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20. April 2015

Schule von der Stange?

Massenware oder Maßanfertigung
schule
Die Grundschule am Arnulfpark des Architekturbüros Hess Talhof Kusmierz, München: Gewinner des DAM-Preises für Architektur in Deutschland 2014. (Foto: the pk Odessa)

von Dr. Karl-Heinz Imhäuser
Vorstand Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft, Bonn
und Barbara Pampe
Architektin und Bereichsleitung Pädagogische Architektur, Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft, Bonn

10 Thesen für die Schule von heute

Der aktuelle Bestand der Schulhäuser und die gegenwärtig veranschlagten zweistelligen Milliardensummen zum Schul(um)bau in Deutschland werfen viele Fragen auf. Die folgenden Thesen behandeln zehn Aspekte (1), die an der Schnittstelle von Pädagogik und Architektur entscheidende Weichenstellungen für zukunftsfähige Schulbauten darstellen und unmittelbare Folgen für die architektonische und städtebauliche Gestalt der Schule haben.

These 1: Lernen benötigt viele und unterschiedliche Perspektiven, Zugänge und Ergebnisse.
Wissen ist heute zu jeder Zeit von jedem Ort der Welt mit einem Klick abrufbar. Der Schlüsselbegriff für die zukünftige Schule heißt deshalb – vereinfacht gesagt – nicht Wissen, sondern Können: Zeitgleich mit dem Erwerb elementarer Kenntnisse gilt es, Kompetenzen zum Umgang mit Wissen zu erwerben. Dabei ist es wichtig, durch unterschiedliche aktive Zugänge zum Lernen eine Vielfalt an Lernwegen und eine Vielzahl an Lernhandlungen zu ermöglichen.

Setzt man unterschiedliche Lernsituationen voraus, verliert das traditionelle Klassenzimmer als Instruktionsraum seine zentrale Funktion. Je nach Lernszenario gilt es, eine Wahlmöglichkeit zwischen unterschiedlichen Raumsituationen zu haben. Monofunktionale Nutzungszuweisungen werden vermieden, Mehrfachnutzbarkeit wird ermöglicht, offenere Grundrisse gewinnen an Bedeutung.

These 2: Gelernt wird allein, zu zweit, in der Kleingruppe, mit dem ganzen Jahrgang, Jahrgangsübergreifend und auch im Klassenverband.

Jedes Kind ist und lernt verschieden – gleichzeitig kann kein Kind alleine lernen. Es müssen in der Schule sowohl individuelle Lernerfahrungen als auch Erfahrungen in Teamarbeit von der Klein- bis zur Großgruppe gemacht und reflektiert werden können. Die soziale Organisation der Arbeitsformen muss systematisch variiert werden können.

Wenn Lernformen variiert werden und Räume für Differenzierung und Ganztag zu ergänzen sind, summiert sich der Flächenbedarf auf etwa 4-5 qm Nutzfläche pro Schüler/in. (2) Mit der intelligenten Integration bisheriger Erschließungsbereiche in Lernlandschaften können hierfür erhebliche Kapazitäten erschlossen werden. Dabei ist die Frage der räumlichen Organisation abhängig von der Durchlässigkeit und Transparenz zwischen den Räumen.

These 3: Ganztagsschule heißt lernen, bewegen, spielen, toben, verweilen, reden, essen und vieles mehr – in einem gesunden Rhythmus.

Veränderte gesellschaftliche Anforderungen wie auch die neuen Lehr- und Lernkonzepte erfordern die Umwandlung der Halbtagsschule in eine Ganztagsschule. Der Ganztag trägt entscheidend dazu bei, differenzierte Lernsituationen zu organisieren, um eine bestmögliche Förderung aller Lernenden zu ermöglichen.

Aktivitätsorientierte Raumkonzepte gehen angesichts hoch differenzierter Nutzungszyklen für ganztägiges Lernen von vielfältigen Mehrfachbelegungen aus. Zur Annäherung an die Bedarfe der künftigen Schulen sind genaue Aktivitätsstudien erforderlich, die nur fallspezifisch im Dialog definiert werden können.

These 4: Schulbuch und Kreidetafel werden ergänzt durch Tablet-PC, Smartboard und andere neue Medien.

Die Ausstattung einer Schule mit moderner Informationstechnologie ermöglicht neue Lernszenarien. Eine gute technische Infrastruktur bildet nicht nur im Büro, sondern auch im Schulbau die Maßgabe. Mit der Medialisierung wird eine hohe Anpassbarkeit an unterschiedliche Arbeitssituationen ermöglicht.

These 5: Förderung in einer inklusiven Schule geschieht in heterogenen Gruppen.

Schule soll Benachteiligungen von jungen Menschen ausgleichen – wodurch auch immer sie begründet sein mögen. Die Ratifizierung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen durch die Bundesregierung setzt klare Maßstäbe. Danach hat jedes Kind das Recht auf gemeinsamen Unterricht.

Räumlich lassen sich zwei Ebenen darstellen. Die harte Frage der Barrierefreiheit lässt sich an konkreten Anforderungen festmachen (Erschließung, Bewegungsflächen, Öffnungsmaße, Bedienelemente etc.). Dazu gibt es auch weiche Kriterien für die Unterstützung heterogener Gruppen. Die Forderungen nach Öffnung und Differenzierung erhalten hier nochmals eine Begründung, da sich in der inklusiven Schule das Spektrum der Lernformen deutlich erweitert.

These 6: Kulturelles und ästhetisches Lernen muss durch Pädagogik und Architektur vermittelt werden.

Lernen wird in der Lehr- und Lernforschung heute nicht mehr als eindimensional sprachlich-logisches oder mathematisch-operatives Lernen betrachtet, sondern schließt gleichberechtigt die Erweiterungen in Richtung musikalisches, kinästhetisches, emotionales und räumlich-gestalterisches Lernen mit ein.
Das Gebäude macht Raum in all seinen Dimensionen unmittelbar erfahrbar. Materialität, Licht, Farbigkeit, Proportion, Fügung, Detail und vieles andere mehr sind direkter Teil einer Alltagserfahrung, in der die ästhetische und baukulturelle Bildung eine zunehmende Bedeutung erfährt.

These 7: Lernen in Gesundheit und Bewegung findet in anregender und weiträumiger Umgebung statt.

Gute gesunde Schulen integrieren Bewegung, Spiel und Sport als Grundprinzip von Leben und Lernen in ihren Schulalltag und bieten vielfältige Bewegungs- und Entspannungsangebote.

Motivation und Kognition, Gesundheit und Wohlbefinden sind unmittelbar abhängig von bauphysikalischen Qualitäten, die im Rahmen von integralen Planungskonzepten gelöst werden müssen. Dazu können z. B. angemessene Lehrerarbeitsplätze dazu beitragen, entlastende Arbeitsformen zu etablieren.

These 8: Demokratisches Lernen benötigt eine demokratische Schule.

Demokratie „im Großen“ beruht auf Gewaltenteilung, politischer Gleichheit und der uneingeschränkten Achtung der Würde aller Menschen. Demokratisches Handeln von Einzelnen im Kleinen ist notwendig, um miteinander in gelingender Kommunikation und Konfliktlösung zu leben.

Kommunikation steht im Mittelpunkt der aktuellen pädagogischen Debatte um beständig wechselnde Lernformate. Entsprechende Rahmenbedingungen für die Ausbildung kommunikativer Orte zu schaffen, ist eine zentrale Anforderung für den Schulbau.

These 9: Schule ist im Umgang mit Umwelt und Technik ein Vorbild.

Die Nachhaltigkeitsdiskussion ist auf breiter Ebene in der Schuldiskussion angekommen und bewegt sich zwischen den drei Themenfeldern soziale, ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit.

Maßnahmen zur ökologischen Sanierung im Schulbau erfolgen oft aus rein energetischer Sicht ohne Berücksichtigung pädagogischer Belange. Gerade in einer Verschränkung von technischer Sanierung, pädagogisch-organisatorischer Reorganisation und gestalterischer Erneuerung liegen aber zentrale Entwicklungschancen für zukunftsfähige Schulen.

These 10: Die Schule öffnet sich zur Stadt – die Stadt öffnet sich zur Schule.

Mit dem Übergang zur kompetenzorientierten Schule, die ganztägig betrieben wird, muss eine Öffnung von innen nach außen und von außen nach innen vonstattengehen. Die Verbindung mit dem Umfeld und dem Quartier ist nicht nur für die Schule, sondern auch für die Stadt von grundlegender Bedeutung.

Es sind zwei Tendenzen ablesbar: Beim Konzentrationsmodell ist die Schule gemeinsam mit anderen Einrichtungen in einem Gebäude untergebracht; beim Dispersionsmodell steht die Vernetzung unterschiedlicher, oft schon bestehender Bausteine zu einer Bildungslandschaft im Mittelpunkt. In beiden Fällen müssen berechtigte Interessen der Bildungseinrichtungen sowie des Quartiers miteinander abgestimmt werden.

1 Die 10 Thesen werden hier stark verkürzt dargestellt. Ausführliche Darstellung in: Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft/Montag Stiftung Urbane Räume (Hg.) (2012): Schulen planen und bauen. Grundlagen und Prozesse. Autorenteam: Erich Hubeli, Ulrich Paßlick, Kersten Reich, Jochem Schneider, Otto Seydel. Berlin/Seelze. 2 Hierzu detailliert: Montag Stiftung Urbane Räume/Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft/Bund Deutscher Architekten/Verband Bildung und Erziehung (Hg.) (2013): Leitlinien für leistungsfähige Schulbauten in Deutschland. Bonn.

 

6 Gedanken zu „Schule von der Stange?“

  1. Gegen ein Grundgerüst, sozusagen ein individuell anpassbares Modell von der Stange spricht meiner Meinung nach nichts. Ich könnte mir gut vorstellen, mit Modulen für verschiedenste Schulen zu arbeiten und diesen dennoch einen eigenen Charakter zu geben. Diese Module, übersetzt in einen städtebaulichen Maßstab, könnten in Zukunft eine wichtige Rolle spielen, um Bildung in den wachsenden Städten gerecht zu werden.

  2. LERNWERKSTATT
    In erster Linie muss sich die Einstellung vieler Mitbürger gegenüber Bildung und Weiterbildung ändern. Lebenslanges Lernen in offenen Strukturen, lernen in durchlässigen Ebenen – eine Architektur, die darauf reagiert.
    Wir sind gefordert, bestehende Strukturen zu adaptieren und neue zukunftsweisend zu gestalten.
    Schaffen wir eine Lernwerkstatt.

  3. Meine Generation wurde noch unter dem alten umgekehrten Seneca-Zitat „Non scholae, sed vitae discimus“ relativ zügig hin zum Abitur geschleust. Tatsächlich empfanden wir Schüler das natürlich umgekehrt, was in uns den Antrieb, die Institution so schnell als möglich hinter uns zu lassen, beflügelte. Wir waren gierig nach Neuem und dem Überwinden des Bestehenden. Alles ging uns irgendwie zu langsam – mit Ausnahme der Mischüler, die Lehrer werden wollten. Ich erinnere mich an alte und neue Schulgebäude, an festgefügte Orte getränkt mit Kreidemief und Schweiß, an Repräsentanz und Brüchigkeit, an den Spaß durch Erfolge und die Tränen im Scheitern. Es gab sehr viel Reibung, und das Gefühl, dazu zu gehören war das Schönste. Man bewegte sich zwischen mehr oder weniger klar definierten Regeln, die auch gebrochen werden konnten/mussten, und diese Gratwanderung zwischen Wagnis und Anpassung machte uns fit für das spätere Studium.

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    Heute sind die Zeiten andere. Wir waren Fans der Moderne. Vielleicht im Sinne der Defintion Zygmunt Baumans, der sie als das wesentliche Element der Erzeugung von Ordnung definierte. Eine Ordnung im Sinne von Erkennbarkeit, Durchschaubarkeit und Klarheit. Der braune Mief der Vergangenheit wehte damals noch durch viele Hirne und Gebäude. Während des Architekturstudiums berauschten wir uns an Fritz Hallers Schulen in der Schweiz und schwärmten von guten Details, Flexibilität zwischen den Tragstrukturen und minimierten Querschnitten.

    Zeitsprung: Mittlerweile sind unsere Kinder erwachsen und Heerscharen von Politikern haben junge Menschen für ihre jeweiligen Zielsetzungen benutzt. Der Föderalismus ermöglicht jedem Bundesland eigene Experimentierfelder, die nur in den seltensten Fällen der Zielgruppe, nämlich den jungen Menschen zu Gute kommen. Statt gemeinsame verbindliche Standards vorzugeben zersplittert die Welt des Lernens und der Bildung an Ländergrenzen. Ideologien des Nivellierens ebnen Unterschiede ein und predigen gleichzeitig Individualismus, Flexibilität wird als zeitgemäßer Wert gehandelt. Prinzipiell sind alle Voraussetzungen für gutes Lernen, aneignen von Bildung und Erlangen von Fertigkeiten vorhanden bzw. verfügbar – und doch, die Schule ist voller Probleme.

    Warum ist das so? Kinder und Jugendliche sind wissbegierig, wollen lernen, Neues erfahren, entdecken, sich intuitiv entwickeln. Deshalb lautet heute die simple Formel, schafft ihnen einen angenehmen Rahmen, schafft die Unterschiede ab und alles läuft dann bestens. Wenn das so wäre, hätten wir das Paradies in greifbarer Nähe, doch die Realität sieht anders aus: Lehrer, die es nicht erwarten können, endlich mit unter 60 in den Ruhestand zu gehen, gefrustet von Helikoptereltern und aggressiven oder teilnahmslosen Schülern; Schüler, die aufgrund normalen Verhaltens mit Ritalin vollgepumpt werden, um sie den scheinbar richtigen Normen anzupassen; Eltern, die auf dem Recht bestehen, ihr Kind (18) bei Regen im SUV direkt vor die Schultüre fahren zu dürfen und ähnliches mehr.

    So, und jetzt bauen wir eine Schule! Wir sind dabei in Bundesland X und hier regieren die Parteien A, B und C. (Eigentlich brauchen wir ja gar keine Schulen mehr! Siehe demografischer Wandel). Aber wenn doch, was dann? Also, legt mal los, und nicht vergessen: „Lernen benötigt viele und unterschiedliche Perspektiven, Zugänge und Ergebnisse. Gelernt wird allein, zu zweit, in der Kleingruppe, mit dem ganzen Jahrgang, Jahrgangsübergreifend und auch im Klassenverband. Ganztagsschule heißt lernen, bewegen, spielen, toben, verweilen, reden, essen und vieles mehr – in einem gesunden Rhythmus. Schulbuch und Kreidetafel werden ergänzt durch Tablet-PC, Smartboard und andere neue Medien. Förderung in einer inklusiven Schule geschieht in heterogenen Gruppen. Kulturelles und ästhetisches Lernen muss durch Pädagogik und Architektur vermittelt werden. Lernen in Gesundheit und Bewegung findet in anregender und weiträumiger Umgebung statt. Demokratisches Lernen benötigt eine demokratische Schule. Schule ist im Umgang mit Umwelt und Technik ein Vorbild. Die Schule öffnet sich zur Stadt – die Stadt öffnet sich zur Schule.“

    So, ihr Architekten, jetzt füttert mal eure Zeichenprogramme mit diesen von klugen Leuten ausgedachten Vorgaben und lasst aus eurem Plotter die demokratische Schule raus! (Ach, es gibt bei Euch noch kein Programm für Demokratie? Bullshit!) Naja, immerhin, die Schule ÖFFNET sich zur Stadt. Das kriegt man schon hin. Wie sich die Stadt zur Schule hin öffnet – fragt mal den OB! Ach übrigens, da steht wieder nichts von Kunst. Hamse wohl vergessen.

    Ich bin sicher, dass Schulen immer zwei Pole brauchen: die gute Orientierung (Funktionalität) und das Versteckte (Intuition). Leben und Lernen sind immer ambivalent. Aber auch diese weiten (geistigen) Räume brauchen Wände, Begrenzungen, Leitplanken. Man kann nicht nur geradeaus rennen, ohne anzustoßen. Eben. Baut Winkel und Kurven ein, aber macht sie erfassbar statt unübersichtlich. Und haut die Moden in die Rundablage, auch morgen und übermorgen muss das Gebaute Bestand haben, denn es ist kein Geld dafür da, jede Mode neu zu inszenieren und zu finanzieren! Also baut – nein, nicht nachhaltig, dämliches Wort – baut beständig, solide, werthaltig! Baut einzigartig, damit Erinnerungen haften! Damit Identifikationen enstehen! damit man weiß, wo man ist bzw. wo man war! So entsteht Geschichte!

    Und noch ewtas: Smartphones werden die Schule nicht verändern, allenfalls den Umgang mit den Wissensinhalten. Und wenn „kulturelles und ästhetisches Lernen durch Pädagogik und Architektur vermittelt“ werden soll braucht es zuerst eine gesellschaftliche Übereinkunft, die dem einen höheren Wert beimisst als der PS-Zahl des Kindertransporters! Und demokratisches Lernen geht nur da, wo auch demokratisch festgelegte Mehrheiten durchsetzungsfähig sind, statt durch blökende inkompetente Minderheiten ausgehebelt zu werden. Und am Ende bleibt festzustellen: Nicht alles ist mehrheitsfähig, unter anderem die Architektur, die Kunst, die Literatur. Hier gilt keine Abstimmung, sondern die Auseinandersetzung, der Diskurs. Und wie ich das heute so beobachte, muss der erst mal wieder gelernt werden. Das ist eine der fundamentalen Aufgaben der Schule: nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern daraus Können und Fähigkeiten zu entwickeln. Wo allerdings nur die Kontingenz das sagen hat, nämlich alles immer auch anders sein kann, entwickeln sich keine Lebensläufe. Das Leben kann verdammt anstrengend sein, weshalb Schule Frustrationstoleranz vermitteln muss. Eine Wohlfühlanstalt darf sie genausowenig sein wie ein Folterinstitut. Für mich wäre die ideale Schule ein einprägsames vielseitiges Gebäude, das dabei hilft, jungen Menschen eine Haltung und Selbsbewusstsein zu geben, damit sie eine gewisse Stabilität in weiter ungebremstem Komplexitätswachstum erlangen.

    W. Otto Geberzahn
    Architekt, Journalist, Künstler

  4. Was mir bei der ganzen Diskussion nicht so recht einleuchten will: Warum läuft sie total konträr zu derjenigen, die wir momentan in den Bereichen Wohnungs- und Städtebau führen?

    Dort sind sich alle einig, dass es neben der Qualität des öffentlichen Raums und der Freiflächen vor allem auf die Flexibilität/Revidierbarkeit und die Nutzungsneutralität der Gebäude ankommt – deswegen der Run auf die Gründerzeitquartiere und -wohnungen.

    Wenn ich mir jedenfalls meinen Kleiderschrank ansehe, weiss ich: Der Maßanzug von heute ist in fünf Jahren zu eng, und ändern ist nicht…

  5. Kosten für Schulsanierungen verdoppeln sich auf neun Milliarden Euro
    „Neun Milliarden Euro in 15 Jahren: Ein Schulbauprogramm mit diesem Volumen dürfte einzigartig in Deutschland sein und stellt München vor große Herausforderungen. In den kommenden 15 Jahren sollen 45 neue Schulen entstehen, darunter 24 Grundschulen, fünf Realschulen und sieben Gymnasien.
    Daneben stehen zahlreiche Generalinstandsetzungen und Erweiterungen an. Alleine 60 Grundschulen sollen umfangreich saniert werden. Lange ist an Münchens Schulen baulich kaum etwas passiert. In den vergangenen 20 Jahren wurden in München lediglich 13 neue Grundschulen gebaut und 18 bestehende saniert.“
    Melanie Staudinger in der SZ, 19.10.2015
    http://www.sueddeutsche.de/muenchen/verdoppelung-binnen-weniger-tage-die-rechenkuenstler-vom-bildungsreferat-1.2698878

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Stefan Behnisch

Architekt, Stuttgart, München, Boston

Es ist natürlich schwer vorauszusehen, welchen Weg die Pädagogik in den nächsten 20 bis 30 Jahren einschlagen wird. Die bisherige Entwicklung des Schulbaus ist seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert von einer Sozialisierung geprägt.

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Er hat sich vom Elitären hin zu einer offenen Schule für alle entwickelt. Dabei handelt es sich meistens um öffentliche Bauaufgaben und insofern ist es entscheidend, dass die Baukultur eine übergeordnete, verpflichtende Rolle bei der Betrachtung des Schulbaus spielen sollte.

Wenn wir davon ausgehen, dass Schule heute jedem zugänglich sein sollte, nicht entfremden, nicht ausgrenzen und nicht beängstigen sollte, so ist es schlüssig, sich von den elitären „Bildungsburgen“ des ausgehenden 19. Jahrhunderts abzuwenden. Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich eine starke Demokratisierung und auch das Grundprinzip des Egalitären durchgesetzt.

Der Unterricht selber hat sich in ähnlichen Zyklen einer Demokratisierung entwickelt, weg vom klassischen Prinzip des Frontalunterrichts hin zu anderen Formen: zum Gruppen-, zum Projekt-, und zum selbstgestalteten Unterricht. Insofern müssen die Schulräume und ihre Anordnung flexibel gestaltet sein. Jede denkbare Unterrichtsform sollte in Zukunft möglich sein.

Im 20. Jahrhundert haben verschiedene Reformschulen von sich reden gemacht: die Waldorfschulen, aber auch Summerhill, Montessori und ähnliche Schulformen, die auch immer bzw. oft eine eigene, besonders geprägte Architektursprache hatten. Nicht zuletzt hat sich diese Sprache durch gewisse Unterrichtsformen entwickelt, zum Beispiel die Montessori-Schule, die neben den Klassenräumen Gemeinschaftsbereiche hat, die für den individuellen und den Projektunterricht geeignet sein sollten.

Diese Art des Unterrichts, die Clusterbildung, wird nun auch mehr und mehr von Schulen in öffentlicher Trägerschaft verfolgt. Schon allein hier ist erkennbar, dass natürlich neben den üblichen Schwankungen, zum Beispiel in den Klassengrößen und in der Lehrerverfügbarkeit ein Experimentieren mit verschiedenen pädagogischen Konzepten eine hohe Flexibilität im Schulbau verlangt.

Entscheidend ist jedoch nach wie vor, dass der Schulbau für die Kinder erkennbare kulturelle Werte haben muss, dass er architektonisch anspruchsvoll gestaltet sein muss, dass er Kindern ein Heim bietet, in dem sie aufwachsen in dem Bewusstsein, dass ihre Schule nicht nur Ort des Lehrens und des Lernens, sondern auch eine kulturelle Heimat ist. Das ist gerade deshalb besonders wichtig, weil die Verweildauer in der Schule ständig zunimmt und Elternaufgaben wie u.a. die Versorgung hierher verlagert werden. Rückzugs- und Ruhebereiche, Räume für Frühstück und Mittagessen fördern darüberhinaus die Kommunikation untereinander. Schule ist zunehmend zum Lernort für soziale Kompetenzen und Integration geworden.

Die Pädagogik und somit auch der Schulbau waren noch nie Ziel von Revolutionen, sie waren eher Gegenstand von Evolutionen. Die verschiedenen pädagogischen Richtungen und Schulkonzepte waren jedoch immer einer Entwicklung oder einer Wandlung unterzogen, angetrieben durch gesellschaftliche Entwicklungen. So sollte es auch der Schulbau halten: Er sollte den kulturellen, gesellschaftlichen, pädagogischen und den kindespsychologischen Entwicklungen nicht nur folgen können, sondern diese ermöglichen und fördern.

Ein Gedanke zu „Stefan Behnisch“

  1. Schüler brauchen gleichmässig viel Tageslicht, Raum und eine inspirierende, aber auch möglichst neutrale Umgebung. Außerhalb dieser Bedingungen haben wir als Architekten bei der Gestaltung von Schulen also recht viel Freiraum und die gerade in der Gestaltung von Farbe, Raum, Licht und Raumprogramm. Ich stimme also hier Herrn Behnisch vollkommen zu, wenn er über die zunehmende Anforderung von kulturellen Werten im Schulbau spricht. Pädagogik und Schulbau sind tatsächlich kein Ziel von Revolution, sondern lediglich Ergebnis und Entwicklung innerhalb eines allgemeinen Lehrwandels.

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Dr. Carolin Lutz

Lehrerin und Mutter eines ehemaligen Schülers am Gisela-Gymnasium, München

Pavillonbauten, Containerbauten, Interimsbauten, und wie man sie alle bezeichnet, mit Holz, Stahl und anderen Materialien, leicht, flexibel und kosteneffizient, eingeschossig oder mehrgeschossig. Landauf, landab im Gespräch.

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Von Pop-Up-Stores und temporären Ausstellungen bis zu mondänen Wohnhäusern und Bürogebäuden: sie irritieren, provozieren und inspirieren, während sie zugleich funktionale und ästhetische Maßstäbe setzen.

Ob und wann welcher Container aber für ein anstehendes Projekt am besten geeignet ist, bleibt die große Frage. Und wer hat wirklich schon einmal in einem Container gehaust? Wer hat schon einmal die Wohnschiffe für Asylanten in Hamburg besucht? Wer hat einmal Behelfscontainerschulbauten besichtigt? Wer hat mehrfach Elternabende und Elternbeiratssitzungen in solchen Räumen mitgemacht? Wessen Kinder wurden dort unterrichtet?

Raumknappheit ist an Schulen immer wieder ein ernstes Problem. Steigende Schülerzahlen, neue Unterrichtsanforderungen oder notwendiger Sanierungen bedingen vielfach in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen kurzfristig Erweiterungsbauten. Schulcontainer stellen gerade bei akuten Platzproblemen eine besonders wirtschaftliche Lösung dar. Sie werden immer mehr als vorübergehende oder auch als langfristige Raumlösung aufgestellt.

Bei aller Coolness. aber um welchen Preis. Als anlässlich der Generalinstandsetzung und Erweiterung des Gisela-Gymnasiums in München 2007-2010 ca. 21 Klassenräume als Container-Provisorien im Schulinnenhof und im gegenüberliegenden Berufsbildungszentrum errichtet und genutzt wurden. Dicht über der Schüler schwebende Neonleuchten, kahle Wände in Holzoptik. Nackte Wände, Wandbehänge waren tabu. Ein satter Geräuschpegel, durch die schlechte Akustik war der Krach in diesen Räumen erheblich größer als sonst. Ein Wanken und Schwanken, man konnte die Vibrationen unter den Füssen richtig spüren, sobald jemand einen Fuß auf den Boden setzte. Gruppenarbeit war so gut wie ausgeschlossen, da sich die Schüler in den Räumen nicht gut verteilen ließen. Die Jahreszeiten waren unmittelbar und direkt erfahrbar, schnell wechselnde Temperaturen, sommers zu heiß, winters zu kalt. Ganz zu schweigen von der Luft und dem Mief.

Als unumgängliches Provisorium sind Schulcontainer vielleicht hinnehmbar, aber nicht die pervertierte Regel. Versäumnisse in einer intelligenten Schulbaupolitik dürfen nicht auf den Rücken der Schüler, Eltern und Lehrer ausgetragen werden.

2 Gedanken zu „Dr. Carolin Lutz“

  1. Danke für diesen Erfahrungsbericht! Es ist traurig zu hören, wie schief etwas laufen kann. Ich finde, modulares Bauen sollte möglich sein, jedoch mit einem strengen Kriterienkatalog.

    1. Aber ist zuviel Strenge und Kontrolle für die Architektur nicht auch immer gefährlich?
      Die Architektur kann immer nur so gut sein wie das Modul… wie der Kriterienkatalog. Um da tatsächlich etwas sinnvolles auszuarbeiten, benötigen wir einmal alle Parteien an einem Tisch!

Kommentare sind geschlossen.

Prof. Zvonko Turkali

Architekt, Frankfurt am Main

Wenn ich an die Gebäude in der Kindheit zurückdenke, die meine Entwicklung besonders beeinflussten, zirkeln die Gedanken um das Elternhaus, die Kirchen und die Schulen herum.

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Interessanterweise sind mir bei Schulen weniger die Unterrichtsräume, sondern vielmehr andere Bereiche in Erinnerung geblieben. Ich denke dabei an die Fassade der Häuser und den Zugang, so auch an die Aula, die Turnhalle und ganz gewiss an den Pausenhof. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass in diesen Räumen keine Klassenarbeiten geschrieben und keine Noten vergeben wurden und ich zudem gerne Sport machte. Auch damit, dass die Räume samt Pausenhof, aus meiner kindlichen Perspektive betrachtet, großzügig wirkten. Im Nachhinein würde ich sagen, dass ich sehr schöne Schulen besucht habe. Sie alle waren auf ihre Weise besonders, mit eigener Physiognomie und eigenem Geruch. Sie gaben mir ein gutes Gefühl der Geborgenheit. An meine Lehrer erinnere ich mich selbstverständlich auch. Darunter waren viele tolle Menschen, die mich sehr geprägt haben, wofür ich heute noch eine tiefe Dankbarkeit empfinde.

Die prognostizierte Beschleunigung des Bevölkerungswachstums in unseren Ballungsräumen stellt uns einmal mehr vor die Frage, wie wir das Bildungsangebot sicherstellen können. Die in den siebziger Jahren weitgehend vorgefertigten, nach wirtschaftlichen Kennwerten maximierten, funktional determinierten und – leider nicht selten – charakterlosen Modelle können uns als Leitbild nicht weiterhelfen. Die jüngere Geschichte hat bereits gezeigt, dass vor allem diese Schulbauten wenig funktional sind, weil sie in ihrer Rigidität jegliche Flexibilität verbauen, und zudem wenig Freiraum für die individuelle Förderung von Kindern bieten.

Um die notwendigen Einrichtungen schneller verfügbar zu machen, werden kurzfristig vielerorts provisorische Bauten, wie Containeranlagen und Baukastensysteme erforderlich sein. Doch der zeitliche Druck sollte uns nicht daran hindern, nach langfristigen Lösungen zu suchen.
Schulen sind besondere Häuser unserer Kommunen und zwar unter städtebaulichen, architektonischen und freiraumplanerischen Aspekten zugleich. Weil sich die städtebaulichen Situationen jedoch unterscheiden, die pädagogischen Konzepte nicht in Stein gemeißelt sind und die freiräumlichen Anforderungen differieren, gibt es im Schulbau keine Patentrezepte. Jeder Ort ist anders und bedarf einer maßgeschneiderten Lösung.

Die beste Investition unserer Gesellschaft ist die in die Bildung unserer Kinder. Und: Die Architektur der Schulen entscheidet über die Umsetzung der pädagogischen Konzepte und das Zusammenleben von Lehrern, Kindern und Jugendlichen. Beides ist bekannt. Es schadet nicht, es immer wieder zu wiederholen.

Erlauben Sie mir zum Schluss noch eine Randbemerkung: Meine Erfahrungen als Preisrichter bei planerischen Wettbewerbsverfahren in München sind durchgängig positiv. Ihre präzise und gewissenhafte Vorbereitung hat Vorbildcharakter. Die Diskussionen in den Preisgerichtssitzungen folgen einem gemeinsamen Ziel: Welcher Beitrag liefert die beste Lösung für die gestellte Aufgabe? Damit stellen alle Beteiligten des Verfahrens die soziale, kulturelle sowie geschichtliche Dimension von Architektur heraus. Sie machen deutlich, dass die Architektur eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist.

Prof. Tobias Wulf

Architekt, Stuttgart

Das ist ein sehr großes Thema. Wenn man betrachtet, was sich im schulpädagogischen Bereich in den letzten 50 Jahren verändert hat, ist eigentlich kaum noch etwas so, wie es traditionell einmal war.

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In meiner Grundschulzeit gab es ausschließlich Frontalunterricht und es war völlig normal, wenn man hin und wieder vom Lehrer eine Backpfeife bekam oder mit dem Lineal auf die Finger. All das ist heute ein absolutes Tabu. Auch die klassischen Schulbauten mit ihren streng gegliederten, lang gestreckten Fassadenfronten und ebenso langen Fluren gehören der Vergangenheit an.

Schulbau war aber eigentlich nie ein Thema für Stararchitekten. Es sei denn, die Pädagogik war ihnen ein echtes Anliegen, so wie etwa bei Richard Neutra oder Hans Scharoun. Und diese Architekten sind im Schulbau heute wieder ganz aktuell! Es wäre eine Freude, heute dort anzuknüpfen und aufgelöste, baukörperlich stark gegliederte Schulbauten zu entwerfen. Sie würden perfekt zu den heutigen Lernhauskonzepten passen. Wenn nur das alles bestimmende Verdikt der Nachhaltigkeit nicht wäre, das solche Schulbauten ins Reich der Träume verabschiedet hat. Wir müssen uns von diesem falsch verstandenen Nachhaltigkeitsbegriff lösen, der sich vorrangig an der Kompaktheit der Baukörper, der Minimierung der Fenster und der Maximierung der Dämmschicht orientiert.

Bildung ist die Grundlage dafür, auf welchem Niveau wir zukünftig Gesellschaft leben und kulturelle Werte schaffen. Auf dem Sektor der Schulbildung wird viel experimentiert und manche Neuerung wird auch wieder rückgängig gemacht, aber es gibt kontinuierliche Entwicklungen, die Bestand haben, wie beispielsweise die des Lernhauskonzeptes. Dafür gilt es, räumliche Lösungen zu finden, die umsetzbar sind – auch bei den gestiegenen Anforderungen an die Bautechnik und die Genehmigungsfähigkeit, insbesondere beim Brandschutz. Dies hat unmittelbare Auswirkungen auf das architektonische Erscheinungsbild, beispielsweise in Form von Fluchtbalkonen.

Hinzu kommt, dass Schulbau schnell gehen muss. In zuzugsstarken Städten wie München oder Freiburg muss in den nächsten Jahren eine große Anzahl an Schulen gebaut werden. Aus diesem Grund sah sich die Stadt München veranlasst, neue Wege für eine rasche Realisierung von Schulen zu gehen. Sie schrieb einen Architektenwettbewerb für eine modulare Bauweise nach dem Lernhausprinzip aus, die für viele Schulneubauten anwendbar ist. Wir als Architekten standen diesem Ansatz zunächst kritisch gegenüber. Hatten wir nicht vor 40 Jahren schon einmal so etwas? Typenschulen, seelenlose Lehranstalten, die heute auch aufgrund ihrer baulichen Ausstrahlung und Inflexibilität keiner mehr mag. Diesen Fehler zu vermeiden und das Problem trotzdem zu lösen, das war für uns die Herausforderung bei der Bearbeitung dieser Aufgabe. Wir sehen es als Experiment – mit offenem Ausgang.

Die Lösung liegt für uns in der Architektur. Wir sind der Meinung, dass es einen einprägsamen, starken Raum braucht, in dem man lernt, denn Lernen bedeutet heute ganztägigen Aufenthalt, also Heimat in der Schule. Bei unserem Vorschlag für vier Grundschulen in München sind dies Deckengewölbe, die eine beschützende und identifizierende Ausstrahlung haben. Diese vorgefertigten Tonnenschalen sind modular aneinandergereiht und sollen den Lernhäusern einen starken Erinnerungswert geben, sozusagen für das ganze Leben, denn dafür lernen wir ja. Aber vier oder noch viel mehr Schulen, die alle gleich aussehen? Ist das der richtige Weg? Ich meine, was wirklich gut ist, darf auch mehrfach vorkommen. Variationen entstehen dadurch, dass manche Schulen eine Kita oder eine Sporthalle integrieren oder durch die unterschiedliche Anzahl an Zügen. Das Lernhausmodul bleibt immer gleich, während sich die allgemeinen Bereiche verändern.

Ob das die Zukunft im Schulbau ist, vermag ich nicht zu sagen. Das Ende des Experiments ist wie gesagt offen. Sicher ist für mich nur, dass herausragende Architekturqualität in guter Bauqualität immer am längsten Bestand hat.

Paul Bickelbacher

Stadt- und Verkehrsplaner SRL, Stadtrat der Landeshauptstadt München Bündnis 90/Die Grünen

Schulen sollen so gestaltet sein, dass sie von außen einladen hinein zu gehen und innen dazu einladen da zu bleiben. Nachdem sich vermehrt der Ganztagsunterricht durchsetzt, erhält der „Wohlfühlfaktor“ einen deutlich höheren Stellenwert als zuvor.

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Schließlich verbringen Schülerinnen und Schüler – abgesehen von den Ferien – ähnlich viel Zeit in der Schule wie zuhause.

Schulen sind nicht nur Lernort, sondern auch Ort der Begegnung und der Gemeinschaftserlebnisse – und zunehmend Ort der Integration und der Inklusion. In vielerlei Hinsicht ist eine Schule eine kleine Stadt. Wichtig sind Überschaubarkeit, „Landmarks“, die die Orientierung erleichtern und Räume oder Bereiche, die Identität stiften. Wie im städtische Raum, belebt eine gewisse Mischung der Funktionen, der Raumgrößen und der Jahrgangsstufen das Umfeld. Das Münchner Lernhauskonzept, nach dem inzwischen in München alle Schulen gebaut werden, greift die genannten Anforderungen auf. Ein Lernhaus versteht sich als eine „kleine Schule“ innerhalb der großen Schulgemeinschaft.

Neben diesen pädagogisch motivierten Anforderungen sind ganz praktische und neue Aufgaben zu erfüllen, die durch den Ganztagsunterricht bedingt sind, nämlich Arbeitsräume für Lehrerinnen und Lehrer, Aufenthaltsräume für die Schülerinnen und Schüler, eine Mensa (die auch Veranstaltungsort sein sollte) und möglichst eine Küche, die für eine Frischkostverpflegung geeignet ist. In der rhythmisierten Ganztagsschule sollten auch viele Angebote stattfinden (z. B. das Erlernen eines Musikinstrumentes, Theatergruppe, Sport), die sonst am Nachmittag außerhalb der Schule nachgefragt werden. Frei- und Bewegungsflächen auf dem Schulhof und darüber hinaus sind unerlässlich, um den zunehmenden Bewegungsmangel unter Kindern und Jugendlichen entgegenzutreten.

Diese funktionalen Anforderungen sind unter Rahmenbedingungen umzusetzen, die angesichts der begrenzten Flächen in einer boomenden Stadt eine kompakte mehrgeschossige Bauweise nahelegen. Die Dachflächen sollten sinnvoll nutzbar sein und eine multifunktionale Nutzung für das umgebende Stadtquartier würde maßgeblich zum Flächensparen beitragen. Aus Klimaschutzgründen ist eine hochenergetische Bauweise – am besten im Passivhausstandard – geboten. Bei der Wahl der Baumaterialien schließt sich der Kreis zum „Wohlfühlfaktor“. Haptisch angenehme Materialien wie z.B. Holz sind hier die richtige Wahl.

Prof. Dr. Ernst Fricke

Rechtsanwalt und Journalist, Vater eines 15-jährigen Sohnes und Vorsitzender der Elternvereinigung an Ordensschulen in Bayern (EVO) sowie des Elternbeirats am Gymnasium Seligenthal in Landshut.

Der wohl berühmteste Architekt unserer Zeit Oscar Niemeyer, hat im Alter von 104 Jahren als Resümee eines langen Lebens und zugleich als Reflexion über unsere Gesellschaft gesagt: „Die Architektur ist nur ein Vorwand.

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Wichtig ist das Leben, wichtig ist der Mensch, dieses merkwürdige Wesen mit Seele und Gefühl, das nach Gerechtigkeit und Schönheit hungert.“

Wie hätte Oscar Niemeyer unter seiner Lebensmaxime „Wir müssen die Welt verändern“ Schulen in Deutschland gebaut? Wie sehen Schulen aus, in denen man sich wohlfühlt und in denen Lernen und Lehren besser gelingen? Und wie entstehen sie? Oscar Niemeyer hätte zuallererst Kinder gefragt, dann deren Eltern, natürlich auch die Lehrer, die Schulträger und ganz zuletzt die Politik. In kirchlichen Schulen gibt es die Kommunikationskultur auch in baulichen Fragen schon lange.

Mein Sohn Ernest war im Kindergarten, in der Grundschule und ist jetzt im Gymnasium der Schulstiftung des Klosters Seligenthal in Landshut. Ein riesiges Areal, im Mittelalter am Rande von Landshut, heute mittendrin in der Stadt. Man durchschreitet ein großes Tor und ist als Schüler in einer geschützten Welt des Lernens, heute verbunden mit moderner Architektur und bemerkenswerter Liebe zum Denkmalschutz und so zum Erhalt der Klosteranlage aus dem 12. Jahrhundert. Als wir Ernest fragten, in welches Gymnasium er in Landshut gehen will, war seine Antwort ganz selbstverständlich: „Ins Gymnasium Seligenthal, da fühle ich mich beschützt.“, sagte ein 10-jähriger Grundschüler. Heute antwortet der Gymnasiast fünf Jahre später auf die gleiche Frage: „Wir haben die schönste Schule der Welt.“, moderne Klassenzimmer mit zeitgerechter Ausstattung, hell, beschützend, innovativ und offen für Veränderungen. Dieses Jahr kam eine nagelneue Mensa dazu, die ihresgleichen sucht, von der kommunikativen Atmosphäre bis zum gesunden qualitätsvollen Essen. Ein persönliches Anliegen der Äbtissin, die Freude daran hat, für ihre Schulfamilie die Zukunft auch architektonisch und mit modernen Raumkonzepten gestalten zu lassen.

Auch für staatlichen Schulen gilt, sie sind Lern- und Lebensorte. Die gesellschaftliche Debatte über Schulen, Schulformen und Schularchitektur beschäftigt sich mit nachhaltigen Veränderungen: Die Ausweitung des geregelten Ganztags, sowie die Notwendigkeit veränderter pädagogischer Konzepte in einer global vernetzten Wissensgesellschaft. Foyer und Schule verwandeln sich so in „öffentliche Räume einer demokratischen Gemeinschaft, „Lernstraßen“ ermöglichen formelle und informelle Aktivitäten und „Schaufenster“ zwischen Lernstraßen und Klassenraum lassen soziale Bezüge, Präsentation von Projektergebnissen zu.

Am staatlichen Albrecht-Ernst-Gymnasium (AEG) in Oettingen funktioniert das schon vorbildlich. Im Rahmen von „Theater träumt Schule“ in den Münchner Kammerspielen haben die Schulleiter Claudia Langer und Günther Schmalisch ihr Konzept erläutert: „Als man Schulen noch Anstalten nannten, sollten die Räume Respekt einflößen und das Mobiliar sollte das Stillsitzen sichern. Dann gab es eine Zeit, in der Lernfabriken gebaut wurden. Da wurden die Schüler häufig in einer Art Container untergebracht und selbst wie Fässer mit Stoff gefüllt.“ Und in Oettingen hat eine engagierte Direktorin mit einem innovativen Team von Eltern, Lehrern und begeisterten Schülern ein Konzept entwickelt, ein „bayerisches Gymnasium ohne Vergünstigungen und Sonderrechte, was für die Kinder der ersten Jahrgänge die Räume um ein Forum gruppiert, die von allen Seiten gut einsehbar sind.“ Es gibt keine Türen. Die Lernräume sehen anders aus als Belehrungsklassen. Die dafür veränderte Architektur eines in die Jahre gekommenen Gymnasiums trägt das Konzept: „Man kann das Wissen nicht in die Köpfe der Kinder füllen.“, so Günther Schmalisch, weil „echtes Wissen wird durch Eigenaktivität erworben“. Derzeit werden auch weitere Räumlichkeiten für die Mittelstufe und Oberstufe umgebaut. Eine „Schule in Bewegung“ ausgezeichnet mit dem „Deutschen Lehrerpreis 2013, Unterricht Innovativ“.

Auch die Anne-Frank-Realschule München, die den Deutschen Schulpreis der Robert-Bosch-Stiftung 2014 verliehen bekommen hat, besticht durch drei farblich unterschiedliche Lernhäuser. So entstand eine lernende Schule, da Schulentwicklung nicht nur bei der Gebäudeentwicklung ein Prozess ist, der nie abgeschlossen sein kann. „Voneinander lernen und eine lebendige Schule zu gestalten, bedarf einer großen Bereitschaft hinzuschauen, um verändern zu können und ständig weiter zu entwickeln.“, verkünden die Protagonisten dieses Projekts.

Von anderen Schulen lernen, ist auch das Ziel der neu gegründeten Deutschen Schulakademie. Gegründet von der Robert-Bosch-Stiftung und der Heidehof-Stiftung, wird dort der Transfer guter Schulpraxis ermöglicht werden. Auch Architektur als Urvoraussetzung für die Umsetzung dieser neuen Konzepte könnte dort vermittelt werden. „Die Vision meiner Wunschwelt ist kein statisches Gebilde, sondern hat eine in ständiger Veränderung befindliche Gestalt“, stand diese Tage im Nachruf des fast neunzigjährig verstorbenen Architekten Otto Frei. Das gilt auch für die Schularchitekten im Jahr 2015.

Alle Eltern und auch die Elternverbände in den Bundesländern sind so in der Pflicht, nicht nur solche modernen Schul- und Architekturkonzepte bei einer Exkursion zu besichtigen, sondern sich selbst vor Ort um gute Schularchitektur zu kümmern, so wie es Oscar Niemeyer fordert: „Wir müssen die Welt verändern.“

Jutta Koller

Stadträtin der Landeshauptstadt München und im Vorstand Münchner Bündnis 90/Die Grünen

Architektonische Vielfalt – auch wenn es schnell gehen muss! – In München werden in den nächsten Jahren viele neue Schulen entstehen und das muss schnell geschehen, denn unsere Stadt wächst viel schneller und stärker als noch vor Kurzem angenommen.

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Aber müssen diese Schule alle gleich aussehen?

Wir GRÜNE sagen nein. Selbst die fünf Grundschulen, die vor einiger Zeit bei einem Wettbewerb als Module entwickelt wurden, werden sich in vielem unterscheiden. Jedes Grundstück verlangt eine andere Anordnung der Module und wie die Schulen innen und außen gestaltet werden, ist offen. Trotzdem ist es gut, dass nicht noch mehr Schulen nach diesem Modell gebaut werden, denn wenn auch das Lernhauskonzept, das wir für pädagogisch wegweisend halten, sehr gut umgesetzt ist, so fehlt es doch an anderer Stelle: der Inklusionsgedanke ist nicht konsequent umgesetzt worden. Inklusion ist mehr als Barrierefreiheit und größere Toiletten.

Wir brauchen Räumlichkeiten, um Rückzug und Austoben zu ermöglichen, Spezialtherapien und Elternberatung vertraulich gestalten zu können. Wenn wir heute Schulen bauen, müssen sie für alle Kinder in einem Stadtteil nutzbar sein. Darüber hinaus bauen für Ganztagsschulen, in denen die Kinder einen Großteil ihrer Zeit verbringen. Sie brauchen also eine Umgebung, in der sie ihren Interessen vielfältig nachgehen können. Das lässt sich mit den bisherigen Raumkonzepten nicht umsetzen und wir müssen intensive Diskussionen mit dem Freistaat führen, damit die Pädagogik von morgen nicht an der Kurzsichtigkeit von heute scheitert.

Auch müssen sich die Schulen in einer immer enger werdenden Stadt in den Stadtteil öffnen, müssen noch mehr Begegnungs- und Versammlungsstätte werden. Ich glaube, wir brauchen sehr schnell einen Schulterschluss von Architekten, Pädagogen, Sozialraumplanern und interessierten Münchnerinnen und Münchnern, um gemeinsam neue Ideen von Schule zu entwickeln, die allen Belangen gerecht werden können.

Im ersten Schritt gehen wir davon aus, dass überall da, wo ein Schulneubau an einer besonders sensiblen Stelle geplant ist oder für einen Stadtteil von großer Bedeutung ist, auch weiterhin Architektenwettbewerbe durchgeführt werden und da, wo das aus Zeitgründen nicht möglich ist, sichergestellt wird, dass verschiedene Planungen geprüft werden, die die Vielfalt der Baumaterialien und Gestaltungsmöglichkeiten gewährleisten. Wir brauchen die Kreativität, die aus Häuserbau gelungene Architektur macht und aus Schulen echte Bildungslandschaften.

Kamilla Hoerschelmann

Schulleiterin Aton-Schule, München

Schulbau hat mit Raumwahrnehmung und Raumwirkung zu tun. Ein Kind verbringt während seiner Entwicklung etwa 15.000 Stunden im Bereich der Schule. Die am Lernort verbrachte Zeit beträgt damit einen beträchtlichen Teil der Kindheit.

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Sie wird somit zu einer prägenden Komponente der Lebensqualität von Kindern. Diese Lebensqualität wird durch Lebensbedingungen bestimmt, die mit einem positiven subjektiven Wohlbefinden einhergehen. Unsere Umgebung hat nachweislich einen großen Einfluss auf unsere Psyche und damit auch auf unser Wohlbefinden. Die Schule sollte die Gestaltung des Schulbaus als wichtige pädagogische Aufgabe anerkennen.

Mehrere Faktoren charakterisieren eine gelungene Lernumwelt und die Gestaltung von Klassenzimmern hängt mit dem Verhalten der Schüler zusammen. Neben der Leistungsbereitschaft der Schüler sind auch Verhaltensweisen wie beispielsweise Vandalismus teilweise darauf zurückzuführen, dass die Klassenräume nicht ausreichend gepflegt werden und einfallslos gestaltet sind.

Sowohl Kinder als auch Erwachsene werden noch mehr Zeit in Schulen verbringen. Die Bedeutung von Schulgebäuden und deren Gestaltung wächst. Die visuelle Wahrnehmung, also die Farbgestaltung, Farbwahrnehmung und Farbwirkung im Raum, sowie Faktoren wie Licht und Beleuchtung, Möblierung, Raumklima und der soziale Raum sind ebenso wie psychologische, architektonische und künstlerische Aspekte bestimmend.

Eine ansprechende und geeignete Raumgestaltung im Schulbau mit Freiflächen innen und außen eröffnet den Schülern den Weg zur Selbstentfaltung, fördert die Kreativität der Schüler, betont musisch-ästhetische und künstlerische Inhalte, bindet die allgemeinen Unterrichtsfächer in den musischen und künstlerischen Bereich ein, ermöglicht eine individuelle Förderung der Schüler, lässt Raum für individuelle Lernwege der Schüler, ermöglicht jahrgangsübergreifendes Lernen, gibt Schülern die Möglichkeit, die Fähigkeit zu selbstverantwortlichem Lernen zu entwickeln, zusammen mit Lehrern eine besondere Gesprächskultur zu pflegen und auf der Basis eines freundschaftlichen Miteinanders Schülern zu zeigen, wie Ruhe und Ordnung im Raum entsteht.

Ein Gedanke zu „Kamilla Hoerschelmann“

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Johannes Berschneider

Architekt und Innenarchitekt, Pilsach bei Neumarkt i. d. OPf.

Modulbauweise klingt zunächst nach Flexibilität. Außerdem soll es schnell und günstig sein. Bei kleineren Einheiten wie einzügigen Grundschulen mag das eine vorübergehende Lösung sein. Große Schulen haben Anforderungen, die in Modulbauweise kaum zu bewältigen sind.

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Und wenn ein Gebäude in Modulbauweise erst einmal steht, ist Schluss mit der Flexibilität, dann ist es ebenso starr wie jedes herkömmliche Gebäude.

Bei großen Gebäuden vergeht viel Zeit, um die genauen Anforderungen von Sachaufwandsträgern und späteren Nutzern, d.h. Kollegien, auszuloten. Diese Phase ist bei modular erstellten Bauwerken nicht wegzudenken, da das Gebäude, egal, wie es schließlich gebaut wird, ebenso funktional sein muss.

Ein ganz wichtiger Aspekt, der aber langfristig – und so müssen wir beim Schulbau denken – nicht durch ein bisschen Zeit- oder Kostenersparnis ausgeglichen werden kann, ist der Wohlfühlfaktor. Eine Schule wird von unterschiedlichen Personengruppen genutzt. Zahlenmäßig überwiegen die Schüler. Sie haben zwar eine kürzere Verweildauer, verbringen aber in der Schule wichtige weil prägende Jahre. Sie erinnern sich noch lange an ihre Schulzeit, und diese Erinnerung werden von einem angemessenen und schönen Lernumfeld sicher nicht negativ beeinflusst werden. Auch das (Lern-) Verhalten wird von einem entsprechenden Gebäude getragen. Ein Schüler soll beim Betreten und Aufenthalt in einer Schule ein Wohlgefühl verspüren können, seine Persönlichkeit wird im günstigen Fall gehoben. Oder, um den Gedanken zu veranschaulichen, er darf nicht das Gefühl haben, sich ducken zu müssen, wenn er in die Schule geht. Die Identifikation mit der Schule hat auch mit dem Gebäude zu tun, mit den Materialien, den Farben und aus alldem soll sich ein Spirit entwickeln, ein Gefühl von „das ist meine Schule, ich erkenne sie wieder und sie ist einzigartig“.

Bei unserer Arbeit zu Schulbauten haben wir festgestellt, dass sich pädagogische Konzepte wandeln, Klassengrößen wandeln, alles sich wandelt, es also kein Patentrezept gibt. Wichtig ist, dass die Schule von ihren Nutzern angenommen wird. Dies ist durch jeweils individuelle Planung sicher leichter zu erreichen als mit Modulen.

Neben den Schülern sollte man hier die Lehrer und Angestellten nicht vergessen. Auch ihr Arbeitsumfeld ist wichtig, auch sie sollten aus der Umgebung ein Wohlgefühl ziehen können. Denn sie verbringen, wenn auch weitgehend selbstgewählt, ihr ganzes Berufsleben in einer Schule und man darf davon ausgehen, dass das Schulleben und die Lernsituation von einem gut geplanten Gebäude positiv beeinflusst wird.

Stolz auf die eigene Schule und ihre Individualität statt Gleichmacherei und Anonymität in Modulkästen, das ist mein Wunsch für die Schule der Zukunft.

Beatrix Burkhardt

Stadträtin der Landeshauptstadt München, Bildungspolitische Sprecherin CSU, München

Viele unserer Schulbauten stammen aus dem Ende des 19. bzw. Beginn des 20. Jahrhunderts, viele Schulgebäude aus den 60iger Jahren. Schon hier treffen wunderbare historische Einzelgebäude mit unverwechselbarem Erscheinungsbild auf Betonbauten, die sich durch monotonen Einheitsstil ausweisen.

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Also eine Mischung aus Individualität und Massenphänomen, heute wie damals den steigenden Schülerzahlen geschuldet.

Um zumindest für den Neubau von weiterführenden Schulen und beruflichen Schulzentren die Individualität der Gebäude zu gewährleisten, hat der Stadtrat hier auf der Durchführung jeweils eines Architektenwettbewerbs bestanden, bei dem sehr umfangreichen Bau von Grundschulen allerdings soll auf das Ergebnis eines bereits stattgefundenen Wettbewerbs zur standardisierten Gestaltung von Grundschulen zurückgegriffen werden.

Für Kinder und Jugendliche ist die äußere Gestaltung allerdings nur zweitrangig. Natürlich wird der eine oder andere Entwurf als „cool“ bezeichnet, aber viel Interessanter ist die innere Ausgestaltung der Schulgebäude und das Angebot an Freiflächen .

Der heutige Schulalltag und das Lernverhalten haben sich den letzten Jahren deutlich verändert. Die Zeit, in der einfach nur das vorgeschriebene Raumprogramm mit den benötigten Klassenzimmerzahlen erfüllt werden musste, ist vorbei, ebenso wie der ausschließliche Frontalunterricht. Gruppenarbeit, fächerübergreifender Unterricht an unterschiedlichen Orten, Inklusion von Kindern mit verschiedenen Lerngeschwindigkeiten, gezielte Einzelförderung, vielfältige außerschulische Angebote und die zunehmende Nachfrage an Schulsozialarbeit bedürfen einer neuen und flexiblen Raumgestaltung. Aulen dienen nicht nur dem Schultheaterprogramm am Jahresende, sie werden für Schulkonferenzen oder andere schulische Angebote genutzt.

Das Programm der Lernhäuser ist sicherlich ein richtiger Weg in diese Richtung, wird aber noch in vielen Punkten aktualisiert werden müssen, denn auch hier besteht die Gefahr, dass sich die jeweiligen Lerncluster abschotten, und ein soziales Miteinander ist für einen Lernerfolg ebenso wichtig wie der vorgesehene Lernstoff. Rückzugsräume für Schüler und Schülerinnen ebenso für Lehrkräfte sind ebenso nötig wie Unterrichtsflächen, denn den ganzen Tag in der Schule zu sein, bedarf auch genug Raum, um sich sowohl regenerieren als auch lernen zu können. Dann wird Schule eben nicht nur als notwendiges Gebäude erlebt, sondern als der Raum, der individuelle Besonderheiten und Wünsche zulässt.

Prof. Ludwig Wappner

Architekt, München

„München wächst und braucht dringend neue Schulen“. Diese derzeit häufig in den Überschriften der Medien nachlesbare Ansicht erfreut einerseits natürlich die Architektenschaft.

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Sie zeigt aber andererseits auch das Dilemma und die Versäumnisse eines Bildungssystems, welches chronisch mit Prognosen und Programmen hinterherhinkt.

Es vergeht kein Jahr in Bayern, in dem nicht am Schulsystem herumlaboriert wird. Gleich welcher Schulart werden pädagogische Experimente im Dauerlauf aufgerufen, getestet und verworfen. Man hat das Gefühl, dass nicht die pädagogische Neuerung die schulische Entwicklung unserer Kinder nachhaltig beeinflusst, sondern immer noch der spürbare Geist der Schulen und natürlich auch das Schulhaus selbst, der besondere Ort in der Stadt mit hoher Identität für viele Jahre der kindlichen Prägung neben dem Elternhaus.

Warum nun eine Stadt wie München ihre schulpolitischen Versäumnisse ausgerechnet mit dem vielerorts schon gescheiterten „Modulbaukasten für neue Schulen, Schwerpunkt Grundschulen, aber auch schon Kindergärten“ kurzfristig in den Griff bekommen will, ist kaum schlüssig nachzuvollziehen.
Schule ist für viele Jahre ein wichtiger Ort der Entwicklung und Förderung von Bildung und sozialer sowie gesellschaftlicher Kompetenzen. Dazu braucht es keine modularen, gleichförmigen Aufbewahrungshäuser, sondern individuelle und stadtteilprägende Schulhäuser, die den Ort, den Kontext und insbesondere auch pädagogische Prinzipien abbilden, ohne dass alle gleich aussehen.

Dies hat Münchens Schulbaukultur in vielen Stadtteilen, gerade auch mit den stattlichen Schulen der Gründerzeit intensiv und nachhaltig geprägt und auch gezeigt, dass gerade diese Schulbauten ohne große Veränderungen alle Schulreformen über 100 Jahre locker gemeistert haben, ohne unbrauchbar zu werden.

Es liegt schon eine sichtbare Wahrheit in der oft zu hörenden Aussage, dass Architektur ein Spiegel der jeweiligen Gesellschaft darstellt, gerade im Schulbau kann man dann ganz schnell im Lande die Bildungsmisere nachvollziehen und in internationale Vergleiche setzen. Da schneidet Deutschland bekanntlich wenig gut ab.

Die Zukunft des Schulbaus liegt in der Gegenwart. Pädagogisch neue Konzepte lassen sich nachweislich auch in gut geplanten, mit stabilen Grundrissen ausgestatteten Häusern ausprobieren und umsetzen und daraus die notwendigen Erkenntnisse für zukunftsweisende Neuerungen ziehen. Dazu gehören neben mehr Räumen zur Differenzierung und für einen ganztägigen Betrieb in erster Linie aber die notwendigen Pädagogen, die es gilt, in ausreichender Anzahl bereitzustellen, da ansonsten alle Neuerungen Absichtserklärungen bleiben.

Architekten sollten aber trotz restriktiver Vorgaben und kritischer Beäugung durch „bürgerliche Aufsicht“ nicht aufhören auch im Schulbau nach vorne zu schauen und auf Augenhöhe mit der Gesellschaft wohl überlegte Experimente zu wagen. Dann hat Schulbau auch wieder mehr Zukunft!

Cornelia Hermann

Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Waldorfschulen in Bayern e.V., Gröbenzell

Prof. Nikolaus v. Kaisenberg
Architekt, Stadtplaner, Alfter

Individualität und modulares Bauen können Freunde werden, wo die Bedürfnisse der Nutzer erkannt und mit Augenmaß umgesetzt werden. – Jeder Lebensraum ist ein Lernort.

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Ist jeder Lernort auch ein Lebensraum, ein Entfaltungsort für junge Menschen und ein Verweilraum für ihre Lehrer? Erziehungs- und Bildungseinrichtungen werden immer mehr Orte für Familienersatz. Wo Schulen bisher ihren Platz im Rahmen einer sozialen Ordnung hatten, sollen sie heute selber diese Ordnung herstellen. Die gesellschaftliche Anforderung an eine Ganztagsschule z.B. stellt den Topos vom Lernen fürs Leben auf den Kopf, sie soll nun selber eine Topografie des Lebens und Lernens gestalten. Dies kann gelingen mit einer neuen Schulentwicklung. Erziehung und Bildung werden dann den Stellenwert in der Stadtstruktur anfragen, der ihnen nach diesem Anforderungsprofil zukommt

Die Schule steckt im Schulhaus wie ein Kind in seinen Kleidern. Ja, die Kleidung zwickt. Sie folgt nicht den Bewegungen. Die Haltung und der Gang haben sich der Einschränkung angepasst. Wo die Passung zwischen pädagogischem Ansatz und Schulgebäuden defizitär ist, wird der Anspruch auf Übereinstimmung von Form und Inhalt oft geleugnet, als sei die artgerechte Haltung von Lebewesen ein Ideal nur für den Zoo. Körperliches Wohlbefinden von Kindern ist die erste Voraussetzung für Ankommen und Öffnung, für Erlebnis- und Lernbereitschaft. Es verlangt vom Haus physische Grundeigenschaften. Das psychische Befinden folgt einer Form, Farb- und Lichtgestaltung, in der sich Dialogbereitschaft des Gebäudes äußert. Soziales Verhalten orientiert sich am Sozialverhalten der Gebäudeteile. Stehen sie in Wahrnehmung zueinander oder sind sie Vorbilder gegenseitiger Ignoranz? Schüler reagieren auf pädagogische Ambiguität ebenso irritiert wie auf widersprüchliche Aussagen der Umgebungsbauten.

Die körperliche Erfahrung gebauter Konzepte löst Schlüsselerlebnisse aus, die auf unser Denken und Handeln einschränken oder erweitern. Wie beziehen wir die Entwicklung pädagogischer Profile und architektonischer Räume so aufeinander, dass sie sich gegenseitig steigern, und wie kann eine Schulgemeinschaft an diesem Prozess beteiligt werden?

Wo die gute Form bisher als Ansichtssache galt; suchen Schulen mit ihren Planern nun das gemeinschaftliche Buchstabieren objektiv erfahrbarer Wirkungsparameter. Wenn Bauten die Spur des zurückgelegten Weges sind, dann fragt die Zukunftsschule nach Werkgestaltung durch Weggestaltung. Objekt- und Prozessgestaltung kommen dann in der baulichen Schulentwicklung zur Deckung.

Prof. Andreas Hild

Architekt, München, Berlin

Das Bauen mit Modulen ist vermutlich so alt wie das Bauen selbst. Was sich im Laufe der Jahrhunderte verändert hat, ist allein die Größe der Module.

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War bereits der erste Backstein ein industriell erstelltes Modul, das handwerklich verarbeitet wurde, so ist ein Container ein ganzer Raum, der industriell hergestellt und mit anderen Elementen zu einem Haus kombiniert wird. Dieses Vorgehen erscheint wirtschaftlicher, schneller, universeller anwendbar als andere Bauweisen. Spricht da etwas dagegen?

Den wirtschaftlichen Vorteilen einer Massenfertigung großer Einheiten steht als Nachteil deren mangelnde Flexibilität gegenüber. Je größer das Modul, desto geringer dessen Anpassungsfähigkeit an individuelle Gegebenheiten. Industriell oder halbindustriell erzeugte Einheiten können nach der Fertigung kaum mehr handwerklich beeinflusst werden. Der ökonomische Gewinn, welchen die industrielle Reproduzierbarkeit des Gebauten mit sich bringt, kehrt sich deshalb um, sobald das Modul systematische Schwächen hat. In der Praxis explodieren daher ab einem bestimmten Punkt die Unterhaltskosten. Vor diesem Hintergrund können die zahlreichen bisherigen Versuche, mit vorgefertigten Containern zu arbeiten, als gescheitert gelten. Schwer zu sagen, ob das im vorliegenden Falle anders sein wird.

Ich vermute aber, dass das Misslingen des industriellen Häuserbaus systematischer Natur ist. Systematischer Natur deshalb, weil sich ihm der tatsächliche Lebens- und Gebrauchszyklus von Gebäuden aus oben genannten Gründen widersetzt. Die Automobilindustrie hat es mit Abermillionen von produzierten Fahrzeugen und annähernd 100 Jahren Erfahrung unter großer Mühe zu einer durchschnittlichen Produktlebensdauer von 12 Jahren gebracht.

Lassen wir einmal die Erfahrung und die Stückzahl weg: Selbst wenn wir es schaffen könnten, die Lebensdauer der Containergebäude gegenüber der von Autos zu verdoppeln, dann bliebe es bei 24 Jahren. Dies dann noch kombiniert mit schon vom Vergaberecht vorgegebenen unterschiedlichen Generalanbietern, die ihre jeweiligen Eigenentwicklungen einbringen, ermöglicht aus meiner Sicht keine nachhaltige Wirtschaftsweise, weder in ökonomischer noch in ökologischer Hinsicht.

Jenseits solcher Überlegungen ist eine andere Frage für die aktuelle Debatte zentral, nämlich: Welches Bild von Schule liegt dem Konzept der Stadt München zugrunde? Eine industrielle Massenfertigung von Gebäuden ausgerechnet im Bildungssektor zu versuchen, scheint mir weder technisch noch didaktisch geboten. Ich ließe mich aber gerne überraschen: Falls in den entindividualisierten Schulen wirklich ein individuellerer Unterricht stattfinden sollte, soll mir das Recht sein. Für wahrscheinlich halte ich es allerdings nicht…

2 Gedanken zu „Prof. Andreas Hild“

  1. Das Thema der Modularität ist schon fast so alt wie die Architektur selbst und scheint tief verwurzelt zu sein. – Wie schon von Herrn Hild erwähnt, birgt sie Vor- und Nachteile, auf die man immerzu eingehen kann. Hier trifft schnell, einfach, günstig auf den Umgang mit dem Material, nah an der Monotonie und der schwierigen Flexibilität der Nutzung. Wobei ich denke, dass ein intensives Auseinandersetzen mit dem Modul auch Lösungen hierzu liefern kann. Jedoch ist die Gefahr groß, dass alles gleich oder zumindest ähnlich aussieht und sich die Architektur von Normen der Industrie, der Produktion leiten lässt, und nicht vom Architekten.

    Dabei muss sich das Modul den Bedürfnissen anpassen und nicht anders herum. – Architektur darf sich nicht zu einem Industrieprodukt entwickeln, sondern muss eigenständig und auch einzigartig bleiben. Denn sonst befinden wir uns allzu bald in einer Monotonie von Bauten, die die Fähigkeiten, Architektur zu bewerten erschlagen. Kurz: Architektur ist wie der Mensch, er will auch keine Zahl / keine Nummer sein, sondern ein Individuum. So will sich auch Architektur beweisen und gerade die Einzigartigkeit eines Menschen zeigen. Architektur ist und bleibt damit am Ende des Tages eine Entscheidung, die ein Mensch aus ästhetischen Gründen trifft. Und Ästhetik ist und bleibt anders, durch unterschiedlichste Perspektiven entsteht nie das gleiche Bild. Jeder nimmt im gleichen Bild etwas anderes wahr.

    Ein kleiner Exkurs:

    Zu Beginn des 19. Jahrhundert waren wir fasziniert von den schier unendlichen Möglichkeiten der Technik, waren auf einem Zug, der nicht mehr stoppt, immer geradeaus, ohne zu sehen, wo wir hinfahren, oder von wo wir kamen. Wir bauten und entwickelten uns stetig weiter, doch auch hier kam der Zeitpunkt, in der „alles“ gleich aussieht, ein Stillstand, geprägt vom industriellen Zeitalter. Eine Gruppe in der Arts & Crafts Bewegung sehnt sich zurück nach alten Traditionen, das Handwerk wird wiederentdeckt. In den folgenden Jahren entstehen aus ihr neue Architekturrichtungen, weg von der scheinbar „einseitigen“ Architektur. Es kommt wieder zur Wiederentdeckung der Baukunst. Auch heute hält die Arts & Crafts Bewegung an, jedoch wird sie immer kleiner. Wir scheinen heute fast festgefahren zu sein. Alles muss schneller sein und wir nehmen immer alles wahr, starren auf das Handy und wenn wir etwas Schönes sehen, so müssen wir es teilen. Nicht aus Gefallen anderer, sondern aus Interesse an einem selbst, um zu zeigen, wo wir waren, was wir gemacht haben. Wir wollen alles reproduzieren können und sind eine Nation geprägt von der Industrie, obwohl wir es gar nicht sagen wollen. Wie viele Möbel haben Sie noch Zuhause stehen, die handgemacht sind?

    Damit bin ich nicht konsekutiv gegen die modulare Vorgehensweise, jedoch müssen wir uns bewusst sein, wie wir mit ihr umgehen können. Es kann als ein Aufruf verstanden werden, sich intensiver mit der Architektur und den Baustrukturen auseinanderzusetzen. Man schaue sich doch nur die Plattenbauten in Ostberlin an. Auch hier können große Qualitäten gefunden werden, so kann man nicht grundsätzlich sagen, dass der Plattenbau in der modularen Vorgehensweise schlichtweg schlecht ist, auch hier können große Qualitäten gefunden werden. Man schaue sich beispielsweise den „recycelten Plattenbau“ von Muck Petzet in Hoyerswerda an, oder auch die Unite d‘habitation von Le Corbusier. Ebenso denke ich, dass man auch in Schulbauten gut mit dem Material der „Platte“ umgehen kann.

    Die Frage ist nur, wie wir damit umgehen.

  2. Ein schöner Kommentar und eine interessante Antwort von LE. Tatsälich ist die „Platte“ wunderschön. Es geht darum was wir Architekten daraus machen!

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Dr. Otto Seydel

Pädagoge und Schulreformer, Überlingen – Hödingen

Die Nutzungsdauer von Schulgebäuden wird – wie die von anderen öffentlichen Bauten auch – mit einem Zeitraum zwischen 50 und 80 Jahren berechnet.

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Welche gesellschaftlichen und pädagogischen Anforderungen an eine Schule im Jahr 2095 gestellt werden, ob es dann Schulen im herkömmlichen Sinn überhaupt noch geben wird – die Fragen wagt vermutlich selbst der mutigste Bildungsforscher kaum ernsthaft zu beantworten, selbst für das frühere Datum 2065 nicht. Fortschreibungen gegenwärtiger pädagogischer Entwicklungstendenzen würde ich im besten Falle für die nächsten 10 bis 15 Jahre vertreten wollen.

Anpassungsfähigkeit an einen Wandel der pädagogischen Konzepte – weitergehend: Anpassungsfähigkeit sogar an eine mögliche Umnutzung – wäre die erste Anforderung, die ein Schulträger an die Konzeption eines zukunftsfähigen Schulgebäudes zu stellen hat.

Damit liegt das Dilemma auf der Hand: Die Passung des Raumkonzept mit dem heutigen Entwicklungsprogramm der Schule ist gleichzeitig geboten. Einen Weg zur Lösung dieses Dilemmas bietet zunächst die Verständigung auf Prinzipien, die den pädagogischen Paradigmenwechsel der letzten Jahre kennzeichnen und die erhebliche Auswirkungen auf die räumliche Organisation einer jeden Schule haben:
– von der frontalen Instruktion als „Normalfall“ von Unterricht zu einem flexiblen Wechsel von Einzelarbeit, Tandems und Kleingruppen, Vortrag im Klassen- oder Jahrgangsverband;
– von „Paper & Pencil“ zu einem handlungsorientierten Unterricht „mit allen Sinnen“;
– vom homogenen Klassenverband zu einer höchst heterogenen Gruppenzusammensetzung in einer inklusiven Schule;
– von einer Halbtagsschule zu einer rhythmisierten Ganztagsschule, in der es um weit mehr geht als nur um prüfungsgeleitetes Lernen.

Der moderne Schulbau in Europa hält inzwischen auf diese Herausforderungen erfolgreich erprobte Lösungsvarianten bereit: vom „Klassenraum plus“ (einem deutlich vergrößerten Klassenraum) über transparente Clusterlösungen bis zur offenen Lernlandschaft für Großgruppen. Je nach örtlichen Gegebenheiten und pädagogischen Profil sieht die notwendige „Passung“ von Schule zu Schule anders aus. Die seit über hundert Jahren etablierte Standardlösung der ein- oder zweihüftigen Flurschule mit „Schuhkarton“-Klassen taugt für die Anforderungen im 21. Jahrhundert nicht mehr – auch wenn wir heute noch nicht sagen können, wie die Schule im Jahr 2065 aussehen wird.

Stefanie Remlinger

Abgeordnete für Bündnis 90/Die Grünen im Abgeordnetenhaus von Berlin, Berlin

Gute Schulen oder starres Setzkastenprinzip – Die Berliner Bildungspolitik steht vor einer großen Herausforderung: Als wäre der Sanierungsstau in den bestehenden Schulen von mindestens zwei Milliarden Euro nicht Aufgabe genug, wachsen auch noch unsere Schülerzahlen rapide an.

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Besuchen im laufenden Schuljahr noch 297 000 Schülerinnen und Schüler den Unterricht, werden es im Schuljahr 2023/24 bereits 337 000 sein – ein Zuwachs von 40 000 jungen Menschen. Die logische Folge heißt: Wir müssen bauen, und zwar jetzt! Meine Fraktion der Berliner Grünen im Abgeordnetenhaus fordert deshalb zusätzlich zu den Senatsplanungen ein Investitionsprogramm Schulneubau in Höhe von mindestens 400 Millionen Euro.

Doch was tut der Senat? Seit 2011(!) warten wir auf eine neue Schulentwicklungsplanung. Jetzt plötzlich, angeblich völlig überrascht vom steigenden Raumbedarf, setzen die Verantwortlichen auf Modulbau-Serien mit starr einheitlichen Raumprogrammen. Das mag für Viele auf den ersten Blick eine schnelle, bezahlbare und dem wachsenden Bedarf angemessene und vielleicht sogar moderne Antwort sein. Ich persönlich halte sie für grundsätzlich verkehrt.

Die moderne Pädagogik weiß: Das Wort vom Gebäude als „Dritter Pädagoge“ ist kein leeres Gerede. Vielmehr dürfen negative Auswirkungen falsch gebauter Schulen inzwischen als empirisch nachgewiesen gelten. Es geht um weit mehr als nur „ein Gefühl“ von Wohlbefinden und Zufriedenheit von SchülerInnen wie Lehrkräften. Nein, Schulgebäude haben ganz konkret Auswirkungen auf ihre Gesundheit und Motivation, auf Fehl- und Krankheitszeiten, auf aggressives, vandalistisches Verhalten sowie auf die Konzentrationsfähigkeit, Arbeitsgeschwindigkeit und allgemein Leistungsfähigkeit.

Deshalb ist es so wichtig, die Fragen zu stellen: Wie einladend möchten wir Schulgebäude gestalten? Wie setzen wir pädagogische Ansätze wie Ganztagsunterricht und Inklusion baulich um? Wo können multiprofessionelle Teams sich finden? Passen Binnendifferenzierung und individuelle Förderung tatsächlich gut zu einheitlich normierten Rechtecken? Wie beziehen wir die NutzerInnen der Gebäude in ihre Gestaltung mit ein?

Gute Gebäude-Architektur respektiert die Ansprüche und Anforderungen derjenigen, die die Räume täglich nutzen. Im Schulbereich heißt das: Schon in der äußeren Gestaltung wird die Rolle der Bildung in unserer Gesellschaft als Wert an sich deutlich. Schul-Architektur schafft eine gesunde Lern-Atmosphäre, in der Licht, Luft und Raum von großer Bedeutung sind. Sie könnte, besonders was ökologische Nachhaltigkeit angeht, Vorbild sein für neue Methoden und Konzepte hinsichtlich von Baustoffen und energetischer Bewirtschaftung mit der Vision, Schulen irgendwann sogar als Aktivhäuser zu gestalten. Das wäre eine Bildungsinspiration!

Die Politik hat die Aufgabe, mit intelligenten Architekturkonzepten die Schul- und Unterrichtslandschaft des 21. Jahrhunderts zu gestalten. Es muss unser Ziel sein, mit kreativen Ideen neue, dem Bildungsauftrag entsprechende Lösungen zu erarbeiten. Modulbauten sind ein Notnagel – sie sollten nicht zum Sargnagel der Schularchitektur werden.

Henrike Paede

Bayerischer Elternverband e. V., Stellvertretende Vorsitzende und Sachgebietsleiterin Förderschule/Inklusion

Schulbauten – Wie soll die Schule der Zukunft aussehen?

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Gebäude
– Null- oder Niedrigenergiehäuser
– möglichst viel Tageslicht (ohne Blendung) mit Sonnenschutz, wenig Kunstlicht
– Beleuchtung schatten- und blendfrei
– Fenster müssen zumindest oben zu öffnen sein (Frischluft)
– für heiße Tage künstliche Belüftung und Kühlung ohne Zugluft
– Sonnenschutz (kein rot, kein gelb!)
– Sekretariat und Lehrerzimmer zentral gelegen
– System für Abfalltrennung
– Plätze für Schlechtwetterpausen mit Bewegungs- und „Lümmel-Möglichkeiten“
– Ruhezonen für individuelle Pausen/Rückzugsmöglichkeit
– freundliche Farben

Gänge, Treppenhäuser, Eingangsbereich
– farbliche Absetzung/Seitenstreifen für Sehbehinderte, Markierung der Treppenkanten
– viel Platz für Garderobe mit Fächern für Schuhe etc.
– Aufzug für Rollstuhlfahrer
– Rollstuhlgeeigneter Bodenbelag
– Automatische Türen oder Schalter zum Öffnen (für Rollstuhlfahrer)

Klassenzimmer bzw. Lernräume
– gute Schalldämmung: z. B. Teppichboden (auf Rollstuhleignung achten)
– Lerninseln (z. B. nach Fächern oder frei kombinierbar) mit Stauraum für entsprechendes
Lernmaterial
– Raum für klassenübergreifendes freies Lernen zwischen den Klassenzimmern, mit Platz für Lernmaterial, Regalen…
– Raum für Prüfungen Einzelner (für individuelle Prüfungszeiten), z. B. Glaskasten
– variables Mobiliar, das trotz Teppichboden verschiebbar/rollbar ist
– höhenverstellbare Stühle und Tische UND Stehpulte
– Stühle mit Sitzpolstern, auf Rückengerechtigkeit achten (keine nach hinten abfallenden Sitzflächen!)
– andere Sitzmöbel (Ball, Wippstühle, …)
– Lesebereich (z. B. Sofas)
– Bodenpolster zum Arbeiten auf dem Boden
– einige Räume für FI-Anlagen vorgerüstet (für hörbehinderte Schüler)
– helles Licht ohne Blendung und ohne Schatten auf den Arbeitstischen
– individuelle Fächer, verschließbar

Sonstige Räume
– Aula oder Mehrzweckraum mit echten Türen (kein “Mehrzwecktreppenhaus”), Bühne und Verstärkeranlage
– Elternsprechzimmer (mehrere)
– Elternbeiratszimmer
– Sanitätsraum
– Zimmer für Schulsozialarbeit / Schulpsychologen