2. April 2017

Neue Thesen zum Wohnen – ist die Zeit reif für einen Perspektivenwechsel?

Es ist an der Zeit, die Rahmenbedingungen für die Schaffung von Wohnraum in der gebotenen Offenheit und der notwendigen Radikalität zu diskutieren. Nur so kann der Aufbruch zu einer neuen Qualität für Alle im Wohnen gelingen. Für ein Wohnen, das sich auf Essenzielles besinnt und reich an Atmosphäre ist. Brauchen wir einen Perspektivenwechsel, um Wohnungsbau wieder als sozial- und stadtpolitisches Instrument einzusetzen, um auch im Wohnungsbau den Anschluss an eine sich wandelnde Gesellschaft zu schaffen? 

Ausgezeichnet mit dem BDA Architekturpreis Nike für Neuerung 2016: e% Energieeffizienter Wohnungsbau Ansbach (Deppisch Architekten, Freising, 2014, Fotograf: Sebastian Schels, München)

Rainer Hofmann,
Architekt und Stadtplaner, München

Wohnungsbauplanung wird, in Zeiten zunehmendem Wohnraumbedarfs, offensichtlich auf zwei Themen reduziert; zum Einen – wie befriedige ich diesen Bedarf möglichst schnell und zum Anderen – wie erledige ich diese Aufgabe möglichst kostengünstig. Dabei werden zwei Punkte viel zu selten diskutiert: Welche Qualitäten sind denn heute im Wohnungsbau wichtig und welche Chancen bietet dieser enorme Bedarf?

Der beträchtliche Wohnraumbedarf (in Ballungsräumen), speist sich ja zum Einen aus einem tatsächlichen Nutzerbedarf, andererseits fußt dieser Bedarf aber auch, zu einem nicht zu unterschätzenden Teil, auf der andauernden volkswirtschaftlichen Niedrigzinssituation, die eine nachhaltige Vermögenssicherung scheinbar nur noch über Immobilienbesitz zu versprechen scheint.
Dieses enorme wirtschaftliche Potential kann uns als Planer nun als Basis des persönlichen wirtschaftlichen Erfolges dienen, die Auftragsbücher der meisten Büros sind voll, es birgt aber eben auch die Chance – seit langer Zeit mal wieder –Maßstäbe anderer Art zu setzen.

Dabei ist nach meiner Einschätzung der Wechsel der Betrachtungswinkel gar nicht schwer. Wir müssen uns, so glaube ich, nur für einen Moment auf uns selbst beziehen um zu verstehen, was guten Wohnungsbau ausmacht und in Folge, wie er entstehen könnte.

Scheinbar ist es uns (Architekten und Projektentwicklern, Behörden und Finanziers) bei all den Regeln und Ritualen, die wir uns über die Jahrhunderte im Bauen geschaffen haben, gelungen, ein solch cleveres System zu erschaffen, dass wir beim Bauen vergessen, wer wir sind und was wir uns wünschen.

Letzte Woche wurde ich zu einem Wettbewerb eingeladen, um auf einen Schlag über 300 Wohnungen – mitten in einer deutschen Großstadt gelegen – zu entwerfen. Der Investor bat mich im allerersten Gespräch darum, doch auf jeden Fall eine unsinnige Forderung der Stadtplanung in Frage zu stellen. Diese verlangte eine große Anzahl Sondernutzungen im Erdgeschoss unterzubringen; zwei, drei Läden maximal würde er gerade noch ertragen – mehr müsse aber echt nicht sein.

Ich kenne den guten Herrn nicht persönlich, ich wette jetzt aber mal, dass er selbst liebend gerne abends in einem kleinen Café an der Ecke sitzt und seinen Rotwein schlürft, davor noch eine Zigarre im Eckladen gekauft hat und sich beim Coiffeur direkt daneben die Haare frisieren lässt.

Ich weiß es natürlich nicht wirklich, vielleicht gibt es tatsächlich Menschen, die gerne in hübschen aber nutzungs-segregierten Wohnsilos wohnen. Das Komische ist nur, dass ich trotz meiner nicht ganz kurzen Lebenserfahrung einfach niemanden kenne, der tatsächlich so leben möchte. Mir drängt sich daher der Verdacht auf, dass das segregierte Wohnen nicht einem wahren menschlichen Bedürfnis entspringt.

Wir sehnen uns also, das behaupte ich jetzt mal, fast alle nach Mischung – nach dem Besonderen und – und das ist nicht das Unwichtigste – nach Authentizität unserer Umwelt.

Das Café, das unser Beispielbauherr nämlich hier aufsucht, ist kein StarBucks oder Vapiano sondern das Schlörs oder das Marita – inhabergeführt und individuell, echt und persönlich. Unabhängig von der Gestalt, den Cafépreisen, der Qualität der Speisen und Getränke ist es deswegen so besonders, weil es dort Personen gibt, die mit ihren Waren auch ein Stück von ihrer Zeit, ihrem Leben, ihrer Privatheit den Besuchern zur Verfügung stellen. Dieses Stück echte Leben, dieses kleine Stück Private im öffentlichen Raum ist das von dem wir schwärmen, uns erzählen. Es ist das, was wir posten – zusammen mit all den anderen sehr privaten Ereignissen, mit deren Erleben sich so viele von uns im digitalen Netz präsentieren.

Privatsender-Shows, bei denen sich Menschen so privat wie nirgendwo zeigen oder youtube-channels, die Lebensgeschichten von Einzelnen über lange Zeiträume, quasi in einer Art Dauerbiographie, präsentieren, haben heute höhere Nutzerzahlen als objektivierende Sachsendungen.

Das Private ist also im digitalen öffentlichen Raum längst präsent.

Das Private im Wohnungsbau begegnet uns hingegen in modernen Wohnwelten nur noch selten. Das kleine Café an der Ecke ist da schon eine Ausnahme.

Wenn wir uns also nach anderen sehnen, uns für Geschichten und Leben anderer interessieren, wenn wir am Leben Dritter partizipieren wollen und unter Umständen auch unser kleines Leben in unseren Lebensräumen gespiegelt sehen wollen, müssen wir doch nur genau diesen Bedürfnissen Raum geben.

Wir benötigen einen Wohnungsbau, der einerseits authentisch ist und mit dem man sich identifizieren kann und der andererseits Individualität zulässt, der adaptierbar ist, der unterschiedlichsten Bedürfnissen Raum gibt.

Gibt es so etwas nicht?

Im gemeinschaftlichen Eigentum wie in Baugemeinschaften und insbesondere im genossenschaftlichen Bauen sind in den letzten Jahren Projekte entstanden, die sich wirtschaftlich tragen, die sozial wie altersmäßig gemischt sind, die unterschiedlichste Formen der gemeinsamen Nutzung von Flächen quer finanzieren, und die diese gemeinschaftlichen Fläche betreiben.

Diese Modelle sind so erfolgreich, dass mittlerweile auch klassische Bauträger zu verstehen versuchen, warum diese Projekte funktionieren.

Offensichtlich sind Menschen bereit – in diesen begrenzten Mikrokosmen eines gemeinschaftlichen Projektes – Geld und Zeit zu investieren, um das eigene Wohnumfeld mit anderen zusammen so zu gestalten, dass eine nachhaltige Zufriedenheit entsteht.

Das Teilen ist dort offensichtlich kein Problem. Wir sollten dieses Phänomen näher betrachten – der Anteil an Flächen, die nicht vordefiniert sind, ist in diesen Projekten offensichtlich sehr hoch. Der Anteil an Flächen, die gemeinschaftlich genutzt werden, ebenso. Mit der Möglichkeit an Selbstentfaltung und Partizipation steigt offensichtlich die Bereitschaft andere zu ertragen und Nutzungen zu ermöglichen, die Bedürfnisse befriedigen, über die anderswo nicht einmal diskutiert wird.

In Zeiten, in denen weltweit Menschen Gehör finden, die Abgrenzung predigen, sind Projekte, die Menschen anderen Menschen näher bringen Gold wert.

Der soziale Zusammenhang einer Gesellschaft fängt bei jedem Einzelnen an. Das Bedürfnis nach Gemeinschaft und Authentizität ist da. Diesem Bedürfnis Rechnung zu tragen, ist Aufgabe von uns Planern.

Perspektivenwechsel – Ja, auf jeden Fall!

Wir danken unseren Partnern:
 
     

Kai Koch

Architekt, Hannover

Dass Wohnen ein elementares Grundbedürfnis der Menschen darstellt ist unbestritten. Das sprichwörtliche „Dach über dem Kopf“ ist historisch ja schließlich der Ausgangspunkt und das Ziel aller Architektur.

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Das Streben nach menschenwürdigen Wohnverhältnissen war ja ein wesentlicher Motor der städtebaulichen Entwicklung der modernen Stadt im 20. Jahrhundert angesichts des explosionsartigen Wachstums der Städte im Zuge der beginnenden Industrialisierung seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Die Wohnungsfrage wurde zu einem beherrschenden Thema eines sich den sozialen Fragen der Gesellschaft zuwendenden Berufsstandes.

Man muss feststellen, dass Wohnen selbst für besser verdienende Teile der Bevölkerung zunehmend unerschwinglich wird. Diese Problematik ist mittlerweile ein ständiges Thema im öffentlichen Diskurs, so wie er z.B. in den überregionalen Medien verbreitet wird. Ursache hierfür ist nicht zuletzt eine Bodenpolitik, die nicht dem Umstand Rechnung trägt, dass Boden kein beliebig vermehrbares Gut ist, und so der Spekulation Vorschub leistet. Solange der Staat also z. B. Grundstücke an den Meistbietenden vergibt, unabhängig von Qualität der zu realisierenden Qualität der Konzepte, wird der Bodenpreis die bestimmende Größe bleiben. Hinzu kommen aber auch stetig gewachsene Ansprüche an Komfort und Standard der Wohnungen.

Die wesentlichen Entwicklungen der Begriffe Standard, Typ und Serie, so wie sie das gegenwärtige Bewusstsein immer noch prägen, begannen mit der aufkommenden Industrialisierung und hier der industriellen Produktion. Das Industrielle Wachstum der Städte überall in Europa führte zu bis dahin nicht gekannten Wanderungsbewegungen und einer schlagartigen Ausdehnung der Städte. Die Folge waren Reformansätze wie die Gartenstadtbewegung oder der genossenschaftliche Wohnungsbau. Die Städte und insbesondere der Wohnungs- und Siedlungsbau im Verbund mit der fortschreitenden Technisierung des Bauens wurden zum bestimmenden Handlungsfeld der Architekten. Unter dem nachvollziehbaren Postulat der Schaffung gesunder Lebensverhältnisse bricht sich ein übergreifendes Dogma Bahn, das bis heute in der Baunutzungsverordnung oder den Förderrichtlinien des Wohnungsbaus gültig ist.

Was ursprünglich eine notwendige und konsequente Reaktion auf die miserablen Lebensverhältnisse in den Städten zu Beginn des 20. Jahrhunderts war, mutierte insbesondere in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg zu einem ökonomisch optimierten mechanistischen und allein quantitativen Gesichtspunkten verpflichteten Regelwerk, das heute eher überkommene Lebensformen betoniert und sinnvolle urbane Entwicklungen oftmals verhindert.

Die Exegese aller Vorschriften im Bauwesen – funktionale Standards, technische Standards, ökologische Standards, Sicherheitsstandards, rechtliche Standards, deren Zahl sich in zehn Jahren vervierfacht hat – obliegt u. a. einer stetig wachsenden Zahl von Fachleuten, die die Baunebenkosten zuverlässig in die Höhe treiben. Dass hierbei insbesondere die der technischen Disziplinen überproportional steigen, leuchtet angesichts der ökonomischen Implikationen unmittelbar ein.

Was wäre, wenn wir alle Standards einer Revision unterzögen, weg von rein quantitativen und abstrakten Bewertung zu einer situativen, komplexen und alle Aspekte berücksichtigenden Verhandlung aller Fragen der Typologie, der Aneignung und Beteiligung und der Ökonomie? Was wäre, wenn wir uns erlaubten, die Frage des „Existenzminimums“ völlig neu zu definieren?

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Gunther Adler

Staatssekretär Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, Berlin

Wie wollen wir in Zukunft wohnen? Wie können wir in Zukunft wohnen? Dieser Diskurs wird angesichts großer Herausforderungen im Wohnungsbau in Deutschland derzeit intensiv geführt.

Wir benötigen bezahlbaren Wohnraum für Hunderttausende in unseren Städten.

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Das Bundesbauministerium tut derzeit alles, um mit dem von Bundesministerin Dr. Barbara Hendricks im Sommer 2014 gestarteten »Bündnis für bezahlbares Wohnen und Bauen« den Wohnungsbau anzukurbeln. Im Rahmen der Wohnungsbau-Offensive, haben wir die Mittel, für den sozialen Wohnungsbau deutlich aufgestockt, das Wohngeld erhöht, Maßnahmen zur Senkung der Baukosten ergriffen sowie eine neue Gebietskategorie »Urbanes Gebiet« im Bauplanungsrecht für eine maßvolle Verdichtung von Stadtquartieren geschaffen. Gleichzeitig haben wir einen Leerstand von etwa 1,8 Mio. Wohnungen auf dem Land. Und jeder wachsenden Gemeinde steht eine schrumpfende gegenüber. Das müssen wir in diesem Kontext immer mitdenken.

Benötigen wir auch „Neue Standards“ für das Wohnen? Meine Antwort: Ja, aber nicht im herkömmlichen, technischen Sinne. Der Erfolg unserer Maßnahmen – Investitionen in den Wohnungsbau zu stärken, angemessenen Wohnraum zu schaffen und Quartiere altersgerecht, sozialorientiert und klimaschonend zu entwickeln – hängt maßgeblich davon ab, ob die Wohnformen und die Qualität der Wohnungen, in die investiert wird, unseren künftigen gesellschaftlichen Realitäten, also neuen und zukunftsorientierten Wohnstandards, gerecht werden. Mit den heute geschaffenen Wohnungen bestimmen wir nachhaltig unsere bauliche Umwelt von morgen und übermorgen. Es ist wichtig, sich frühzeitig mit den grundlegenden qualitativen Anforderungen an das Wohnen auseinanderzusetzen, mit Konzepten, die künftigen Wohn- und Lebensentwürfen gerecht werden. Zukunftsweisende Ideen für Wohnkonzepte, die bei geringerem Pro-Kopf-Flächenverbrauch und einer höheren Bebauungsdichte auch eine hohe Qualität der Architektur liefern, sind gefragt. Neu definierte nutzerorientierte Funktionalitäten von eigenem und gemeinschaftlichem Wohnraum, mehr Flexibilität, eine hohe gestalterische Qualität des öffentlichen Raums bei Einbeziehung der Bewohner in die Planung, können in verdichteten städtischen Bebauungen auch mit einfachen Standards eine lebenswerte Umwelt für Einwohner und Neubürger schaffen.

Architektur ist in diesem Prozess mehr als nur das Gestalten einer schönen Oberfläche, die ein Gebäude umhüllt. Architektinnen und Architekten haben das Handwerkszeug, mit Wohnkonzepten zu experimentieren, Erfahrungen aus Zeiten ähnlicher Wohnungsbedarfe planerisch zu nutzen und innovativ weiterzuentwickeln.

Was alle Akteure zum Meistern der aktuellen Herausforderungen brauchen, ist die Erweiterung der eigenen Perspektive. Interdisziplinär planen und vorbereiten – diese Anforderung ist im Sinne einer nachhaltigen Stadtentwicklung – ob aus dem Bestand oder durch Neubau – wichtiger denn je. Frühzeitig im Prozess müssen Stadt- und Raumplaner, Architekten und Ingenieure, Immobilienwirtschaft und Quartiersmanagement sich gegenseitig beraten und gemeinsam Konzepte erarbeiten. Althergebrachte Vorurteile gegenüber anderen Branchen und Akteuren haben hier keinen Platz. Kompromisse zu schließen, gehört dazu. Wir brauchen – nach Vorbild der nationalen Bündnis-Initiative – mehr lokale Bündnisse in unseren Städten, Gemeinden und auf Landesebene, um dem Wohnungsbau in Deutschland qualitativ und quantitativ den richtigen Schwung geben.

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Prof. Dr. Thomas Jocher

Architekt und Stadtplaner, München

Der Wohnbau Wert. Selten ist uns der Wert einer eigenen, sicheren Wohnung deutlicher als in unserer Zeit vor Augen geführt worden. Selten sind aber auch die Fragen nach dem Wert oder besser den Kosten einer Wohnung deutlicher gestellt worden.

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Können wir uns nach einer langen Phase der kontinuierlichen Verbesserungen gemütlich zurücklehnen? Ist wirklich alles getestet worden? Nach Hügelhäusern, Plug-Ins und der Metastadt ist schon alles ausgereizt?

Spötter behaupten, nach der Experimentierzeit der 60er und 70er Jahre, zu dessen wichtigstem Vertreter auch die gescheiterte Metastadt gehört, habe sich allenfalls das Balkondetail geändert.

Haben wir deshalb jetzt den Mut verloren? Oder gibt es vielleicht keinen Grund zur Veränderung?

Inzwischen ist der Müdigkeit oder sogar Resignation die Pflicht einer Erneuerung gewichen. Unsere Zeit fordert jetzt schnell neue Lösungen für den Wohnungsbau. Nicht nur neue Lebensstile, die starke Verknappung von Materialien und Energie in einer demografisch stark veränderten Gesellschaft prägen in Zukunft das Land. Das alte, lange gültige Nachkriegsmodell 2-3-4 hat schon seit langem ausgedient (2 Kinder, 3 Zimmer, 4 Räder).

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Gudrun Sack

Architektin Berlin

Der Mut aller Akteure im Wohnungsbau ist gefragt, einen Perspektivwechsel zu denken und zu gestalten. Es ist mehr Mut zum Experiment gefragt. Wohnkonzepte, die von bestehenden Normen und Standards abweichen, bereichern das Angebot am Wohnungsmarkt einer Stadt und deren Durchmischung.

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Diese Chance sollte endlich von allen Wohnungsakteuren erkannt und genutzt werden.

Neue Wohnformen und Wohntypen sind im Kontext der Unübersichtlichkeit unserer Gesellschaft zu entwickeln. Gelernte Rituale verändern sich, traditionelle Wohnformen und Arbeitsabläufe lösen sich auf. An Ihrer Stelle treten immer differenziertere Lebensformen, die ganz unterschiedliche Anforderungen und individuelle Vorstellungen mit dem Wohnen verbinden. Zudem verleiht die zunehmende ethnische Vielfalt der Bevölkerung dem Bedeutungsverlust standardisierter Wohnungstypen eine zusätzliche Dynamik.

Neue Wohnformen und Wohntypen sollten sich für unterschiedliche Lebensvorstellungen eignen und den sich wandelnden Wünschen und kulturellen Besonderheiten von Mietern und Käufern nachkommen: Wohnen in unterschiedlichen Gemeinschaften, in Groß- oder Kleinstfamilien, mit hohem Anspruch oder mit minimalem Budget, Wohnen und Arbeiten kombiniert, Wohnen in teilbaren Einheiten, die sich an die unterschiedlichen Lebensphasen anpassen können.

Notwendigkeit des Möglichen – Standards neu denken: Ein flexibles anpassungsfähiges Raumangebot – innerhalb der Wohnungen oder im Verbund von Wohnungen- schafft besondere Wohnqualität. Gutes Wohnen, das sich durch Flexibilität, komplexe Raumstrukturen und Großzügigkeit auszeichnet, ist auch auf kleiner Fläche in konzentrierter Form realisierbar. Gebraucht werden nutzungsoffene, vielschichtige Raumgefüge – Möglichkeitsräume.

Den bestehenden Stadtstrukturen sind vielfältige ergänzende Wohnformen und Gebäudetypen hinzuzufügen, im Umbau wie im Neubau. Die Durchmischung wird damit zum Programm. Wohnquartiere erfahren mit neuen Gebäudetypologien und Nutzern einen qualitativen Zugewinn und eine soziale Erneuerung.

Wohnen ist gesellschaftliche Aufgabe. Der Perspektivwechsel ist gesellschaftlich überall abzulesen nur der Wohnungsbau verharrt in einem starren Korsett der Moderne – 3 Zimmer, Küche, Bad – das die Bedürfnisse unserer Zeit und deren Wandlungen in keiner Weise abbildet.

Um neue Wohn- und Arbeitstypologien umsetzen zu können, brauchen wir eine Vernetzung
aller Akteure der Wohnungswirtschaft und den Willen, dieses zu tun. Den Architekten fällt hierbei über die klassischen Leistungsphasen hinaus eine Schlüsselrolle zu, um gemeinsam mit Gesellschaft, Politik und Ökonomie eine Vielfalt des Wohnens für unterschiedliche Lebensbedürfnisse umzusetzen.

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Prof. Dr. Guido Spars

Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlicher, Wuppertal

Eine ökonomische Auseinandersetzung mit Standards ist generell ein zweischneidiges Schwert: Zum einen können Standards als verbindliche Vereinbarungen über Regeln, Mindestqualitäten und -sicherheiten dazu beitragen, im Wirtschaftsleben Kosten zu sparen.

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Auf der anderen Seite können solche Standards jedoch auch neue Lösungen und das Experimentelle verhindern und damit Innovationspotenzial ungenutzt lassen, was wiederum mit sogenannten Opportunitätskosten verbunden sein kann.

Bei der ersten oben genannten kostensparenden Dimension von Standards geht es meist darum, einen marktlich organisierten Suchprozess durch Mindeststandards und Regeln einfacher und transparenter zu gestalten und somit Kosten, zum Beispiel für die Suche nach geeigneten Produkten, einzusparen. Konsumenten, die in den meisten Fällen nicht so tief mit der technischen Materie vertraut sind, werden vor qualitativ minderwertigen Produkten und Angeboten geschützt, weil sich alle Anbieter an die definierten Mindestqualitäten der Standards halten müssen. Aus diesem Blickwinkel erscheint die Tatsache, dass das Bauen in der Bundesrepublik von insgesamt 16 Landesbauordnungen geregelt wird nicht kosteneffizient. Die mit diesen 16 verschiedenen Landesbauordnungen verbundenen Verunsicherungen, Fehlplanungen und notwendigen Korrekturen, Such- und Lernkosten (bundes-)länderübergreifender Akteure (Architekten, Bauträger, Projektentwickler, Investoren etc.) und Nutzer sind zwar schwer abzuschätzen, deshalb aber nicht weniger vorhanden.

Die zweite der oben genannten Sichtweisen ist mit dem „Verbotscharakter“ von Standards verknüpft, insbesondere wenn sie nicht nur als Mindeststandards auftreten, sondern sich sogar als Maximalvorgaben auffassen lassen. Die Baukostensenkungskommission des Bundesbauministeriums hat in ihrem Bericht zusammengefasst, dass höhere gesetzliche Standards beziehungsweise die freiwillige Umsetzung weitergehender Anforderungen den Wohnungsbau verteuern. So wird die neue Energieeinsparungsverordnung (EnEV) ab 2016 zu höheren Kosten von ca. 6 Prozent und die Vorgaben zum barrierefreien Wohnen zu einer Kostensteigerungen in Höhe von ca. 20 Prozent führen. Am aktuellen Normungswesen ist in der Kommission „mehrheitlich starke Kritik geäußert worden. (…) Die Kritik betrifft Mangel an Transparenz, integralem Ansatz und Praxisbezug (…), eine fehlende Folgekostenabschätzung und die Prozesse, die die Teilnahme von Normanwendern erschweren“ (Baukostensenkungskommission 2015).

Folgt man dieser kritischen Einschätzung, sind wir mit dem stark reglementierten und standardisierten Planen und Bauen bereits über das Ziel hinausgeschossen. Die mit den Standards verbundene Kostensteigerung unterstreicht diese Feststellung.

Es ist also an der Zeit, über alternative Modelle, Experimentierklauseln und Freiräume nachzudenken. Auch aus einer ökonomischen Sicht. Die alten Normen und Regeln gehören auf den Prüfstand.

Literatur:
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (Hrsg.) (2015) Bericht der Baukostensenkungskommission, Endbericht

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Prof. Dr. Christine Hannemann

Architektur- und Wohnsoziologin, Stuttgart

Ein Gespenst geht um im Mieterland Deutschland, das Gespenst der „schlechten Adresse“! Mietwucher und Wohnungsnot, dort wo es in Deutschland Arbeit gibt, verteuern das Wohnen immens. Immer mehr Stadtteile werden zur urbanen Provinz – zwar städtisch, aber ohne Vielfalt und Heterogenität.

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Andere Stadtteile durchlaufen einen down-grading Prozess und werden zu stigmatisierten Wohnorten.

Beruhen Gespensterwahrnehmungen im Volksglauben häufig auf Sinnestäuschungen, handelt es sich bei den Mieten, um ganz reale Marktvorgänge: Innerhalb der letzten Jahre sind die Durchschnittsmieten in den Ballungsräumen sozialunverträglich gestiegen. Alles ganz marktlogisch, aber mit Konsequenzen, die für das Leben in Deutschland eine Perspektivenschärfung nötig machen: Wollen wir wirklich sozial abgehängte Wohngebiete ganz im Sinne einer „Brasilianisierung“ der Gesellschaft?

Alle Städte mit aktuell wachsender Bevölkerung brauchen bezahlbaren Wohnraum. Dafür sprechen soziale und ökonomische Gründe: Wenn Haushalte zu viel von ihrem Einkommen für Wohnen ausgeben müssen, dann bleibt den Menschen weniger Geld für Lebenshaltung, Kultur und Freizeit; diesen für angespannte Wohnungsmärkte charakteristischen Nachteil empfinden die Menschen als sozial ungerecht. Das kann Auswirkungen auf das Wahlverhalten und die Wertschätzung unserer Demokratie haben.

Darüber hinaus ist die Suche nach bezahlbarem Wohnraum nicht allein für einkommensschwächere Haushalte ein Problem. Inzwischen ist es so, dass selbst zahlreiche Fachkräfte aus besser bezahlten Berufen kaum noch bezahlbaren Wohnraum finden. Damit wird aus dem Wohnungsmangel ein Standortnachteil für viele Städte und Unternehmen.

Konsens ist nun endlich, dass es zur Lösung des Problems wieder mehr „sozialen Wohnungsbau“ braucht. Das Konzept des „sozialen Wohnungsbaus“ hat seine dringend notwendige Berechtigung, führt – wie vieler Orten Realität – aber auch dazu, dass, wenn die Wohnungen aus der Bindung fallen, bezahlbarer Wohnraum verschwindet. Wenn sozialer Wohnungsbau errichtet wird, dann muss dieser eine langfristige Bindung aufweisen (im Münchener Modell: 60 Jahre), nicht nur 15 oder 20 Jahre.

UND, Wohnformen und Finanzierungsmodelle müssen ein breites Nachfragespektrum bedienen. Öffentlich geförderter Wohnungsbau, preisgebundener und freifinanzierter Wohnungsbau sind deshalb genuine Bausteine eines zukunftsorientierten Angebots. Differenzierte Wohnwünsche bzw. -bedürfnisse der Bevölkerung müssen mit einem breiten Wohnungsangebot abgebildet werden, das Mietmodelle und Eigentumsbildung verbindet. Nur eine sozial gemischte Stadt mit einer ausgewogenen Bevölkerungsstruktur ist eine urbane und lebenswerte Stadt. Heterogene Städte bzw. Quartiere bieten differenzierte Erfahrungsräume und bessere Sozialisationsbedingungen.

Angesichts eines rasanten Wandels in der Gesellschaft – durch Digitalisierung, Individualisierung, Pluralisierung, Wandel der Arbeitswelt – wandelt sich »Wohnen in der Stadt« zu einer nie gekannten Vielfalt und Heterogenität: neue »Wohnkulturen« ziehen sich quer durch alle Schichten und Milieus. »Schlicht wohnen«, Luxuswohnen, Alleinwohnen oder Mehrgenerationenwohnen sind beispielhafte Varianten, die verschiedene Wohnbedürfnisse symbolisieren und nach differenzierten Angeboten verlangen. Die anzustrebende Vielfalt der Wohnmöglichkeiten kann nur mit einer adäquaten Vielfalt der Trägerformen im Bauprozess entsprochen werden. Kommunale Wohnungsunternehmen und private Bauträger können das nicht leisten. Erst die gleichwertige Berücksichtigung von Baugruppen, Wohngenossenschaften und anderen Konzepten garantieren die anzustrebende Vielfalt. Hinsichtlich des Zieles langfristig, bezahlbaren Wohnraum zu errichten und zu halten, müssen endlich wieder Wohngenossenschaften politisch gefördert werden. Letztendlich ist bezahlbares Wohnen ganz einfach Gemeinwohl.

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Annemarie Bosch

Architektin und Stadtplanerin, Erlangen

Wir benötigen eine lebhafte Debatte und eine mutige Gesellschaft, die bereit ist, Neues auszuprobieren.
Dies bedeutet auch, dass Architekten Freiräume in der Planung benötigen.

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Nichts als Regeln: Architektur wird im gesellschaftlichen Kontext meist über Normen und Gesetze, Kosten, Termine verhandelt und eingefordert. Kreativität und Gestaltqualität werden durch die Wucht der Regeln, Normen, Gesetzen, Vorgaben regelrecht erdrückt.

Ich wünsche mir einen Perspektivenwechsel hin zu Qualität von geschaffenem Wohnraum und Bezug in das Umfeld und den Außenraum. Vor allem aber wünsche ich mir den Maßstab „Mensch“.

Die Gier: Immobilien, insbesondere auch Wohnimmobilien und damit auch das Wohnen, geraten zunehmend in den Fokus von international handelnden Finanzinvestoren. Gleichzeitig erleben wir in den boomenden Städten einen dramatischen Rückgang verfügbarer Sozialwohnungen.

Ich wünsche mir den Perspektivenwechsel der Kommunen, und damit der Politik, die verfügbare, kommunale Liegenschaften nicht weiterhin veräußern, sondern selbst handelnd gestalten: Ich wünsche mir Kommunen, die Spekulanten im Bereich privater Immobilienprojekte einer Stadt durch die verfügbaren Instrumente der Stadtplanung in Schranken weisen.

Stadt, eine Lebensform: Da immer mehr Menschen in Städten leben wollen, müssen wir Dichte und Miteinander in der Stadt neu verhandeln. Im Interview mit der Zeit prognostiziert Pritzker-Preisträger Ryue Nishizawa (Sanaa) „Nachbarschaft als Lebensform“ und formuliert die Notwendigkeit, dass die Räume der Begegnung in der Stadt von Architekten dafür geschaffen werden müssen.

„Macht die Enge lebenswert“ fasst dieses der Titel  zusammen (Die Zeit Nr. 14; 30.03.2017; Gespräch Martin Tschechne).

Ich wünsche mir, dass dieses Anliegen, nicht Marktmacht und Normen zum Regelwerk des Schaffens zu machen!

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Anne Kaestle

Architektin, Zürich, Düsseldorf, Hamburg

Wie viel Raum ist genug? Hochpreisige Städte wie New York und Tokio nehmen eine Entwicklung vorweg, die inzwischen auch unsere europäischen Städte erfasst hat und sich weiter verschärfen wird: Wohnraum wird immer weniger bezahlbar.

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In der Folge reduziert sich die Wohnraumfläche pro Kopf entsprechend den finanziellen Möglichkeiten, bis das existenzielle Minimum erreicht oder gar unterschritten wird.

Daher brauchen wir Wohnmodelle, die den Mehrwert urbanen Lebens in dichten Stadtquartieren offenkundig machen, die zeigen, wie der Einzelne mit einer reduzierten Wohnfläche leben kann und dabei von der verschwenderischen Großzügigkeit des Ganzen profitiert. Luxus wird neu definiert: Der Mehrwert liegt in der Gemeinschaft.

Jede Wohnung muss dem Bedürfnis nach Geborgenheit und Privatsphäre gerecht werden, auf der anderen Seite braucht es ein vielfältiges Angebot, an der Gemeinschaft teilzunehmen. Wohnqualität basiert auf einem wohl proportionierten Verhältnis von privaten Wohnbereichen und einem gesunden Anteil an gemeinschaftlich genutzten Flächen, dem Shared Space.

Haus und Stadt. Die Stadt fängt bei der Wohnung an. »Stadt« funktioniert nur als Gemeinschaft, und zwar als eine komplementär zusammengesetzte und durchmischte Gemeinschaft. »Stadt« ist kein statisches Gebilde, sondern ein sich ständig wandelnder Organismus, der sich primär nicht über das Territorium, sondern über die Beziehung seiner Bewohner definiert. Die Kombination von räumlicher Dichte und sozialer Breite bestimmt das städtische Leben, das immer im »Dazwischen« stattfindet – dem Raum, der allen gehört. Dazu braucht es Orte, die zufällige oder absichtliche Begegnungen untereinander ermöglichen. Wenn wir eine intakte, lebendige und vielschichtige Stadt zum Leben wollen, müssen wir sie aus Häusern zusammensetzen, die genauso gemacht sind.

Identität und Individualität, Nähe und Distanz. Gemeinschaft im Wohnen entsteht, wenn man sorgsam mit dem individuellen Bedürfnis nach Rückzug umgeht. Beides sind essenzielle Grundbedürfnisse des Menschen: Man will dazugehören (Identität) und sich gleichzeitig abgrenzen (Individualität). Der Schlüssel zu einer hohen Wohnqualität liegt in der feinen Balance von Autonomie und Einordnung, von Isolation und Kommunikation – es ist ein dialektisches System. Wohnen und damit auch das Zusammenleben in einem urbanen, städtischen Kontext basiert letztlich auf einem gesunden Verhältnis von Nähe und Distanz – und der Freiheit, zwischen diesen beiden Polen hin- und herpendeln zu können.

Nutzen ist wichtiger als Besitzen. Es ist an der Zeit, den Kerngedanken der Share Economies auf die Wohnungsfrage auszuweiten. Solange die Nutzungsrechte an bestimmten Gütern gesichert sind, müssen wir diese Dinge nicht mehr kaufen, um sie ganz für uns alleine zu haben. Diese Erkenntnis bestimmt einen Paradigmenwechsel unserer Generation: Nutzen ist wichtiger als Besitzen. Besitz hat noch in der Generation unserer Eltern einen ganz anderen Stellenwert eingenommen, der aus den existenziellen Nöten der Nachkriegsjahre gewachsen ist und sich in einer absoluten Wertschätzung alles Materiellen manifestiert hat. Von der heutigen Generation wird Besitz eher mit Verpflichtung in Verbindung gebracht, und Verpflichtung als Last empfunden. Wir leben in einer mobilen Welt, Freiheit heißt, ohne großen Ballast wählen zu dürfen. Frei ist, wer sich um wenig kümmern muss und dem dennoch sämtliche Möglichkeiten offen stehen. Den Austausch mit der Community gibt es gratis und en passant dazu. Wahlgemeinschaften nehmen dabei gegenüber den traditionellen Familienstrukturen einen höheren Stellenwert ein.

Mut zum Experiment. Zu diesen gesellschaftlichen Beobachtungen müssen wir weiterhin Visionen zum Wohnen der Zukunft entwickeln. Dabei bedarf es – von allen Beteiligten – einer großen Portion Mut, diese Prototypen auch umzusetzen. Entwerfen ist immer Spekulation und nicht jedes Experiment kann gelingen. Aber ohne Versuche werden wir nicht auskommen. Erst mit der Aneignung durch die Bewohner werden der Erfolg oder das Scheitern eines unerprobten Wohnmodells erfahrbar

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Dr. Olaf Bahner

Referent Baukultur und Berufspolitik, BDA Bund Deutscher Architekten, Berlin, und

Prof. Matthias Böttger

Architekt und Kurator, Berlin, Linz

Wir leben in einem Geflecht technischer Standards und Normen, die uns vor jeglicher Unbill des Lebens schützen sollen: vor Feuer, Hitze und Kälte; vor nachbarlichem Lärm, vor Treppen ohne Geländer und – dank der Stellplatzverordnung – vor einem Leben ohne Parkplatz.

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Der Wunsch, das Leben mittels Standards zu beherrschen, ist anscheinend grenzenlos. Dabei sind die heute kritisch betrachteten Regelungen ursprünglich von einem humanistischen Anliegen motiviert: Die miserablen Lebensbedingungen in den extrem schnell wachsenden Städten zu Beginn der Industrialisierung führten zu dem Wunsch nach gesünderen Wohnverhältnissen. Jedoch mutierte das Ideal von Licht, Luft und Sonne in den letzten Jahrzehnten zu einem ausufernden Regelwerk.

Jetzt, wo wieder einmal alles ganz schnell gehen soll, wo Wohnungen in großer Zahl zügig und zu sozialverträglichen Mieten gebraucht werden, wirkt die Vielzahl der Standards wie ein innovationsfeindliches Bollwerk. Und gleichzeitig erweisen sich viele der zugrunde liegenden Wohntypologien und Lebensmodelle als überholt.

350.000 neue Wohnungen pro Jahr werden unsere Städte verändern, nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ. In welcher Qualität die Wohnungen gebaut werden, wo sie sich befinden und welche soziale Mischung sie zulassen, hat entscheidenden Einfluss auf die künftige gesellschaftliche Struktur in unseren Städten. Wie können die hohen Investitionen in den Wohnungsbau dazu beitragen, dass unsere Städte gerechter und sozialer werden?

Für die Suche nach Antworten ist es sinnvoll, Wohnen im Kontext einer sich verändernden Gesellschaft neu zu betrachten – einer Gesellschaft, die kulturell und ethnisch vielfältig ist, die eine Fülle von Lebensstilen aufweist. Verbunden ist damit ein Wandel von quantitativen technischen Standards hin zu neuen Standards, die den Menschen mit seinen Lebensgewohnheiten in den Mittelpunkt stellen und die Qualitäten des Wohnens beschreiben.

Neue Standards können so einen programmatischen Anspruch an das immense Wohnungsbauprogramm der kommenden Jahre stellen: Damit Wohnen bezahlbar bleibt; damit Menschen an ihrer Stadt teilhaben können; damit Wohnen Gemeinschaft stiftet, auch wenn sich diese heute stärker als Wahlverwandtschaft denn als Dorfgemeinschaft versteht; damit Wohnen eine Raumflexibilität für sich ändernde Lebensbedürfnisse innerhalb der Wohnung oder im Verbund mit anderen Wohnungen erreicht und damit Wohnen als architektonischer Raum begriffen wird und so für die Bewohner Vertrautheit und Verbundenheit mit ihrem Lebensort schafft.

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Muck Petzet

Architekt, München

Wir sind geschützt und in Watte gewickelt durch ein alles bestimmendes Regelgeflecht von »Mindeststandards«, Mindestgrößen und Mindestqualitäten. Die »Höhe« der Standards ist direkter Ausdruck der Höhe unseres Lebensniveaus.

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Es scheint dabei eine unabänderliche Regel zu geben: Standards werden immer höher, strenger, sicherer, restriktiver, teurer.

Dieser Automatismus sollte umgekehrt werden: Eine Re-Standardisierung könnte ein notwendiger »Reset« sein, der unserem »Age of Less« entspricht: Wir sollen ja weniger Ressourcen verbrauchen und weniger Energie verschwenden – dabei sollten wir dann aber auch weniger »abgesichert« und dafür freier sein. Lernen wir von vergangenen Zeiten und anderen Ländern, in denen Menschen in kleineren Wohnungen und engeren Zimmern lebten, in denen Menschen jeden Tag steile und enge Treppen stiegen, auf nackten Bohlen und schnödem Estrich lebten, in denen Städte aus gemischten, dichten, lebendigen und lärmigen Quartieren bestanden.

Ein neuer Re-Standard entsteht durch die Abschaffung existierender Standard-»Schichten«. Die Re-Standardisierung legt früher gültige und heute noch sinnvolle Standards frei und entwickelt sie weiter zu Regeln, die am Gemeinwohl orientiert sind.

Standards verhindern bezahlbares Wohnen. Man muss sich nur die Qualitätsstandards für sozial geförderten Wohnungsbau durchlesen, um zu verstehen, warum er so selten geworden ist. Urbane Ziele wie Dichte, großer Maßstab oder Nutzungsmischung werden zu Gunsten eines »Standards« verhindert, der immer noch das Familienideal vom Wohnzimmer mit 20 Quadratmetern Grundfläche und dem Elternschlafzimmer mit Schrankwand hochhält. Wohnen darf man nicht nach Norden, nicht in Gegenden, in denen auch gearbeitet wird. Wohnen darf man nur 100 Prozent barrierefrei, klimatisiert und ausgestattet mit Rauchmeldern und Balkon. Die Addition all dieser gutgemeinten Standards führt zur Flächennot in den Städten, zur Unbezahlbarkeit von Wohnraum und zum Zwang zur Billiglösung.

Reset Standards. Die Option für gutes bezahlbares und nachhaltiges Wohnen liegt nicht in der Reduktion der Baukosten für steigende Standards. Wir sollten Standards infrage stellen und eigene, am Gemeinwohl und den Bedürfnissen des Einzelnen orientierte Regeln aufstellen. Was würde passieren, wenn die »Errungenschaften« der Standardisierung und Baugesetzgebung der letzten 100 Jahre hinterfragt würden? Was wäre, wenn die Trennung von Nutzungen durch Gebietskategorien aufgehoben würde, wenn es keine Begrenzung der Dichte, keine Abstandsflächen mehr gäbe, keine Mindest- und Maximalgrößen von Zimmern und Wohnungen?

Aus der Geschichte lernen. Die Schrecken eines solchen Szenarios kann der Blick zurück in die Vergangenheit mindern. Mit einem zeitlichen und kulturellen Reset »Back into the Future« können wir die heutigen Standards hinterfragen und zurück zu ehemals gültigen und bewährten Lösungen finden. Wir sollten dabei die von der Moderne in Verruf gebrachten Qualitätsstandards der dichten Gründerzeitquartiere ebenso achten wie die verschütteten Potenziale der Moderne, die radikalen Grundrisse, die Megastrukturen und die seriellen Lösungen.

Standards der Gründerzeit. Die weitgehend »standardisierten« Architekturen der Gründerzeit mit der Verwendung »natürlicher« und langlebiger Materialien wie massive Holzböden, atmungsaktive und ungiftige Putze und schmückende Details haben auch heute eine hohe Identifikationskraft. Die »Altbauwohnung« mit nutzungsneutralem Grundriss gilt heute als Paradebeispiel für »Adaptierbarkeit« und Wandlungsfähigkeit.

Das standardisierte Wohnen der Moderne. Interessant ist auch ein Blick auf die klassische Moderne, beispielsweise auf die Konzepte für die Wohnung des »Existenzminimums« von Bruno Taut und anderen, in denen auf minimalem Raum durch intelligente Ausstattung ein Höchstmaß an Gebrauchstauglichkeit entsteht. Aber auch eine allgemein noch ungeliebte Periode hat hervorragende Standards gesetzt: die Nachkriegsmoderne. Wir können aus den Fehlern, aber auch aus den Stärken der seriellen Abstraktion, der Einfachheit und konzeptionellen Strenge, den Grundrissen und innovativen Gebäudekonzepten dieser Zeit viel lernen. Die Krone der Schöpfung seriellen Bauens, der DDR-Plattenbau, zeigt Potenziale und Grenzen dieser Ansätze.

Retrograde Innovation. Heute werden totgesagte Konzepte wie das »serielle Bauen« oder Typenbauten wieder neu »erfunden« und zu Hoffnungsträgern für »bezahlbares Wohnen«. Der Glaube und Wille von Architekten und Ingenieuren, Systeme und Bauteile für jede Form von Bauwerk zu entwickeln, der in den 1960er und 1970er Jahren seine Blüte erlebte, wurde und wird den Architekten jedoch schon an den Universitäten und Hochschulen als überholter Ansatz und haftungsrechtliches Harakiri ausgetrieben. Es wird Zeit, ihn wieder zu finden.

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Henri Praeger und Dr. Jana Richter

Architekten, Berlin

Wohnraum individuell ausbauen. – Der individuelle Ausbau von Wohnraum eröffnet seinen Bewohnern die Möglichkeit, ihre Bedürfnisse in die für sie gebaute Umgebung einzubringen. Wohngebäude sollen entsprechend geplant werden.

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Eine robuste Grundstruktur, die als Teil der Stadt dauerhaft Bestand hat, ermöglicht Einheiten unterschiedlicher Größe mit vielfältigen Grundrissvarianten und Gestaltungsoptionen, die unabhängig voneinander ausgebaut werden können. Die Errichtung der jeweiligen Gesamtgebäude müsste in technischer, wirtschaftlicher und rechtlicher Hinsicht vom Ausbau der Wohnungen getrennt werden.

So werden Gebäude im Rahmen der gesetzlichen und baulichen Normen möglich, die den Bewohnern wertvolle Flexibilität für den individuellen Ausbau und für den zukünftigen Umbau bieten. Das Engagement der Nutzer prägt die entstehenden Nachbarschaften und gibt ihnen eine eigene Identität und sozialen Zusammenhalt.

Wohnungen müssen flexibel sein. Wohneinheiten, die sich an geänderte Wohnanforderungen anpassen, sich für neue Nutzungen konfigurieren lassen und gegenüber städtischen Veränderungen offen sind, erreichen dank ihrer Flexibilität hohe Akzeptanz und Dauerhaftigkeit. Die einzelne Wohnung passt sich an den jeweiligen Nutzer an und nicht umgekehrt. So kann beispielsweise aus der Familienwohnung mit vier Zimmern eine Rentnerwohnung mit untervermietetem Studentenzimmer werden oder ein großzügiges Singleappartement mit integriertem Büro.

Grundrisse bürgen für Raumqualität. Der Einsatz modularer Bauteile ermöglicht hohe Flexibilität bei der Grundrissgestaltung. Zahlreiche Grundrissvarianten sind denkbar, ohne dass ein Eingriff in die Gesamtstruktur des Hauses nötig wird. Vielseitigkeit und Veränderbarkeit im Wohnen erfordern allerdings konzeptionell vorgedachte Raumqualitäten, um sterile Nutzungsneutralität zu vermeiden. Gestalterische Angebote geben den Bewohnern Anregungen und Anreize, darüber hinaus individuelle Raumqualitäten zu schaffen.

Trennung von Gebäude- und Wohnungsstruktur ist nötig. Grundvoraussetzung für den individuellen Wohnungsausbau ist die wirtschaftliche, rechtliche und technische Trennung des Gesamtgebäudes (Rohbau und Außenhülle) vom Ausbau der Wohnungen. Der technische Ausbau der Wohnungen ist, anders als üblich, nicht wohnungsübergreifend, sondern innerhalb der einzelnen Wohnungen gelöst. So kann der individuelle Ausbau während der Errichtung des Rohbaus geplant werden, ohne dass Umplanungen im Gesamtprojekt notwendig sind. Der Ausbaustandard ist reduziert und einfach: Heizkörper anstelle von Fußbodenheizung, elektrische Leitungen über Putz, die einfach änderbar sind. Die konsequente Trennung von Roh- und Ausbau reduziert die Planungs- und Bauzeiten und damit die Gesamtbaukosten.

Lange und kurze Lebensdauer der Baustoffe wird berücksichtigt. Die Strategie des individuellen Ausbaus des Wohnraums setzt einzelne Bauteile entsprechend ihrem Lebenszyklus ein. Der Rohbau wird als langlebige robuste Grundstruktur der Stadt aus Beton errichtet, die Fassade passt sich unabhängig vom Rohbau immer wieder den Anforderungen des Klimaschutzes sowie gesetzlichen und technischen Vorgaben an. Der Ausbau der Wohneinheiten ist kurzlebig und unterliegt individuellen Ansprüchen.

Engagement und Aneignung wird gefördert. Für den individuellen Ausbau können die künftigen Bewohner unterschiedliche Standards – vom »Rundum-Sorglos-Ausbaupaket« über die eigenständige Beauftragung von Handwerkern bis hin zum Selbstausbau – wählen. Dadurch wird die soziale Vielfalt im Gebäude gefördert, da Mietwohnungen mit einem reduzierten Ausbaustandard, preiswerte Lofts für Gewerbe, Atelierwohnungen, Wohngemeinschaften und höherwertig ausgebaute Eigentumswohnungen innerhalb desselben Gebäudes entstehen. Aus dem besonderen Prozess der Aneignung der einzelnen Wohnungen durch die Nutzer resultiert ein Engagement, das auch der Hausgemeinschaft und dem Wohnumfeld zugutekommt

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Matthias Rottmann

Architekt, Köln

Monotonie ist Qualität. Serielles Bauen ist unromantisch. Es stellt weder den Schaffenden noch den zukünftigen Bewohner ins Zentrum des Entwurfsprozesses, sondern ist die Verschneidung eines egalisierenden Gesellschaftsbildes mit einem volkswirtschaftlichen Optimierungsgedanken.

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Das serielle Bauen scheint Opfer seines eigenen Erfolges geworden zu sein. Die pure Möglichkeit, in großem Stil immer wieder die gleiche Einheit zu reproduzieren, schien in der Vergangenheit so verlockend, dass dabei städtebauliche und gesellschaftliche Aspekte immer weiter ausgeblendet wurden. Letztendlich hat das serielle Bauen durch diesen Substanzverlust in West- wie Osteuropa spätestens 1989 ein Ende gefunden.

In den letzten Jahren sind wieder einzelne Projekte entstanden, die einen anderen Weg gehen. »Adaptable Prototypes« (anpassungsfähige Prototypen) und Kleinserien, die wie hochspezialisierte Medikamente für bestimmte Situationen oder funktionale Anforderungen eingesetzt werden können, bieten neue Ansatzpunkte auch für die gestalterische Qualität. Diese Typen sind für eine Aufgabe oder eine spezielle Situation entwickelt, werden kontinuierlich optimiert und somit besser als ein Unikat.

Neue Anwendungsmöglichkeiten für das serielle Bauen. Oft ist es in der Vergangenheit zur unreflektierten Wiederholung eines Typs und zur unreflektierten Anlage von monostrukturierten Großsiedlungen mit negativem Image gekommen. Seitdem fristet das serielle Bauen ein Nischendasein in unserer postfordistischen Gesellschaft, die den Gedanken der Optimierung von Prozessen und Produkten zwar als Grundprinzip versteht, sich aber dennoch nach Individualität sehnt. Doch im Zuge der aktuellen Wohnungsknappheit und der Notwendigkeit bezahlbaren Wohnraums nähern sich Architekten und innovative Auftraggeber wieder der Frage an, ob ein richtig verstandenes serielles Bauen eine Lösung für die drängenden Probleme sein kann. Dafür brauchen wir mehr Auswahl und speziellere, bessere und komplett entwickelte Entwürfe. Auch Typen ermöglichen architektonische und soziale Freiräume.

Der ökonomische Mehrwert der seriellen Architektur hat zwei Komponenten. Erstens entstehen bei wiederholtem Einsatz geringere Planungs- und Baunebenkosten. Zweitens resultiert aus einer tieferen Durchdringung des architektonischen Entwurfs eine Kosteneffzienz durch optimierte Bauprozesse, die Möglichkeit weitgehender Vorfertigung und eine geringe Fehlerquote. Die Wiederholung beim »Adaptable Prototype« oder der Kleinserie ermöglicht die Reduktion von Kosten und eine Steigerung der Effizienz und hält Ressourcen und Spielräume für die Schaffung von Mehrwert auf anderen Entwurfsfeldern vor – sowohl in architektonischer wie auch in sozialer Hinsicht. Dies setzt allerdings eindeutige Beschreibungen und Definitionen des Serientypus in Wort, Zeichnung oder mit einem Musterhaus voraus. Die Entscheidung des Auftraggebers für einen Typ, also die Auswahl zwischen verschiedenen Modellen, wird zum zentralen Moment im Entwurfsprozess.

Serielles Bauen ist mehr als Vorfertigung. In Teilbereichen des Bauens ist Serialität heute schon Normalität. Fassaden aus Stahl oder Aluminium und Glas bedienen sich standardisierter Pro]le, Details und existierender Anwendungs- und Effizienznachweise. Gleiches gilt auch für Lochfassaden mit Wärmedämmverbundsystem und Kunststofffenstern. Ähnliche Beispiele lassen sich für fast alle Bauteile finden: Decken und Dachsysteme, Türen und Systemwände, Treppen oder Aufzüge. Vorfertigung wird gerne als Indikator für Standardisierung oder »serielles Bauen« missdeutet. Ein hoher Vorfertigungsgrad reagiert jedoch vielmehr auf Fragen der Bauzeit, der Baulogistik und der räumlichen Verteilung und Verfügbarkeit von Arbeitskraft, Fertigungstechnik und Know-how. Serielles Bauen geht weiter. Sein wichtigstes Merkmal ist, dass im Zentrum des Entwurfes die Entwicklung eines Serientypus in Form eines vollständigen Gebäudes steht – also der Entwurf als ökonomisches und formales Gesamtkunstwerk. Dieser Typus kann mit geringen Anpassungen, die bereits im System vorgedacht sind, an verschiedenen Orten errichtet werden. Die Abweichungen vom Grundtyp betreffen vor allem die Nutzungen der Erdgeschosszone. Sie werden auch durch topografsche Eigenarten und städtebauliche Situationen bewirkt.

Serielles Bauen braucht richtige Rahmenbedingungen. Da erzielte Effizienzgewinne im seriellen Entwurf oft durch steigende Grundstückspreise wieder »aufgefressen« werden, sind serielle Architekturen insbesondere für die öffentliche Hand und deren Wohnungsunternehmen interessant. Beide verfügen über Flächenreserven oder haben einen exklusiven Zugang zu diesen und müssen sich den gesellschaftlichen Anforderungen nach bezahlbarem Wohnraum stellen. Es bedarf neuer Vergabeverfahren oder Wettbewerbsformen, die es erlauben, ein Produkt »zu kaufen« oder anzubieten. Dies ist bislang eine wesentliche Barriere für die Entwicklung marktreifer serieller Architekturen. Auch hier muss Innovation einsetzen.

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Prof. Dr. Sabine Pollak

Architektin und Architekturtheoretikerin, Wien, Linz

Wohnen, what else – Im österreichischen geförderten Wohnbau wird seit Jahren ständig an den Qualitätsstandards gearbeitet.

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Bäder werden größer weil barrierefrei, Küchenkonfigurationen passen sich den neuen Küchenblocks an, Balkone werden breiter, die Schalldämmung wird besser und die Brandschutzkonzepte lassen vermuten, dass Brandkatastrophen an der Tagesordnung sind.

Neben ökologischen und bautechnischen Standards sind es vor allem soziologische Standards, die als zusätzliche Qualität hinzugekommen sind. Kein Wettbewerb ohne Prozessbegleitung, kein Wohnbau ohne Partizipation, keine Baustelle ohne temporäres Kunstkonzept zur Vorabbelebung. Im städtebaulichen Kontext bedeutet dies: keine Stadtteilentwicklung ohne Baugruppen, die zur Belebung des Umfelds und zur Animation der Nachbarprojekte beitragen.

Wie würden wir heute jene Großwohnprojekte bauen, die in den 1960er und 1970er Jahren in allen europäischen Großstädten entstanden? In Wien steht eine solche Anlage im Süden der Stadt, der Wohnpark Alt Erlaa, von Harry Glück für 10.000 Personen geplant, bis heute eines der beliebtesten Wohnprojekte Wiens. Niemals würden wir es heute wagen, derart utilitaristisch vorzugehen: drei identische Baukörper, Wohnen bis ins 27. Geschoss und ein einziges Konzept für die Fassaden.

Auch in Alt Erlaa gibt ein hohes Maß an Gemeinschaftseinrichtungen, aber gemessen an der Anzahl der BewohnerInnen sind diese verschwindend klein. Viele andere, ähnliche Beispiele am Rand europäischer Städte waren weniger erfolgreich, wohingegen das Wiener Experiment aufgegangen ist. Voraussagen konnte das damals allerdings niemand, aber man ließ sich eben ein auf das Experiment.

Heutige Experimente sehen anders aus. Sie sind kleinteilig und differenziert, bunt und gegliedert. Sie erhalten vielversprechende Namen, sind moderiert und werden durch Blogs begleitet. Gemeinschaft im Wohnen ist wichtig, für die Kommunikation, die direkte Auseinandersetzung und auch für ein gewisses Maß an Reibung. Mittlerweile jedoch ist zu überdenken, ob nicht auch einfach nur Wohnbau gefragt sein könnte. Also eine gewisse einfache und robuste Rauheit, sowohl was das Konzept als auch was die Struktur betrifft.

Und es wäre auch zu überdenken, ob dies nicht zu einem neuen Standard werden könnte. Unsere Städte sind sauber und überwacht, unsere Wohnbauten tendieren auch in diese Richtung und eine allgemeine Wohlfühlarchitektur macht sich breit. Gemeinschaftsräume sind schön und gut, aber wenn deren Bespielung Betreuung benötigt, läuft etwas falsch.

Was heutigen Experimenten im verdichteten Wohnbau fehlt, sind Experimente in räumlicher, Material-forschender und ökonomischer Hinsicht. Warum müssen alle Wohnungen alle Kriterien erfüllen, von Ökologie und Nachhaltigkeit über Partizipation, umweltfreundlicher Baustelle, individuellen Balkonen und Garagenplätzen? Wo sind Experimente mit Vorfertigung? Was ist noch machbar im Wohnbau außer bunte Balkone und Loggien versetzt anzuordnen? Warum müssen Wohnbauten Namen erhalten? Fehlt es ihnen an baulicher Qualität und konzeptioneller Identität? Was haben uns die ganzen Standards gebracht? Wohnen wir wirklich besser als 1970?

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Stephan Walter

Architekt und Stadtplaner, Kempten

Wenn sich die Prognosen über den zusätzlichen Wohnungsbedarf der nächsten Jahre bewahrheiten, dann werden es Wohnungssuchende in vielen Regionen noch auf Jahre hinaus schwer haben. Demgegenüber dürfen sich die Akteure der Baubranche über die Aussicht auf volle Auftragsbücher freuen.

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Eigentlich wäre diese Situation für Architekten eine Steilvorlage, um mit innovativen Projekten und Konzepten Lösungsansätze aufzuzeigen für die zunehmend vielfältigen Wohnbedürfnisse.

Aber unsere eigenen Erfahrungen – wir arbeiten in der aufstrebenden Tourismus- und Wirtschaftsregion Allgäu – sind rückblickend eher andere.

Ein erstes Wohnungsbau-Projekt – die Konversion einer innerstädtischen Fläche – begann ab 2004 nach gewonnenem Wettbewerb vielversprechend: Neben konventionellen Geschosswohnungen sollte auch mit „gestapelten Reihenhäusern“, also übereinander liegenden Maisonette-Wohnungen, Wohnraum für junge Familien angeboten werden. Man hoffte, damit dem permanenten Wegzug in die sich ausbreitenden Reihen- und Einfamilienhaussiedlungen am Stadtrand oder in den Nachbargemeinden entgegenzuwirken.

Weitere Baukörper sollten für Baugruppen reserviert werden, um auch auf diesen Bedarf vorbereitet zu sein.
Doch es kam anders: die Maisonette-Wohnungen fanden kaum Interessenten aus der gedachten Zielgruppe, auch Baugruppen haben sich im weiteren Projektverlauf nicht gemeldet. Im Gegenteil, das neue Quartier schien interessant für eher ältere Menschen und Kapitalanleger unter dem Eindruck der Finanzkrise. Deswegen wurden die Wohnungen der späteren Bauabschnitte immer kleiner, meist 2-3-Zimmer-Wohnungen bekannten Zuschnitts.

Bei drei weiteren Wohnungsbauprojekten konnten wir ab 2011 zwar städtebauliche, atmosphärische und gestalterische Qualitäten in Verbindung mit robusten Grundrissen realisieren – neue, wirklich innovative Beiträge konnten nicht einfließen. Aspekte wie z.B. veränderbare Grundrisse oder Gebäudekonzepte für den individuellen Selbstausbau erwarteten unsere Auftraggeber nicht.

Aktuelle Wettbewerbsauslobungen bestätigen diesen Trend mit Anforderungen nach dem üblichen Wohnungsmix, barrierefrei und mit Wohnflächenbeschränkungen, die zu Kinderzimmern kleiner als elf m2 führen. Wettbewerbe begünstigen immerhin, dass konkurrierende Lösungsansätze innerhalb der Rahmenbedingungen diskutiert werden, etwas länger nachgedacht und die bessere Lösung realisiert wird.

Wir erleben in unserem Umfeld leider auch, dass Investoren die Gunst der Stunde nutzen und an städtebaulich sensiblen Standorten – rein vermarktungsorientiert – hochverdichtete Projekte realisieren, deren Qualität und Nachhaltigkeit fraglich sind. Zurzeit lässt sich eben jede Wohnung verkaufen, sie muss nur rasch gebaut sein.

Auch wenn der Druck groß ist: Gute Stadtentwicklung und Architektur braucht Zeit für alle am Planungsprozess Beteiligten. Wenn wir diese Zeit nicht aufwenden, werden wir uns in 20 Jahren fragen, wie das passieren konnte. Erleben wir ein Déjà-vu des massiven Geschosswohnungsbaus der 70er Jahre?

Bestehende Standards kritisch zu hinterfragen und neue Vorschläge zu diskutieren, ist dauerhaft erforderlich. Gelungene Beispiele zeigen am besten auf, dass es auch anders geht. Anreize dafür können beispielsweise Förderprogramme zum Experimentellen Wohnungsbau liefern. So wird vielleicht ein Perspektivenwechsel eingeleitet, damit die Möglichkeiten neuer Standards auch in der Gesellschaft als Potential erkannt werden.

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