerthaus diese Anziehungsfunktion auch für jüngere Generationen erfüllen soll, dann muss der Aspekt der Brauchbarkeit auch für kulturell aktive Jugendliche eine wichtige Rolle spielen. Das neue Konzerthaus muss neben klassischer Musik auch Jugend- und populäre Kultur aufnehmen können. Es muss mehr sein, als nur ein klassisches Konzerthaus: Es muss zahlreiche räumliche Situationen möglich machen, die den Rahmen eines klassischen Saals für innovative und experimentelle Tanztheater, Popkonzerte und neue mediale Inszenierungen überraschend erweitern können.

Dieses „Leuchtturmprojekt“ muss aber auch ein Identifikationspunkt und  inhaltliches Leitbild für die weitere städtebauliche Ausgestaltung sein, ein Markstein, der die städtebauliche Entwicklung weiter befördert. Das neue Konzerthaus in der Pariser Peripherie zeigt schon jetzt, welche prägenden Impulse ein Kulturbetrieb für die positive Entfaltung von Stadtteilen bedeuten kann.

Ob die bisher getroffenen Entscheidungen zu einem hervorragenden Ergebnis führen, hängt stark davon ab, ob auch diese Haltung Teil der Wettbewerbsaufgabe und vor allem kommunizierter Teil der öffentlichen Debatte wird. Nur so kann München im weltweiten Wettlauf um den besten Standort für Dirigenten und Musiker seine Innovationskraft innerhalb der internationalen Musikszene in Zukunft zeigen.

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Nadin Heinich

Architekturvermittlerin, Berlin, München

Be Brave! – Grundsätzlich finde ich es gut, dass der neue Konzertsaal in der „Peripherie“ Münchens entstehen wird. Die Stadt die wächst. Und noch immer gibt es nur das eine, zu kleine, „goldene“ Zentrum.

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Schon durch die zunehmende Verlagerung des Handels ins Internet kommt Kulturbauten eine immer wichtigere identifikatorische Kraft zu, Stadt zu definieren und gestalten.

Persönlich habe ich den Umbau der Paketposthalle favorisiert. Die Paketposthalle als bislang verborgenes Juwel der Stadt wäre in ihrer Klarheit und Erhabenheit ein starkes Statement gewesen. Intelligente Umnutzungen sind heute oft die viel zeitgenössischere, relevantere Aufgabe als egozentrische Solitäre einer alt werdenden Generation von „Star-Architekten“.

Bei der Entscheidung für das Werksviertel schwang bereits viel Pragmatismus mit. Hauptargument in der Studie von Speer und Partner, das bis heute nicht veröffentlicht wurde, war die zeitliche Flächenverfügbarkeit. Von insgesamt sieben untersuchten Kriterien wurde dieses Kriterium mit 30 Prozent gewichtet, das Raumprogramm zum Beispiel nur mit zehn Prozent. Dabei lagen laut Studie die vier anderen untersuchten Standorte nur ein bis zwei Jahre hinter der Fertigstellung eines Konzertsaals im Werksviertel.

Wie relevant sind ein oder zwei Jahre bei einem Bau, der uns hoffentlich lange Zeit begleiten wird? Wie sinnvoll ist es, nach fast fünfzehn Jahren (Standort-)Diskussion jetzt einen so sportlichen Zeitplan aufzustellen und bis 2021 die Eröffnung des Konzertsaals zu fordern? Der Konzertsaal ist eine riesige Chance für München. Dafür braucht es Souveränität und Mut. Das wünsche ich allen Beteiligten.

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Thorsten Kock

Architekt, Stuttgart

Niemand braucht ein Konzerthaus, so wie man heute ein Krankenhaus braucht oder wie man vor vielleicht 150 Jahren das Backhaus gebraucht hat.

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Aber gerade Letzteres verband mit der lebenserhaltenden, jedermann zugänglichen Möglichkeit, Brot zu backen, auch die Gelegenheit, an einem realen Ort das zu pflegen und zu erfahren, was wir heute „Gesellschaft“ nennen. Es wurde dort das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden, ohne daß an dieser Stelle genau darüber zu befinden wäre, welches der ersten beiden, welchem der letzten beiden entspricht…

Zwar ist ein Konzerthaus nur für wenige, nämlich die, die dort arbeiten, unmittelbar für deren Lebenserhalt notwendig. Aber unbestreitbar ist es ein Gebäude, in dem sich getroffen, miteinander gesprochen, auch sich gezeigt, kurz Gemeinschaft gelebt werden kann.

Man mag ein solches Haus, oder vielmehr dessen Zweck  für elitär halten, verglichen vielleicht mit einem Fussballstadion. Aber ist es nicht, wenn überhaupt, der Inhalt, der nur auf ein begrenztes Publikum zugeschnitten ist? Kommt es also nicht sehr stark auf das Konzept an, mit dem ein solches Haus betrieben wird? Selbstverständlich gibt es viele Häuser, die sich ausschließlich dem klassischen Schlips- und Kragen-Publikum  zuwenden, auch wenn dieses Publikum selbst schon immer weniger Schlips und Kragen trägt. Warum also nicht diese beim Publikum feststellbare Entkrampfung auch auf die Inhalte, für die ein solches Haus steht, übertragen. Warum also nicht ein solches Haus auch in einem zu transformierenden, ehemaligen Industriegebiet ansiedeln, umgeben von Kreativität, von geistiger Frische und von anregendem Chaos, das in unserer vorschriftsgefestigten Demokratie ohnehin nur sehr zarte Blüten treiben kann und wird. Warum nicht die „Hochkultur“ und die „freie Szene“ voneinander profitieren lassen, direkt und ohne Berührungsängste?

Dies bedeutet nicht, ein Gebäude, einen Saal zu schaffen, der vor allem „multifunktional“ sein soll. Im Gegenteil: Es ist durchaus möglich einerseits ein sehr spezifisches Nutzungsszenario zu definieren, aus welchem sich qualitativ hohe, aber auch präzise formulierbare Anforderungen ergeben, und dann an anderer Stelle im Bauprogramm die spätere programmatische Vielfalt vorwegzunehmen. Ausserdem schränkt die bauliche oder akustische Qualität eines Saales Art und Anzahl der später in diesem Saal stattfindenden Aufführungen ja nicht ein, sondern dürfte gerade durch seine (Wiedergabe-) Qualitäten, eben allen Darbietungen zu Gute kommen. Es gilt aber hier, wie überall, der in Bayern meist gut aufgehobene Grundsatz: “wenn’s es macht’s, macht’s es g’scheit.“

Das Potenzial für ein aufzuwertendes Stadtquartier eine Initialzündung zu sein, hat ein solches Gebäude allemal. Und im Umkehrschluss besteht in einem solchen Umfeld großes Potenzial für eine überraschende und unerwartete Entwicklung des Hauses und seines Programmes selbst. Auf diese Art ergeben sich viele Chancen und die Hoffnung, daß das Haus mit einem entsprechend offenen Konzept eine viel größere gesellschaftliche Relevanz erhält, als wenn es nur ein weiterer Baustein in einem städtischen Hochkulturbaugebiet ist.

Nachdem die Bibliotheken, die, mit dem Aufkommen des Internets und den Segnungen der Digitalisierung, lange Zeit als aussterbende Spezies bezeichnet wurden, seit einigen Jahren eine Renaissance erleben, ist mir letztlich auch um die Daseinsberechtigung der Konzerthäuser nicht bange.

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Prof. Dr. Eckard Heintz

ehem. Geschäftsführer der Gasteig München GmbH, Geschäftsführer der Kammermusikreihe "Nypmphenburger Sommer", München

Seit nunmehr zehn Jahren haben die Stadt München und der bayerische Staat um das Doppelthema „Gasteig-Philharmonie“ und „Neuer Konzertsaal“ gerungen.

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(Siehe dessen Chronologie in meinem Tagebuch eines Kulturmanagers „Don’t burn it – Münchens un(endliche) Konzerthaus-Arie“ GRIN Verlag 2015). Auch eine breite Öffentlichkeit hat sich vehement mittels Presse, Interessenvereinen und der unmittelbar Betroffenen ( u.a. BRSO, Münchener Philharmoniker, private Konzertveranstalter) – wie zu erwarten kontrovers – engagiert.
Nach teilweise abenteuerlichen Vorschlägen, wie man das o.g. Doppel-Thema unter einen Hut bringen könnte, sind im Frühjahr 2016 jedenfalls grundsätzlich die Würfel gefallen:

1. Die Gasteig-Philharmonie soll im Rahmen einer Total-Sanierung des Kulturzentrums ab 2020/21 renoviert und umgestaltet werden. (Detailpläne sollen im Stadtrat im Frühjahr 2017 beschlossen werden).
2. Ein neues Konzerthaus soll im Werksviertel am Ostbahnhof (Eigentümer Pfanni-Erbe Werner Eckart) durch den bayerischen Staat im Erbbaurecht bis 2020/21 entstehen. Für dieses Projekt will der Staat bis zum Sommer 2017 die Weichen für Vertragsmodalitäten, Finanzierung, Betriebskonzept, Architektenausschreibung etc. gestellt haben.

Die Konzertbesucher der traditionellen sogenannten E- und U-Musik haben vermutlich bisher nie das Werksviertel besucht, ist es doch seit einigen Jahrzehnten bis heute unter Namen wie „Kunstpark Ost“ oder „Kultfabrik“ ein „soziologisches Ritzenbiotop, bestehend aus Kleinkunst, Flohmarkt, Technophase und Angesagtsein, aus Schaumpartys, Drogenproblem, Tabledance und Medienleuten“ (Gerhard Matzig, Süddeutsche Zeitung, 19.10.2015).

Mit der Wahl dieses Standorts für ein neues Konzerthaus scheiden sich die Geister: Die Befürworter begründen ihn u.a. mit Blick auf die angeblich überschaubare Finanzierbarkeit, die zeitnahe Realisierbarkeit des Baus, die gute Verkehrsanbindung, aber auch mit der These, die Gerhard Matzig (a.a.O.) als eine „gute Idee“ apostrophiert hat: Die Mischung von „Ungleichem, Paradoxem“, m.a.W. die Zusammenführung soziologisch und kulturell unterschiedlicher Erscheinungsformen. Dieses „Programm“ soll sich auf relativ engem Raum auch architektonisch manifestieren. Neben bereits bestehender Ex-Fabrik- und Lagerraum-Komplexe heterogener Architektur-Stile sowie diverser gastronomischer Betriebe werden Hotels, Wohnungen und Geschäfte, und mittendrin das neue Konzerthaus, errichtet. Damit soll – so die Befürworter dieses Standorts – ein „neuer sozialer und politischer Stadtraum“ geschaffen werden, der  n i c h t   n u r  den „ästhetischen bedeutsamen Konzertsaal-Standort“ im Blick hat (Matzig a.a.O.).

Die Gegner dieser Thesen – und dazu gehöre ich – weisen aus umfangreichen Erfahrungen daraufhin, dass ein derartiges Algamat räumlich-architektonischer und inhaltlich-spezifischer Besonderheiten weder natürliche, gewachsene Wurzeln hat, noch auf die unterschiedlichen menschlichen Interessen und Lebensweisen Rücksicht nimmt.

Die allein infrage kommende Lage für das geplante Konzerthaus im Werksviertel gibt den Architekten nur wenig Spielraum für einen herausragenden Entwurf. Im Zweifel reicht der schon festgelegte Platz nur für ein Schuhschachel-artiges Gebäude. Zudem ist dem Verfasser nicht bekannt, ob der Ort über die Saalkubatur hinaus ausreichende Flächen und Räume für Musiker-Stimmzimmer, Technik, Verwaltung oder für Empfänge, Pausengastronomie, geschweige denn für einen weiteren Kammermusiksaal hergibt. Hinzu kommen die notwendigen Anlieferungswege und Stellplätze für Lastwagen und Pkws.

Die Architektur-Ästhetik des Konzerthauses und die Gestaltung des Umfelds (wünschenswerte Freiluft- Aufenthaltsflächen, Begrünung etc.) werden nolens volens Rücksicht nehmen müssen auf die bereits bestehenden und geplanten Gebäude der unmittelbaren Nachbarschaft. Ich sehe an dem vorgesehenen Standort jedenfalls nur einen sehr bedingten Spielraum für einen Entwurf, von dem es doch eines Tages heißen soll, dass dessen Qualität es mit den führenden Konzerthäusern der Welt auch architektonisch-gestalterisch, und nicht nur innen akustisch aufnehmen kann.

Die Besucher der sogenannten E-Musik und auch die der „gehobenen“ U-Musik sind nun mal qua Erziehung, Bildung, Interessen eine „Klasse“ für sich. Sie wollen nicht unmittelbar räumlich die Welt der Sub- oder Alternativ-Kultur teilen, die erfahrungsgemäß ihrerseits ebenfalls ein eigenes Umfeld sucht. Auch der Gasteig selbst vereinigt zwar erfolgreich „viel Kultur unter einem Dach“, doch bot er nie Platz für die off-off-Kultur. Ich halte daher die These, dass die (zwanghafte) Zusammenführung unterschiedlicher sozialer und kultureller Welten auf begrenztem Raum das Ei des Kolumbus sei, für empirisch widerlegbar.

Fazit: Die Entscheidung für den Standort des neuen Konzerthauses ist gefallen. Es bleibt daher lediglich zu wünschen, dass es den Architekten gelingen möge, unter den aufgezeigten Einschränkungen einen Konzertsaal zu schaffen, der sich mit denen anderer Metropolen messen kann. Nur dann werden die Konzertbesucher trotz der aufgezeichneten Widrigkeiten den neuen Konzertsaal annehmen, unabhängig vom eigentlichen Ziel dessen Besuchs, Musik auf höchstem Niveau zu genießen zu wollen.

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Benjamin Haupt

Architekt, München

Mit dem Begriff  Leuchtturmprojekt bezeichnet man ein vorbildlich projektiertes Vorhaben, welchem neben der erfolgreichen, beispielhafte Umsetzung seiner Anforderungen auch positive Strahlkraft auf andere, ähnlich geartete Projekte attestiert wird.

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Also Projekte, welche im ersten Schritt dank ihrer transparenten Kommunikation unter Einbindung aller Interessengruppen Fragen nach Anforderungen, Finanzierung, Standortwahl und Bespielungskonzept umfassend und nachhaltig beantworten. Im zweiten Schritt sind Bauvorhaben gemeint die sich durch einen integrativen Planungs- und Bauprozess auszeichnen, welche eine städtebauliche und architektonische der Funktion gerecht werdende Lösung zum Resultat haben.

Mit dem Label Leuchtturmprojekt werden aber im Allgemeinen vorrangig Bauten versehen, welche durch ihre spektakuläre architektonische Formensprache, gezeichnet durch einen namhaften Architekten unter Regie namhafter Politiker,  und durch ihre städtebaulich exponierten Setzung – frei nach Bruno Taut –  der Stadt die Krone aufsetzen und somit im globalisierten Stadtmarketing-Konkurrenzkampf wichtige Asset-points  für die Stadt zu erringen scheinen.

Kann der anvisierte Münchner Konzertsaal unter diesen Gesichtspunkten als Leuchtturmprojekt klassifiziert werden? Wohl kaum. Hat doch die über Jahre hitzig und kontrovers diskutierte Debatte über Sanierung des Gasteigs oder Neubau, keine zufriedenstellende Lösung angeboten. Im Gegenteil, die Entscheidung für einen Neubau hat nur den Inhalt der geführten Diskussion verlagert, nicht aber vorangebracht.
Eigentlich brauchen wir doch einen.
Aber wo? Warum nicht dort? Aber vielleicht doch besser hier?
Liegt es daran, dass München einfach keinen adäquaten Standort aufweisen kann? Also ein Ort an dem eine Kulturstätte wie ein Konzertsaal-Gebäude durch sein Programm und architektonische Gestaltung identitätsstiftend wirken kann. Wünscht man sich nicht insgeheim eine Uferpromenade oder ein freies urbanen Platzgefüge als Bühne für einen Alles dominierenden,  Solitärbau nach Vorbildern wie Sydney, Luzern oder Porto. Fotografierbar, vermarktbar!

Eine spezifisch Münchner Lösung, welche auf die städtebaulichen Besonderheiten der bayrischen Hauptstadt und deren Stadtentwicklung eingehen, scheint noch nicht gedacht geschweige gefunden worden zu sein.  Oder vielleicht doch? Fühlt sich nur nicht weltstädtisch genug an?  Warum fällt die Entscheidung so schwer? Fehlt hier die transparente Kommunikation und offene Darstellung des Entscheidungsprozesses, welches Eingangs als Maßstab für Leuchtturmprojekte deklariert wurde?

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Martin Wöhr

Freunde des BRSO e. V., München

Nach jahrelangen Debatten über Sinn und Zweck eines neuen Konzertsaals für München, wurde Anfang 2015 eine Lösung verkündet, die Münchens Bildungsbürgertum auf die Barrikaden trieb: die sog. Zwillingslösung.

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Die beiden großen Münchner Orchester, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und die Münchner Philharmoniker, sollten sich paritätisch eine umzubauende Philharmonie sowie den Herkulessaal im Wechsel teilen. 23.000 Bürger stemmten sich mit ihren Unterschriften gegen diesen politisch motivierten, unseeligen Vorschlag und brachten ihn zu Fall. Einige Monate später, im Mai 2015, wurde das Aus dieser Idee verkündet und man wandte sich, diesmal  ernsthaft, einem Neubau zu.
Das passende Grundstück nahe dem Ostbahnhof war nach Expertenrat bald gefunden. Mancher Konzertgänger hätte sich den Neubau zwar lieber in der Innenstadt gewünscht, dürfte sich aber umstimmen lassen, sofern ein hervorragender Konzertsaal für Münchens weltberühmte Musikkultur dort tatsächlich gebaut würde.

München verlor durch den 2. Weltkrieg einen ehemals berühmten Saal, das Odeon. Was danach entstand, der unfrohe Herkulessaal, war dem raschen Wiederaufbau geschuldet. Der unversehrte Kongressaal im Deutschen Museum, als größere Aufführungsstätte, hielt nur mühsam bis 1985 durch, als die Philharmonie im Gasteig eröffnet wurde. Beide heute bespielten Säle waren Ersatzorte für zerstörte oder unbrauchbar gewordene Aufführungsstätten. Seitdem kam nichts mehr hinzu, obwohl die Stadt sich verdreifachte.
Nun endlich ein Neubau, den so viele herbeisehnen. Die beiden großen Orchester werden freier planen können, die privaten Konzertveranstalter werden Luft gewinnen für eigene Ideen. Die Weltstadt der Musik wird wieder erstarken.

Allerdings, wie wird sich der neue Saal darbieten? Im Inneren eines Gebäudes, wo die Musik spielt, wo Emotionen entstehen, wo Musiker und Zuhörer zu einer untrennbaren Einheit verschmelzen sollen.
Kurze Rückblende. Die Geschichte des Konzertsaals geht zurück bis ins 17. Jahrhundert, als die abendländische Musik begann, sich zu säkularisieren. Die Räume waren klein, klangen „trocken“ und laut, brachten aber die phrasierungsreiche Barockmusik und Frühklassik vorteilhaft zur Geltung. Später hatte Beethoven, der neue Klangrevoluzzer, in Wien 1804 seine Not, die Eroica im Palais des Fürsten Lobkowitz erstmals zu Gehör bringen zu müssen. Ab dem 19. Jahrhundert schrieben Komponisten ihre Werke aber nicht mehr nur für bestimmte Anlässe und Räume, ihre Musik sollte nun auch  beeindrucken, durch  große Orchester und Chöre. Die höfische Redoute wandelte sich zum öffentlichen Konzertsaal. Rasch war eine günstige Bauform gefunden, sie ähnelte einer seitlich aufgestellten Schuhschachtel. Breite und Höhe hatten fast gleiche Maße,  die Länge war doppelt; diese vorteilhaften Proportionen waren Erfahrungswerte die funktionierten. Gemeinsam war ihnen auch ein ähnlicher Nachhall von etwa zwei Sekunden. Die für alle Plätze nahen Seitenwände reflektierten den Schall wirksam und erzeugten leicht verzögerte erste Reflexionen, die die Schallquellen scheinbar vergrößerten und den Raumeindruck betonten. Hinzu kamen die akustischen Eigenschaften verwendeter Materialien und deren Ausformungen. Die Zuhörer fühlten sich vom Klang „umhüllt“ und emotional angesprochen. Zwischen dem Auditorium und den Musikern auf der Bühne entstand eine ideale Interaktion. Es war schön, und ist es auch heute noch, Musik darin zu erleben.
Alles in allem ein komplexer Vorgang, der damals vielfach großartig gelang (Wien, Amsterdam, Boston, New York u. a.).

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Säle dann zunehmend „verwissenschaftlicht“ gebaut, nach dem sog. Schallstrahlenmodell. Sie wurden breiter; Deckenreflektoren mussten die wegrückenden Seitenwände ersetzen, die Schalllenkung wurde schwieriger. Es entstanden Säle mit durchaus guter Deutlichkeit, aber geringer Räumlichkeit des Klangs. Eine einzelne Schallquelle wirkte oft monofon und klein (Salle Pleyel, Paris; vor Umbau).

Ab den 1950er Jahren gewannen schließlich bei der Planung von Konzertsälen neueste wissenschaftliche Erkenntnisse aus den Laboren der Akustik an Bedeutung. Auch entstand der Wunsch des Zusammenrückens von Musikern und Zuhörern. Man wollte einen besseren „Hörblick“ haben. In der Folge entwickelten sich Zentral- oder auch Arena-Säle mit ansteigenden Publikumsbereichen, auch bekannt als Weinbergterrassen (Philharmonie, Berlin). Die für den Raumeindruck so wichtigen frühen Reflexionen waren nicht leicht zu erzeugen und auch heute noch gelingt nicht jeder Neubau dieser Art. Nachteilig auch ist die nicht unbeträchtliche Anzahl von Zuhörerplätzen hinter dem Orchester. Das mag im Einzelfall ganz interessant sein, hat aber nichts mehr mit einem homogenen und ausgewogenen Orchesterklang zu tun, schließlich strahlen die meisten Instrumente den Schall nach vorne ab, vorallem die charakteristisch feinen Obertöne.

Zu welcher Bauform wird man sich in München wohl entscheiden? Wie werden Akustiker und Architekten zusammenfinden, in dieser Reihenfolge?

Gefordert wird allemal ein Saal mit „sozialer“ Nähe zwischen Musiker und Zuhörern. Weitere unverzichtbare Parameter sind klangliche Homogenität und ausgewogene Schalldichte an allen Orten des Raums. „Ein Saal ist wie ein Instrument“, sagte Mariss Jansons kürzlich, der alle Säle dieser Welt aus eigener Erfahrung kennt. Der Raum muss atmen, den Künstler unterstützen und das Herz des Zuhörers erreichen, ist dem hinzuzufügen. Neueste Computer-Simulationsmodelle und daraus sich entwickelnde Raumformen lassen die Hoffnung aufkommen, dass etwas Einmaliges entstehen könnte. Eine moderne Schuhschachtel-Anmutung bietet beste Voraussetzungen dafür, dass die Kraft und Logik eines musikalischen Werks – nicht aus Nostalgie, sondern aus Vernunft – ihren Sinn bekommt. Endlich auch in dieser Stadt!

Quellennachweis: Dickreiter, M., Dittel, V., Hoeg, W., Wöhr, M.: Handbuch der Tonstudiotechnik, 8. Auflage, 2014, De Gruyter

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Thomas E. Bauer

Sänger und Intendant Konzerthaus Bayerischer Wald, Blaibach

Über utopisches Bauen – Die Münchner Konzertsaal-Situation ist seit einigen Jahren Gegenstand hitziger Debatten.

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Umso erfreulicher ist es, dass durch die jüngste Initiative der Bayerischen Staatsregierung konkrete Schritte zur Realisierung eines repräsentativen Kulturbaus im Werksviertel zustande gekommen sind.

Im Bayerischen Wald wurde indes, innerhalb von drei Jahren von der ersten Idee bis zur Eröffnung, ein akustisch herausragendes Konzerthaus errichtet, das ohne nennenswertes Budget in New York unter die zehn weltweit besten Konzertsäle gewählt wurde; Die internationalen Medien rühmen es als „Märchen“, „Traum“ oder „Utopie“.

Ähnliche Projekte trieben vor gut 150 Jahren bereits König Ludwig II. und Richard Wagner um: der Architekt Gottfried Semper sollte nach dem Konzept Wagners mit einem Festspielhaus in München hoch über der Isar für angemessene Aufführungsbedingungen von dessen Zukunftsmusik sorgen. Herausgekommen ist dabei ein Konzerthaus in der oberfränkischen Provinz. Die Parallelen in der Gegenwart sind durchaus verblüffend.
Aber was macht das Utopische von Architektur eigentlich aus, und wie ist utopisches Bauen überhaupt denkbar und möglich ? Wie kann also am Un-Ort etwas räumlich Reales entstehen ?
Entscheidend für den Erfolg des „Wundersaals“ im Bayerwald war, dass wir in der frühen Phase der Projektvorbereitung Bauherrn, Betrieb und Nutzung klar benennen konnten. In München wurde bis in die jüngste Zeit keiner dieser drei Aspekte eindeutig behandelt. Es wurde stattdessen über Standorte diskutiert. Erst seit sich der Freistaat dazu entschlossen hat, die Bauherrenschaft für ein Vorhaben zu übernehmen, für das er bei Lichte besehen nicht zuständig ist, bewegt sich etwas.

Denkt man den zukünftigen Münchner Konzertsaal über einen Zeitraum von mindestens 25 Jahren, dann wird der höhere Kostenanteil nicht am Bau, sondern für Unterhalt und angemessene Bespielung entstehen. Da angesichts der angespannten Haushaltsage seitens des Bayerischen Rundfunks kein bedeutender finanzieller Beitrag zu erwarten ist, wäre derzeit zu klären, nach welchem betriebswirtschaftlichen Modell (außer Steuerfinanzierung) das geplante Haus ausgerichtet werden soll.

Um die erforderlichen Leuchtturmeffekte zu erzielen, braucht es zudem mehr als eine Vermietungsgesellschaft wie im benachbarten Gasteig. In München fehlt trotz der überragenden kulturellen Infrastruktur ein künstlerischer Gesamtplan, der den Rang Münchens als Weltstadt der Musik im Angesicht von neuen globalen Zentren in Europa, den USA und Asien unterstreicht. Zu den Aufgaben der Direktion des neuen Konzerthauses müsste also gehören, aus der Zusammenschau bestehender Ressourcen und klugem Komplement eine prominente und weltweit einzigartige Marke für Bayern zu entwickeln.
Viele Köche verderben bekanntermaßen den Brei, siehe Standortdebatte. Unser kleines Projekt im Bayerischen Wald hat gezeigt, dass wir besonders effektiv waren, wenn wir den jeweiligen Experten aus den Bereichen Architektur, Akustik, Raumplanung, Baugewerke, Wirtschaft, Verwaltung usw. vertraut haben, sobald die bauliche und inhaltliche Ausrichtung einmal abgestimmt war.

Persönlich halte ich deswegen wenig davon, bekannte Künstler in die Koordination dieser komplexen Vorgänge als Berater zu integrieren. Die gefeierten Musiker sind gewißlich besser aufgehoben bei der Akquise umfangreicherer Spenden, etwa durch die Ausrichtung von Benefiz- und Privatkonzerten für namhafte Geldgeber.

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Robert Rechenauer

Architekt, München

Konzertsaal von vorne gedacht – Nehmen wir an, es gäbe ihn bereits, den ultimativen Konzertsaal: er läge am rechten Ort, hätte die richtige Architektur und brächte großartige Konzerte hervor.

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Wir besäßen dieses Meisterwerk und es wäre von solch „außergewöhnlichem universellem Wert“, dass die Weltgemeinschaft übereinkommt, dieses Stück Architektur in die „Liste der Welterbestätten“ aufzunehmen.

Hinter der Liste der „UNESCO-Welterbes“ steht ein völkerübergreifender Vertrag, in dem festgelegt ist, dass es ein gemeinsames weltweites Kulturerbe gibt. Das Besondere daran ist, dass darin nicht nur bestimmte Kulturstätten hervorgehoben und unter Schutz gestellt werden, sondern die Aussage, dass dieses Erbe nicht das Eigentum einer Einzelperson, einer juristischen Gesellschaft, einer Kommune oder Nation ist, sondern, dass es allen gehört. Dieses geradezu unglaubliche Bekenntnis zu einem gemeinsamen weltweiten Kulturverständnis, das in dieser Form einmalig ist, sprengt alle territorialen und religiösen Grenzen.

190 von 193 Staaten haben bislang diesen Vertrag ratifiziert. Keine andere Übereinkunft genießt weltweit solch großen Zuspruch wie dieses Gesetz, das – trotz der aktuellen Zerstörung von Welterbestätte – Hoffnungen weckt. Seit 2003 unterstützen die „Vereinten Nationen“ neben dem Schutz der Stätten auch den Schutz und Erhalt des „immateriellen Kulturerbes“. Gemeint sind damit die Ausdrucksformen von Kreativität und Erfindergeist wie Tanz, Theater, Musik wie auch Bräuche, Feste und Handwerkskünste“. Sie werden von Generation zu Generation weitergegeben und fortwährend neugestaltet – und vermitteln so Identität und Kontinuität. So wurde unlängst am 30. März 2016 „der Orgelbau und die Orgelmusik als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit“ bei der UNESCO in Paris nominiert. Am 29. April 2016 fand der „UNESCO-Welttag des Jazz“ statt.

Tatsächlich war bei den Kulturbauten das Immaterielle vom Materiellen noch nie so richtig voneinander zu trennen, ruft doch das eine das andere hervor. Erst die Kunstwissenschaften des 19. Jahrhunderts haben diesen Versuch mit großen Nach- und Nebenwirkungen unternommen. Dabei treffen bei keiner Bauaufgabe die beide Prinzipien von „materiell“ und „immateriell“ so stark aufeinander wie beim Bau eines Konzertsaals; was das Thema so spannend und einzigartig macht. Seitdem Musik in Gebäuden betrieben wird, nimmt sie Einfluss auf die Architektur. Umgekehrt nahm die Architektur schon immer Einfluss auf die Musik. In einem Konzertsaal gibt eine enge Symbiose von Materiellem und Immateriellen. Jeder Raum eignet sich nicht für jede Musik, jede Musik nicht für jeden Raum. Das „rechte Zusammenspiel“ von Musik und Architektur bedeutet „gute Akustik“. Die Akustik ist der Schlüssel zur gemeinsamen Gestaltungs- und Wirkungskraft.

Eine der größten europäischen Errungenschaften ist die sinfonische Musik; sie ist einzigartig und so einnehmend, dass sie Einzug in den weltweiten Musikbetrieb gefunden hat. Damit dies überhaupt möglich wurde, mussten ganze Industrien, spezielle Hochschulen, große Orchester und – eben – Konzerthäuser errichtet wurden. Instrumentenbauer, die über ein hochspezielles Wissen über ausgewählte Hölzer und ausgefeilte Handwerkstechnik verfügten, waren nur ein kleiner Teil einer unermesslichen Wertschöpfungskette, deren Glieder sich mit dem Faktor einer immensen Vielfalt an unterschiedlichen Instrumenten und Kompositionen multiplizierten, hinter denen nicht nur die kulturelle Vielfalt Europas, sondern am Ende der ganze Globus stand. Komponisten, Dirigenten, Musiker, Organisatoren und Techniker fügten alle Glieder zu einem wahrhaft orchestralen Gesamtkunstwerk zusammen: eine Tradition, die bis in unsere Tage nahezu ungebrochen Bestand hat.

Am Ende dieser gigantischen Kette steht in der Wahrnehmung vieler, der Abend für einige Wenige. In diesen Wenigen wird zudem von den Vielen in den Wenigen ein ausgewähltes „elitäres“ Publikum gesehen, für das jede Förderung ohnehin obsolet scheint. Der immense Aufwand, der notwendig ist, diesen Musikbetrieb am Leben zu halten, lohne sich nicht. Vor allem rechtfertige er nicht den hohen Aufwand an privaten und öffentlichen Geldern, die anderswo dringender benötigt werden. Zudem grenze er andere Musik aus. Zurecht wird die Frage gestellt, ob es angesichts der zur Neige gehenden Ressourcen, der klimatischen Veränderungen, den zunehmenden Umweltkatastrophen, dem Bevölkerungswachstum, den Kriegen und Flüchtlingsströmen, schließlich den fehlenden Wohnräumen und Schulen nicht dringlichere Aufgaben gibt als den Ruf nach einem neuen Konzertsaal, in dem die „klassische“ sinfonische Musik kulminiert.

Der gemeinsamen Sache ist nicht gedient, wenn wir den ökologischen Kollaps und soziale Ungerechtigkeiten gegen unser kulturelles Erbes ausspielen; ebenso wenig führt der zermürbende Streit um die rechte Förderung von sogenannter Sub- und Hochkultur weiter. Uns trägt eine gemeinsame Kultur, die nicht der Verhandlung, sondern der gegenseitigen Wertschätzung bedarf. Sie spendet Heimat und Identität. Im kriegszerstörten München war eine der ersten Gesten des Wiederaufbaus das berühmte Kammerkonzert der Philharmoniker inmitten der Ruinen des Grottenhofs der Residenz.

Was wollen wir unseren Kindern übergeben?

Wir sollten diese Errungenschaft – dieses Welterbe der sinfonischen Musik – nicht aufgeben und diese nahezu endlose Kette der Wertschöpfung keiner kleinen „vermeintlichen“ Elite überlassen, sondern dieses Erbe weitergeben und allerorts den Bau eines Konzertsaals als Gemeinschaftsprojekt – sei es als Kommune, Staat oder „Vereinte Nationen“ – selbst in die Hand nehmen. Konzerthäuser stehen noch keine auf der offiziellen UNESCO-Liste unseres Welterbes, zweifelsohne sollten welche darauf stehen. Lasst uns daran arbeiten!

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Helmut Brunner

Bayerischer Staatsminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, München

Die Entscheidungen über Bau und Standort des neuen Konzertsaals für München sind gefallen. Nun werden die weiteren Planungen auf den Weg gebracht. Natürlich wünsche ich mir einen Konzertsaal mit hervorragender Akustik, und zwar gleichermaßen für Orchester und Publikum.

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Aber ich glaube, dieses Projekt kann und muss auch weit über die akustischen Qualitäten hinaus Zeichen setzen. Bayern hat auch bei diesem Projekt den Anspruch, Weltniveau zu erreichen. Entscheidend für ein zukunftsweisendes Projekt mit spektakulärer Architektur ist nicht zuletzt die Wahl der Baustoffe.

Genau aus diesem Grund möchte ich den einzigartigen, nachwachsenden Baustoff Holz ins Spiel bringen. Holz bietet, beste Voraussetzungen für ein architektonisches Leuchtturmprojekt gerade im neu entstehenden urbanen Umfeld am Standort des Saales im Münchner Osten. In einer Stadt wie München, wo die Ausstellung „Bauen mit Holz – Wege in die Zukunft“ in der Pinakothek der Moderne großes Interesse und Aufsehen erzeugt hat, kann mit einem spektakulären Holzbau ein deutliches Zeichen für Nachhaltigkeit beim Bauen und den Klimaschutz gesetzt werden.

Auch bei der Verwirklichung von herausragender Architektur kann der Baustoff Holz innen wie außen Weltniveau erreichen. Die jüngsten Entwicklungen innovativer Holzbauteile ermöglichen den Architekten tragende Holzkonstruktionen in neuen Dimensionen und spektakulärer Formgebung. Holz kann heute geradezu als der Exponent und Garant eines zukunftsorientierten Bauens bezeichnet werden.

Der Standort im Werksviertel in der Nähe des Münchner Ostbahnhofs ist kein typischer Konzerthausstandort. An einem solchen Ort kann ein innovativer Ansatz dazu führen, dass der Konzertsaal in München als Treffpunkt für alle Bevölkerungsgruppen angenommen wird. Holzbau steht geographisch und geschichtlich in einer ganz besonderen Beziehung zu unserer bayerischen Heimat. Ein neuer Konzertsaal in der Landeshauptstadt München aus Holz stellt daher die ideale und natürliche Verbindung zwischen Stadt und Land her. Gerade dem Freistaat als Forst- und Holzland Nummer eins in Europa stünde ein repräsentativer Spitzenbau aus Holz gut zu Gesicht.

Mit unserer Landeshauptstadt München werden Werte wie Weltoffenheit und Gastlichkeit verbunden. Dazu haben in der Vergangenheit nicht zuletzt herausragende Bauprojekte mit zukunftsweisender Architektur beigetragen, wie der Olympiapark mit dem Olympiastadion, das zum weltbekannten Wahrzeichen Münchens geworden ist. Dem Baustoff Holz schreibt man eine ganz besondere Haptik und warme Ausstrahlung zu. Mit dem neuen Konzertsaal in Holzbauweise könnten wir ein Symbol für die Werte der Weltstadt mit Herz schaffen.

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Edmund Wächter

Musiker, Vorsitzender Tonkünstler München e.V., München

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Die nun wahrscheinliche Zukunftsoption – Grundsanierung des Gasteigs und Neubau eines zweiten Konzertsaals – birgt die Chance, dass die beiden großen, international  renommierten Münchner Sinfonieorchester je einen eigenen Konzertsaal erhalten, deren Akustik herausragende Musikerlebnisse ermöglicht und der Musikstadt München auch weiterhin Weltgeltung verschafft. Selbstverständlich sollten hier nicht die Minimallösungen angestrebt werden, sondern Konzepte mit städtebaulichen und -planerischen Zukunftsvisionen, die auch der Musik in jeder Hinsicht gerecht werden. Dass die Konzertsaaldebatte nun schon Jahre dauert, sehe ich positiv, solange das Für und Wider und der Wettstreit der Ideen zu optimalen Ergebnissen führt und nicht der schnelle Kompromiss einen schalen Geschmack hinterlässt.

Im Umfeld dieser Leuchtturmprojekte könnte auch die übrige Münchner Kunst- und Musikwelt neu aufblühen und kreatives Leben in die jeweiligen Quartiere bringen. Im Bereich Musik denke ich da an die Dependance der Hochschule für Musik und Theater, an Proben- und Überäume für Musiker und Ensembles – allen voran für das Münchner Kammerorchester –, an kleine und mittlere Veranstaltungsräume für Experimentelles und Nischenprojekte aller Genres, an Räumlichkeiten für musikpädagogisches Arbeiten… Musikausbildung, die „freie Szene“, wie auch die Laien- und Jugendmusik sind kultureller Humus, der an solch zentralen Orten katalytische Wirkung entfaltet. An einer solchen Entwicklung ist der Verein Tonkünstler München e.V., der rund 1200 Münchner Berufsmusiker zu seinen Mitgliedern zählt, sehr interessiert und beteiligt sich nach seinen Möglichkeiten.

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Markus Krempels, M.A. (Architektur)

Angestellter bei Bermüller+Hauner Architekturwerkstatt, Nürnberg

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Als Jungarchitekt, der sich mit der Thematik eines neuen Konzertsaals in der bayerischen Landeshauptstadt „erst“ seit seiner Abschlussarbeit (im Jahre 2013) befasst, habe ich gegenüber anderen involvierten Fachleuten aus Kultur und Politik, die sich schon um einiges länger damit beschäftigen, einen wahrscheinlich eher jungfräulichen, vielleicht auch naiven Blick auf diese Thematik. Umso mehr freut es mich, als Vertreter der jüngeren Generation meinen Standpunkt zur Diskussion beitragen zu können. In der

Natur der Sache liegt es wohl, dass es bei Projekten dieser Größenordnung sowohl Befürworter als auch Kritiker gibt. Selbstverständlich ist es auch, dass hier eine Vielzahl wichtiger Faktoren sorgsam abgewogen werden muss, von denen der finanzielle Aspekt sicherlich immer mit der wichtigste und auch strittigste sein wird – vor allem wenn dafür auch der Freistaat nicht unerheblich Unterstützung leistet. Und natürlich wird es immer auch vermeintlich Wichtigeres geben, für das so viel Geld ausgegeben werden könnte.

Die Bedeutung eines Konzertsaalneubaus sollte jedoch nicht nur ausschließlich auf seine Kosten und die Wirtschaftlichkeit reduziert werden. Eine Weltstadt, wie sie München nicht nur im Kulturellen sein will lebt von ihrem Facettenreichtum und den vielseitigen Möglichkeiten die sie ihren Bewohnern bietet und lebenswert macht. Da sollte ein modernes und leuchtendes Fußballstadion ebenso von Nöten sein wie ein repräsentativer und zeitgemäßer Konzertsaal, in dem auch jedes andere Weltklasse-Orchester jederzeit gerne auftritt. Was im Falle der  Philharmonie im Gasteig, vor allem aufgrund der oftmals bemängelten Akustik, leider nicht immer der Fall ist.

Dabei ist z.B. ein geeigneter Standort genauso wichtig wie ein ausgefeiltes und zukunftweisendes Konzept um ein neues Konzerthaus langfristig und dauerhaft attraktiv zu machen. Dass hier nur ein gutes Ergebnis erzielt werden kann, wenn dabei nicht an den falschen Stellen gespart wird oder vorschnelle Entscheidungen getroffen werden, sollte sich von selbst verstehen.

In einer Stadt, in der es nicht nur ein Symphonieorchester von Weltrang gibt, wäre es fahrlässig zu übersehen, wie wichtig es ist, der klassischen Musik – und der Kultur im Allgemeinen – eine entsprechende Plattform zu bieten, auf der sie sich entsprechend präsentieren kann. Nicht nur um der Kultur, sondern auch des städtischen Lebens Willen, das im Gesamten nur davon profitieren kann.

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Robert Meyer

Architekt, München

Die neue Philharmonie gehört nicht an die Peripherie der Stadt sondern in deren pulsierende Mitte. In die unmittelbare Nachbarschaft zu Oper, Residenztheater, Kammerspielen und Marstall. Deswegen sind wir überzeugt, daß der Marienhof der richtige Platz für den neuen Konzertsaal ist.

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Ähnlich dem Museumsquartier der Pinakotheken schafft der neue Konzertsaal auf dem Marienhof mit den Theatern ein thematisches Gravitationsfeld, welches von Musik und Theater bestimmt wird. Der Marienhof wird aus seinem jahrzehntelangen Dornröschenschlaf geweckt. Trotzdem ist er auf Ebene der Fußgänger nach wie vor als Freifläche nutzbar. Die Kontur des Gebäudes bildet als historische Spur die mittelalterliche Stadtgrenze zur Schrammerstraße ab.

Der Ort für eine neue Münchener Philharmonie war in unserem Büro immer schon ein viel diskutiertes Thema. Immer wieder stellten wir uns die Frage, warum eigentlich nicht am Marienhof ? Der Marienhof als im Herzen der Stadt liegender Ort, der zusammen mit Oper, Residenztheater, Kammerspielen und Marstall ein zentral gelegenes Kulturzentrum bilden und endlich der seit Kriegsende freien Fläche aus ihrem Dornröschenschlaf verhelfen würde.

Die Beseitigung dieses beständigen Provisoriums war über die Jahre immer wieder ein Thema in der Stadt und hat vielfältige Ideen und Wettbewerbsentwürfe hervorgerufen. So hat der Platz tatsächlich und in zahlreichen Visionen eine abwechslungsreiche Metamorphose als Parkplatz, Blockrandbebauung, Galerie etc. durchlaufen und ist letztendlich doch immer eine provisorische Freifläche geblieben.

Wir stellen uns ein Gebäude vor, welches durch ein transparentes, reduziertes Erdgeschoss weiterhin den Platzraum zwischen Rathaus und Schrammerstraße erlebbar macht und große Teile der Freifläche als innerstädtischen Freiraum im Kontext mit der kulturellen Nutzung erhält. Der eigentliche Konzertsaal samt zugehörigen Nebenanlagen „schwebt“ über dem Marienhof. In der obersten Ebene wird eine Stadtterrasse für Besucher oder Freiluftveranstaltungen vorgesehen.

Durch seine Lage am Marienhof wäre eine direkte Anbindung des Konzertsaals an den öffentlichen Personennahverkehr über das Untergeschoss möglich. In diesem Zusammenhang stellt sich unweigerlich das Thema des bevorstehenden Baus der 2.Stammstrecke. Hier könnten aber eventuell sogar Synergieeffekte erzielt werden. Da bereits seit circa 15 Jahren über einen neuen Konzertsaal diskutiert wird, sollte im Zuge einer für alle befriedigenden optimalen Lösung der Mut zur weiteren Diskussion und zur Hinterfragung bereits getroffener Entscheidungen vorhanden sein.

Unser Entwurf ist nicht pragmatisch und zeigt vor allem den Wunsch nach einem tatsächlichen Leuchtturmprojekt für den Konzertsaal Münchens, welcher nicht nur funktional für Musiker und Besucher herausragend sein soll, sondern seinen besonderen gesellschaftlichen Wert auch in seiner architektonischen Gestalt wiederspiegelt. Der Blick beispielsweise auf Hamburg mit seiner Elbphilharmonie, den Konzertsaal in Luzern oder auch auf Graz mit seinem Kunsthaus zeigt, welche positiven Auswirkungen herausragende Architektur haben kann. Die Messlatte für die weitere Diskussion und Planung ist damit bereits gelegt.

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