Prof. Dr. Christiane Thalgott

Architektin, Stadtplanerin und Stadtbaurätin a.D.

Was bestimmt wesentlich die Raum- und Nutzungsverteilung in unseren Städten? Im Alltag der Verkehr und die Ökonomie. Viel weniger die Baugesetze!

Die Ökonomie, das ist in der Stadt die Immobilienwirtschaft, aber auch auf dem Land die Bodenrente.

Seitdem deutsche Immobilien, mit der Finanzialisierung des Bodens, nach dem Bankencrash 2008, internationales Handelsgut geworden sind, sind die Bodenpreise in vielen Städten so gestiegen, dass junge Haushalte weit mehr als die für erträglich erachteten 30% des Einkommens für Mieten zahlen müssen; an Eigentumsbildung können sie gar nicht denken. ‚Wer nichts erheiratet und nichts ererbt, bleibt ein armer Schlucker bis er sterbt’, so hieß es früher und heute wieder. 

Die Wohnungssuche treibt die jungen und die alten, alle weniger zahlungskräftigen Menschen, aus der (inneren) Stadt, weil dort die Bodenpreise am höchsten sind. Aber auch Handwerk, Kultur und Kleingewerbe können sich die teuren Standorte nicht mehr leisten. 

So stirbt die lebendige Vielfalt in den Quartieren, das was Stadt ausmacht. 

Der freie Markt leistet keine ‚gerechte’ und keine vielfältige Nutzungsverteilung; er allokiert was die höchste Rendite verspricht, heute Wohnen, morgen Büro, möglichst einfach und groß. 

Nur wenn die öffentliche Hand, die Städte, mit Konzeptverfahren die Nutzungsmischung so steuern, dass der gewünschte Mix von arm und reich, kinderreich und single, Kunst und Gewerbe, großen und kleinen Raum findet, und zwar auf Dauer, kann städtebauliche Qualität und können beliebte Quartiere auch im Neubau entstehen (in Immobilien verwandelte abgestellte Geldsäcke schaffen das nicht). 

Im Bestand müssen die Städte alle gesetzlichen Instrumente klug anwenden und einige noch dazu bekommen, wie ein preislimitiertes Vorkaufsrecht und ein allgemeines Umwandlungsverbot von Miet- in Eigentumswohnungen, um die Gentrifizierung der Altbauquartiere zu verhindern, was neben Mietern ja auch alles kleine, weniger zahlungsfähige Gewerbe vertreibt. Zurück bleiben sonst schöne unbelebte Luxus’ruinen’ an Stelle lebendiger Quartiere. 

Unsere Straßen dienen fast ausschließlich und mit deutlichem Vorrang dem Autoverkehr. Fußgänger und Radler, die ‚weichen’ Verkehrsteilnehmer sind ständig gefährdet, Kinder und alte Menschen, die nicht so schnell bei Seite springen können, sind besonders an die Wand gedrängt. Die Diskussion hat endlich, nach dem schweren Unfall -SUV:Fußgänger- in Berlin, aus der Fachpresse in die Gesellschaft und Politik gefunden. 

Wie selbstverständlich sind alle Straßenränder von parkenden PKW besetzt. Reihenweise sind 10-12qm teuerster Stadtboden für privates Blech okkupiert. Wieso eigentlich? Niemand dürfte sein Bett, seinen Schrank, oder gar ein Minihaus oder Kiosk, nicht mal einen eigenen Baum, dorthin stellen. 

Hier wäre dringend Stadtraum für die Gemeinschaft zurück zu erobern, für Grün und Bäume, für Aufenthaltsflächen, für Bänke und Treffpunkte. Hier und da ein Kiosk oder Gartenhaus wäre auch nicht verkehrt.

Alle schnellen E-Mobile -Räder, -Roller etc. gehören auf die Straße, sie sind ökologisch kein Gewinn, eher Energiefresser und zu schnell. Auch Lieferfahrzeuge müssen auf der Straße bleiben und natürlich insgesamt so wenige Autos wie möglich in die Stadt.

So könnte die Aufenthaltsqualität in der Stadt großartig werden, Raum für klimawirksames Grün entstehen, es wirklich schön auf unseren Straßen und Plätzen sein und auch wesentlich ruhiger, wenn der Verkehrslärm fast ganz entfällt. 

Das könnte gleich umgesetzt werden, die Flächen gehören ja der Stadt; man muss ‚nur’ wollen und tun, und dann vielleicht das Blech statt der Menschen in die Außenbezirke verweisen. An einer Straße könnte man ja gleich mal beginnen und üben! Es gibt erfolgreiche Vorbilder wie Tokio oder Amsterdam.

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